Kolumne

Shkoyach!

Foto: Stephan Pramme

Die Erzählung geht so: Am Gordon Beach triffst du die Frankfurter Juden, die Münchner tummeln sich am Hilton Beach. Wo genau ich einmal dem Schriftsteller, Kolumnisten und Ex-Münchner Maxim Biller samt seiner Entourage begegnet bin, kann ich nicht mehr rekonstruieren. Tel Avivs Sonne kann auch im September noch unerbittlich sein: Vielleicht habe ich das Treffen auch nur halluziniert.

Ganz genau erinnere ich mich allerdings, wo ich bei meinem letzten Israel-Besuch im September 2023 Abkühlung und Ablenkung von den Reizen des Strandlebens fand – nämlich in der russischsprachigen Buchhandlung »Babel« in der Allenby Street.

Nur wenige Minuten von der Strandpromenade entfernt, findet man sich plötzlich in einem kleinen, enorm gut sortierten Buchladen wieder, den man eigentlich komplett leerkaufen möchte. Denn bei »Babel« ist gefühlt alles erhältlich, was zuletzt an hochwertigen Büchern in russischer Sprache verlegt wurde. Wer weiß, ob all diese Philosophie-, Lyrik- und Kunsttheoriebände in Putins Russland überhaupt noch erhältlich sind.

Tel Avivs Sonne kann unerbittlich sein. Vielleicht habe ich das Treffen mit Maxim Biller am Strand nur halluziniert.

Aus Belarus weiß ich jedenfalls, dass die wenigen unabhängigen Verlage und Buchhandlungen weitestgehend Lukaschenkos Repressionsapparat zum Opfer gefallen sind. So kam mir »Babel« wie eine Insel der durch Krieg und Diktatur bedrohten und zur Auswanderung gezwungenen russischsprachigen Intelligenzija vor.

Russische und ukraninische Neuwanderer flohen vor Putins Krieg nach Israel

Und diese ist zahlreicher geworden. Denn seit 2022 ist in den Straßen Tel Avivs nicht länger nur das eingerostete, mit hebräischen Vokabeln durchsetzte Russisch der assimilierten Einwanderer(-kinder) aus der Ex-UdSSR zu hören, sondern auch das akzentfreie, zeitgenössische Russisch der jüngsten Olim – russischer und ukrainischer Neueinwanderer, die vor Putins Krieg nach Israel geflohen sind.

Da mein Hebräisch-Wortschatz noch immer aus maximal zehn Wörtern besteht, bin ich jedes Mal erleichtert, in Tel Aviv – wie mittlerweile eigentlich überall in Israel – meistens auch mit Russisch durchzukommen, wenn Englisch nicht mehr weiterhilft. Das gilt übrigens auch für Tel Avivs Strände, wo damals im September kaum Deutsch zu hören war – dafür umso mehr Russisch. Da Israel nach Putins Überfall auf die Ukraine keine Sanktionen gegen Moskau erließ, wurde der jüdische Staat zwischenzeitlich zu einem interessanten Reiseziel für russische Touristen.

Da mein Hebräisch-Wortschatz noch immer aus maximal zehn Wörtern besteht, bin ich erleichtert, meistens auch mit Russisch durchzukommen.

Wehmütig denke ich an meinen Israel-Urlaub zurück, der am 21. September 2023 endete. Zwei Wochen später lösten die islamistischen Terrormassaker im Süden des Landes den Krieg gegen Hamas und Hisbollah aus. Daraufhin hörte ich von etlichen 2022 eingewanderten Russen und Ukrainern, die Israel auf der Suche nach dem nächsten sicheren Hafen verließen.

Inzwischen hat das Auswärtige Amt die generelle Reisewarnung für Israel aufgehoben, und sogar die notorisch ängstliche Lufthansa fliegt wieder den Ben-Gurion-Flughafen an. Hoffentlich bleibt es dabei. Dann kann ich bald herausfinden, wo man die Frankfurter und die Münchner wirklich trifft – und ob »Babel« auch weiterhin die besten russischen Bücher der Welt führt.

Leipzig

Nach Ofarims Dschungel-Triumph: Influencer sammelt Spenden für Markus W.

Der Mann, den der Musiker 2021 fälschlicherweise des Antisemitismus beschuldigt hatte, bedankt sich und plädiert für Transparenz

 17.02.2026

Tom Shoval

»Es ist schwer, den Kreis zu schließen«

Im Rahmen der Berlinale wird die Doku »A Letter to David« gezeigt, dieses Mal als komplette Version. Ein Interview mit dem Regisseur

von Katrin Richter  17.02.2026

Interview

»Diese Initiative kann eine Brücke sein«

Der Dokumentarfilmer Yair Qedar über den Berliner Auftakt zum ersten »Aleph Festival« der hebräischen Sprache und Kultur

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Dschungelcamp

Was macht Gil Ofarim mit seinem Geld vom RTL-Dschungelcamp?

Er erhält eine Antrittsgage für seine Teilnahme bei »Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!« - und 100.000 Euro für die Krönung zum Dschungelkönig obendrauf. Das hat der Musiker mit dem Geld geplant

von Anna Eube  16.02.2026

Karneval

Gegen Judenhass in de Bütt gestiegen - diesen Redner muss man lieben

Bei der Mainzer Fastnacht hält »Till« eine bemerkenswerte Rede über den wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Eine Wohltat für den sonst so schrecklich unpolitischen Karneval

von Martin Krauß  16.02.2026

Weltraumtechnologie

Wo Sterne und Start-ups funkeln

In der Wüstenstadt Mitzpe Ramon im Süden Israels soll in den nächsten Jahren eine »Space City« samt Mars-Simulation entstehen

von Sabine Brandes  15.02.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  15.02.2026

NS-Zeit

Die gleichen Stationen eines viel zu frühen Todes

Auch sie führte Tagebuch: Margot Frank war die wenig bekannte Schwester von Anne Frank. Doch ihre Erinnerungen gingen verloren

 15.02.2026

Trend

»Spiritually Israeli«: Antisemitismus als Meme

Warum ein Begriffspaar in den sozialen Medien gerade populär ist – und wieso es nichts mit Israel zu tun hat

von Nico Hoppe  15.02.2026