Den Kopf voller wippender Locken, auf den Lippen fast immer ein fröhliches Lachen. So kannte man die israelische Nobelpreisträgerin für Chemie, Ada Yonath. Am 31. August ist sie im Alter von 87 Jahren gestorben. Sie hinterlässt eine Tochter und eine Enkeltochter.
»Weil ich lockiges Haar habe, hieß es in Israel immer: ›Locken bedeuten einen Kopf voller Ribosomen‹«, sagte sie einmal in einem Interview. Denn es war Yonath, die als Erste die Struktur und damit die Funktion des sogenannten Ribosoms beschrieb, das man auch »Proteinfabrik in der Zelle« nennt. Es übersetzt das genetische Programm unseres Körpers in Proteine, die dann die eigentliche Arbeit verrichten. Um zu verstehen, wie dies vor sich geht, kristallisierte Yonath in ihrer Forschung das Ribosom und untersuchte es anschließend röntgenologisch. Viele renommierte Wissenschaftler hatten sich daran zuvor bereits versucht und waren gescheitert. Sie aber hatte Erfolg.
Für ihre spektakuläre Entdeckung wurde ihr der Nobelpreis für Chemie verliehen – als erster Frau nach 45 Jahren. Die prestigeträchtigste Auszeichnung erhielt Yonath im Dezember 2009 gemeinsam mit Thomas Steitz von der Yale University sowie Venkatraman Ramakrishnan von der Universität Cambridge. Sie freute sich riesig, denn die Bekanntgabe der Verleihung machte das Ribosom »einem breiten Publikum bekannt«, wie sie immer wieder betonen sollte. Vor allem aber ermöglichte das Verständnis der Funktionsweise die Entwicklung neuer Arzneimittel.
Ziel ihrer Arbeit war die Entwicklung maßgeschneiderter Antibiotika.
Die erste Anwendung ihrer Forschung war die Entwicklung neuer Antibiotika. Yonath entschlüsselte auch den genauen Wirkmechanismus vieler dieser Mittel gegen Infektionserreger und forschte dazu, wie Bakterien resistent dagegen werden. Eines der Ziele ihrer Arbeit war es, Unterschiede zwischen den Ribosomen verschiedener Bakterien zu finden, um maßgeschneiderte Antibiotika im Kampf gegen diese Resistenzen herzustellen.
Dutzende von Auszeichnungen neben dem Nobelpreis
2001 wurden die Forschungsergebnisse der Israelin in der renommierten Fachzeitschrift »Nature« veröffentlicht. Und im Laufe der Jahre wurde sie neben dem Nobelpreis mit Dutzenden weiteren Auszeichnungen bedacht, darunter dem Israel-Preis, der Ehrendoktorwürde des Technion in Haifa, dem Internationalen Albert-Einstein-Preis für Wissenschaft, der Röntgenplakette sowie dem L’Oréal-UNESCO-Preis für Frauen in der Wissenschaft. Gern erzählte sie, wie das Weizmann-Institut für Wissenschaften in Rechovot ihr – der Nobelpreisträgerin – lediglich ein kleines Büro in der Nähe der Toilette zugewiesen hatte, und lächelte dabei schelmisch. Und doch blieb sie dem Institut bis an ihr Lebensende verbunden.
Instituts-Präsident Alon Chen würdigte sie mit folgenden Worten: »Ada war eine außergewöhnliche Wissenschaftlerin, die sich nicht scheute, einen Weg einzuschlagen, den andere für unmöglich hielten, und ihn jahrzehntelang mit Entschlossenheit, Neugier und Mut zu beschreiten.« Auch Staatspräsident Isaac Herzog verabschiedete sich von ihr und sagte: »Ihre bahnbrechenden Entdeckungen haben die Wissenschaft revolutioniert und dem Staat Israel große Ehre eingebracht. Wir werden Professorin Yonath für ihre Bescheidenheit, die Originalität ihres Denkens und dafür in Erinnerung behalten, dass sie ein Vorbild und eine Inspiration für Generationen von Wissenschaftlern in Israel und auf der ganzen Welt war.«
Yonath wurde 1939 als Ada Lifshitz in Jerusalem geboren. Ihr Vater war zuvor aus Polen eingewandert. Die Eltern betrieben einen kleinen Lebensmittelladen. Als Ada elf Jahre alt war, starb er. Das Mädchen musste mitarbeiten, um die Familie über die Runden zu bringen.
