Glosse

Der Rest der Welt

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Ich kann es nicht mehr hören! Immer dieses ewige Gespräch übers Wetter! Jeden Tag muss ich mir – und zwar mehrmals – anhören, dass es kalt und damit nicht zum Aushalten sei. Dass man am liebsten doch gar nicht hinausgehen möchte, dass diese frostigen Temperaturen grenzwertig seien.

Grenzwertig ist etwas anderes. Nämlich dieses leidige Thema Wetter! Würde man die gesamte Zeit, die wir damit verbringen, uns über klirrende Kälte, Schnee und leidigen Wind zu unterhalten, zusammenzählen, käme man wahrscheinlich auf einen mehrstündigen Film, den man sich ohne Pausenunterbrechung – und mit ganz viel Popcorn eingedeckt – anschauen könnte, wohlgemerkt eingewickelt in eine warme Decke, denn draußen ist es ja schließlich – kalt!

Woher kommt dieser furchtbare oder zumindest mir komplett unverständliche Drang, als Erstes immer auf den Zustand der Lufttemperatur zu verweisen? Jetzt mal Hand aufs Herz: Smalltalk kann man doch auch anders führen. Man könnte zum Beispiel fragen: Wie warʼs gestern auf der Arbeit? Was macht ihr am Wochenende? Was kochst du heute Abend?

Aber nein, steht man frühmorgens auf, heißt es augenblicklich: »Mach das Fenster zu, ich friere!« Treffen sich zwei Menschen zum Kaffee, heißt es noch mitten im Begrüßungsritual (Händedruck, Umarmung, zwei Küsschen): »Es ist aber kalt heute!« Oder haben die Kinder Projektwoche im Wald, raunt es von allen Seiten: »Warum muss es denn ausgerechnet diese Woche sein. Es ist doch kalt!«

Kaum sinken die Temperaturen, verfällt der mitteleuropäische Mensch in komatöse Zustände.

Natürlich bin ich von vielseitig interessierten Menschen umgeben. Und dennoch: Kaum sinken die Temperaturen, verfällt der mitteleuropäische Mensch in komatöse Zustände. Bei vielen Dingen verklärt er die Vergangenheit. Früher war alles besser und so. Aber wenn’s um Kälte geht, dann tut der Mensch so, als hätte es den Winter im Vorjahr nicht gegeben. Als wäre man heute zum ersten Mal bei minus drei Grad frühmorgens aus dem Haus.

Ich habe keine klare Antwort darauf. Also habe ich KI gefragt. Deren Antworten darauf sind simpel: Wetter sei ein einfacher Gesprächsöffner, universell und ein Ventil für Stress oder andere schwierige Themen. Ein soziales Schmiermittel also, das ein Spiegel unserer persönlichen Verfassung ist. Ist das nicht ein wenig zu einfach? Doch wenn ja, sollte man sich nicht einfach nur der Kälte stellen? Sie vielleicht sogar genießen?

Nun mag gekontert werden, auch bei Hitzewellen wird reihum lamentiert. Gut möglich, aber da befinden sich ja die meisten in ihrem persönlichen Wohlfühlterritorium.

Gewiss, auch ich verspüre Glücksmomente, wenn es angenehm schön, sonnig und warm ist. Aber es darf auch kalt sein. Ein paar Tage im Jahr füllen sich die Lungen mit frischer Luft, riecht es wunderbar, wenn man bei Minustemperaturen das Fenster öffnet. Das ist in Ordnung. Und viel mehr in Ordnung ist es, wenn man es einfach unerwähnt lässt. Okay, ich höre auf. Reden wir nicht übers Wetter.

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