Film

100 Jahre »Panzerkreuzer Potemkin«: Eisensteins Kultfilm gefeiert

Eine Szene aus Sergei M.Eisensteins »Panzerkreuzer Potemkin« Foto: picture alliance/United Archives

Es sind spannungsgeladene Szenen, die nicht nur Kinogeschichte geschrieben haben. Sie packen Zuschauer auch 100 Jahre nach ihrer Leinwandpremiere: der Kinderwagen, der die Paradetreppe in Odessa herunter rattert, die Stiefel von Soldaten, Schüsse auf unbewaffnete Bürger, berstende Brillengläser. Sergej Eisensteins Meisterwerk »Panzerkreuzer Potemkin« feiert nicht nur in Russland Hundertjähriges, wo er erst im weltberühmten Bolschoi-Theater Premiere hatte, sondern auch in Berlin, wo er 1926 die erste Aufführung außerhalb der Sowjetunion erlebte.

»Vor 100 Jahren schlug Sergej Eisenstein einen Blitz in die Leinwand, gefolgt von einem Donner Edmund Meisels«, schreibt Timothy Grossman vom Berliner Kino Babylon, der Meisels ursprüngliche Musik live zum Stummfilm aufführen ließ. Bei der Berliner Premiere 1926, feixte Moskaus Presse damals, habe der schwedische König Gustaf V. so stark applaudiert, »dass er sich beinahe die Hände gebrochen hätte«.

Im Moskauer Bolschoi-Theater gab es zum Jubiläum am selben Tag der Weltpremiere am 21. Dezember eine Aufführung mit der dramatischen Musik von Dmitri Schostakowitsch. Mit diesem Soundtrack wird die gut 70-minütige Fassung vom russischen Kinokonzern Mosfilm heute gratis im Internet verbreitet. Allerdings kommt in Russland im Januar auch eine Jubiläumsedition in den Verkauf. Mehrere Kinos im Land zeigen den Film, wie das Chudoschestwenny am 18. Januar im Zentrum der Hauptstadt, wo der Film auf den Tag vor 100 Jahren die erste Premiere für das reguläre Publikum feierte.

Kunstvoller Revolutionsfilm mit internationaler Strahlkraft

Am 21. Dezember 1925 schauten im Bolschoi-Theater vor allem Vertreter der Kommunistischen Partei das Epos zur Feier des 20-Jährigen der Russischen Revolution von 1905. Der Clou der Aufführung des in großer Eile montierten Streifens war eine mit roter Tinte auf der Filmrolle per Hand eingefärbte Fahne.

Ursprünglich sollte ein Monumentalwerk über die Ereignisse des Jahres 1905 entstehen, schließlich aber beschränkte sich der damals erst 27 Jahre alte Eisenstein auf einen emotional aufgeladenen Ausschnitt, eine Metapher auf die Revolution: die Meuterei von Matrosen der russischen Schwarzmeerflotte auf dem Kriegsschiff Potemkin. Sie bekamen faules Fleisch vorgesetzt, Eisenstein zeigt die Maden in dem Fleisch in Großaufnahme.

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Die Besatzung bäumt sich auf gegen das arrogante Kommando des Zaren, steht wenig später vor dem Erschießungskommando an Deck des Schiffs, bis sich die Lage dreht. Revolution! Eisensteins Auftrag war klar, er sollte die Kraft des revolutionären Funkens in Szene setzen – und schuf mit neuartiger Montage und mit Effekten eine bis dahin ungekannte Bildsprache mit Actionszenen.

Spiegel und Sonnenlicht

Es gibt Anklänge an den Kubismus, Konstruktivismus und Surrealismus in der Kunst. Und überliefert ist etwa auch, dass Eisenstein unter Verwendung von Spiegeln Sonnenlicht für die Beleuchtung der Szenen einsetzte.

Der prominente russische Filmexperte Andrej Pljachow spricht von einem »Triumph« des Films im Westen. Aus den USA seien 1926 die Stars Mary Pickford und Douglas Fairbanks in die Sowjetunion gekommen, um Eisenstein für Hollywood zu gewinnen. Nach Berlin sei der Film in London, dort verboten, bei Versammlungen der kommunistischen Partei im Untergrund gezeigt worden. Es folgten Aufführungen in Paris.

Für die Bolschewiken sei der Film auch ein Instrument sowjetischer Propaganda für die Aufmerksamkeit im Ausland gewesen, meint Pljachow. Obwohl Reichspropagandaminister Joseph Goebbels den Film wegen der Gefahr, zum Bolschewisten zu werden, brandmarkte, räumte er bei einer Rede 1933 auch ein, dass »Panzerkreuzer Potemkin« einen »unauslöschlichen Eindruck« auf ihn gemacht habe. »Er ist fabelhaft gemacht, er bedeutet eine filmische Kunst ohnegleichen.«

»Bester Film aller Zeiten«

Auf der Weltausstellung in Brüssel 1958 wurde Eisensteins Werk zum »besten Film aller Zeiten« gewählt. Der russische Filmhistoriker Naum Kleiman, der viel geforscht hat zu Eisenstein, sieht den Streifen als vor allem als eine Geschichte über »menschliche Würde« und über Brüderlichkeit.

Eisenstein erzählt die Geschichte des Matrosen Grigori Wakulentschuk, der es ablehnte, Borschtsch mit dem Gammelfleisch zu essen und im Zuge des dann beginnenden Aufstands stirbt. In Odessa wird seine Leiche in einem Zelt aufgebahrt. In aufwendigen Szenen inszeniert Eisenstein den Schmerz und die Trauer der Menschen, während Offiziere schurkenhaft und ein Schiffspriester als Karikatur rüberkommen.

Einfluss auf Generationen von Filmemachern - und politisch aktuell
Besonders die von Eisenstein erfundenen und extrem verdichteten brutalen Szenen auf der Treppe von Odessa, wo Kinder zu Schaden kommen und Menschen in Panik auf am Boden Liegende treten, fielen in Deutschland und anderswo zeitweilig auch der Zensur zum Opfer. Und besonders die Treppenszene wirkte aber über Generationen von Regisseuren nach, die Eisenstein zitierten – von Alfred Hitchcock bis Quentin Tarantino.

Ironie des Schicksals

Die kremlkritische Zeitung »Nowaja Gaseta«, die im Zuge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine verboten wurde und im Exil arbeitet, schrieb zum Jubiläum, dass »Panzerkreuzer Potemkin« immer noch »erschreckend aktuell« sei. Es gehe um einfache Leute, »die von ihrem eigenen Staat mit Füßen getreten und von der Repressionsmaschinerie zermalmt werden«.

Es sei eine Ironie des Schicksals, dass das Hundertjährige des Films in eine Zeit falle, da Russland schwere innere Systemprobleme habe. »Eisensteins Film ist in diesem Sinne eine sehr deutliche, sehr laute Warnung.«

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