»Meine Mutter war überfordert, und ich habe alle möglichen Jobs angenommen, darunter Putzen, Babysitten oder Nachhilfe geben«, erzählte Ada Yonath über ihre Kindheit.
»Meine Mutter war überfordert, und ich habe alle möglichen Jobs angenommen, darunter Putzen, Babysitten oder Nachhilfe geben«, erzählte Ada Yonath über ihre Kindheit. Die Situation änderte sich, als die Familie nach Tel Aviv zog und Ada eine neue Oberschule besuchte. Ihren anschließenden Wehrdienst in der israelischen Armee leistete sie als Sanitäterin, wo sie die unterschiedlichsten medizinischen Probleme kennenlernen sollte.
Anschließend studierte Yonath Chemie an der Hebräischen Universität in Jerusalem und schloss ihr Promotionsstudium am Weizmann-Institut mit Auszeichnung ab. Als Postdoktorandin forschte sie danach in Pittsburgh und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Doch über viele Jahre hinweg wurde sie von ihren Kollegen nicht ernst genommen. »Es war ein langer Weg von mehr als zwei Jahrzehnten, auf dem ich von Wissenschaftlern weltweit als Träumerin oder sogar Lügnerin bezeichnet wurde. Ich kann diese Reise mit der Besteigung des Mount Everest vergleichen«, beschrieb sie es einst.
Gründerin des ersten Labors für biologische Kristallografie des Landes
Ende der 70er-Jahre kehrte Yonath nach Israel und ans Weizmann-Institut zurück, wo sie das erste Labor für biologische Kristallografie des Landes gründete. In einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin »The Marker« betonte sie, dass sie hier zu Hause angekommen sei. »Das Weizmann-Institut ermöglichte es mir, auf diesem Gebiet zu arbeiten und es zu erforschen. Hier glaubte man an mich, erkannte die Fortschritte in der Forschung, auch wenn sie langsam waren. Und man ließ mich weitermachen.«
Außerdem habe sie ihre Familie hier, ein »wunderbares Team, und ich schätze die israelische Arbeitsweise sehr«. Ada Yonath war zeitlebens als besonders zugängliche Wissenschaftlerin bekannt, die sich mit Studierenden immer auf Augenhöhe austauschte und sich für Kolleginnen und Kollegen einsetzte.
Mitte der 90er-Jahre perfektionierte Yonath ihre Methoden und bekam schließlich die ihr gebührende Anerkennung. Dazu sagte sie: »Ich entwickelte neue Techniken, die heute in Laboren weltweit Anwendung finden. Eine davon ist die Kryo-Biokristallografie. Dabei werden Kristalle Temperaturen von minus 185 Grad Celsius ausgesetzt, um die Zerstörung ihrer Strukturen durch Röntgenstrahlen zu minimieren.«
Sie beschrieb auch, wie besonders der Tag war, an dem sie dieses Experiment zusammen mit ihrem Team erstmals erfolgreich durchgeführt hatte: »Es war einer dieser wunderbaren Heureka-Momente.« Kein Wunder, dass ihr dies gelingen sollte. Denn unter ihrer bewundernswerten Haarpracht steckte ein noch bewundernswerterer kluger Kopf.
»Es bedarf kaum einer Erklärung, warum Ada Yonath eine ganz bestimmte Version des zionistischen Traums verkörperte. Von einer Kindheit in bescheidenen Verhältnissen in Jerusalem bis zur Nobelpreisverleihung in Stockholm – ihr Leben verdeutlichte all das Schritt für Schritt«, schrieb Shai Friedman in einem Nachruf auf der israelischen Nachrichtenseite Ynet. »Sie brachte Israel mehr als den Nobelpreis. Sie lehrte eine ganze Generation das Träumen.«