Redezeit

»Schnurren ist der schönste Klang«

Foto: Getty Images/iStockphoto

Redezeit

»Schnurren ist der schönste Klang«

Gary Weitzman über Tier-Kommunikation, abwechslungsreiche Häuser und feinfühlige Samtpfoten

von Katrin Richter  12.05.2015 10:40 Uhr

Herr Weitzman, wenn wir beide Katzen wären, wie würden wir uns jetzt begrüßen?
Wahrscheinlich mit Argwohn.

Warum?
Katzen sind soziale Tiere, aber sie stehen sich nicht besonders nahe. Hier in unserem Tierheim arbeiten wir viel mit Tieren zusammen, die draußen leben. Sie alle halten sich irgendwie im gleichen Gebiet auf, aber sie sind sich nicht besonders nahe. Katzen mögen sich schon, aber sie brauchen nicht unbedingt die Gesellschaft anderer Tiere.

Was können Menschen denn von Katzen lernen?
Unabhängigkeit zum einen, wie man seinen Willen durchsetzt zum anderen – denn darin sind Katzen nun einmal Meister.

Sie haben in Ihrem Buch »How to Speak Cat« beschrieben, wie die Kommunikation unter Katzen ist, aber auch, wie Menschen mit den Tieren sprechen. Wieso haben Sie sich dieses Thema ausgesucht?
Vor zwei Jahren haben wir mit National Geographic das Buch »How to Speak Dog« herausgegeben. Und wahrscheinlich wären meine Koautorin und ich in arge Schwierigkeiten gekommen, hätten wir kein Buch über Katzen gemacht. Aber ernsthaft: Das Buch zeigt, welch unglaublich enge Beziehung Menschen zu ihren Katzen haben. Man sieht das quasi überall: bei YouTube, im Internet – Leute werden ganz verrückt, wenn es um ihre Vierbeiner mit den Samtpfoten geht.

Sie sind selbst Tierarzt. Hat das beim Schreiben geholfen?

Durch meine Arbeit im Tierschutz und auch durch meine Radiosendung habe ich von vielen Problemen erfahren, die Menschen mit ihren Katzen haben. Und eigentlich ließen sich 75 Prozent dieser Probleme ganz leicht lösen. Das war also eine gute Motivation. Wir möchten, dass die Menschen das Verhalten ihrer Tiere richtig interpretieren können.

Was ist denn die größte Schwierigkeit?

Meiner Meinung nach die, dass man Ängste nicht erkennt. Fast jede Verhaltensauffälligkeit einer Katze ist angstbegründet. Sie denken vielleicht, dass Sie Ihrer Katze einen ganz großen Gefallen tun, indem Sie eine zweite Katze nach Hause bringen? Nun, das ist nicht immer eine grandiose Idee, und Sie sollten es zunächst einmal mit der Katze »besprechen«. Oder Sie haben vielleicht sehr große Fenster und einen wunderschönen Blick über den Park, und Ihre Katze sitzt dort den ganzen Tag und schaut den Vögeln hinterher, die sie nie wird fangen können. Das kann zu Frust führen. Dann wäre da noch Langeweile: Wir haben uns ein Geschöpf nach Hause geholt, das über alle Maßen unabhängig, sehr selbstständig und äußerst aktiv ist. Wir haben es quasi bei uns zu Hause eingesperrt, wie einen Vogel.

Also ist es gar keine so gute Idee, eine Katze ausschließlich im Haus zu halten?
Wir empfehlen allen, ihre Katzen drinnen zu lassen, denn zum Beispiel hier im Südwesten der USA gibt es viele Kojoten, die sich Katzen zum Fressen holen. Der Straßenverkehr ist gefährlich, und schlussendlich streiten die Katzen auch untereinander. Es ist also im Haus schon sicherer. Aber dort wiederum langweilen sich die Tiere, und aus Langeweile kann Stress entstehen.

Gibt es denn einen Mittelweg?
Ja, viele: Gestalten Sie Ihr Zuhause interessant. Wir sagen immer: Machen Sie Ihr Zuhause zu einer Disney World für Katzen: viele Klettermöglichkeiten, ausreichend Spielfläche, Körbe – Katzen lieben Körbe. Sie sollten Spiele haben, die die Katzen mental auslasten. Und: Wenn Sie sich überlegen, ein junges Tier anzuschaffen, dann niemals nur ein einziges! Das beinahe Schönste auf der Welt ist es, zwei jungen Katzen beim Großwerden zuzusehen. Wer kann, der baut seiner Katze ein Außengehege. Eine ganz andere Möglichkeit ist es, die Katze an eine Leine zu gewöhnen. Als ich noch in Washington gelebt habe, hatte ich einen Nachbarn, der seine beiden Katzen an der Leine führte und mit ihnen spazieren ging: Das war großartig.

Ist das nicht schwierig?
Es erfordert viel Geduld, aber wir betonen in unserem Buch: Haben Sie keine Angst vor dem Training! Katzen tun vielleicht so, als ob sie keine Lust hätten, sich trainieren zu lassen, aber sie lernen sehr schnell. Genauso wie Hunde. Der Unterschied zwischen Katzen und Hunden ist: Wir trainieren Hunde, Katzen trainieren uns. Ganz egal wie: Es funktioniert.

Nähern sich Kinder Katzen anders, als Erwachsene es tun?
Kinder sind viel passionierter, wenn es um Tiere geht. Ihre Art ist ehrlich und ohne Schnörkel. Aber: Erwachsene werden im Umgang mit Katzen sehr kindlich. Der Band zwischen Tieren und Menschen ist unglaublich stark.

Und hilfreich. Viele Menschen, die beispielsweise Alzheimer haben, können sich Tieren gegenüber öffnen.
Wir haben auch viele Tiertherapie-Programme, wir gehen in Krankenhäuser, Gefängnisse und Schulen – überall dahin, wo Menschen die Verbindung zu Tieren brauchen. Und besonders Katzen bringen eine gewisse Seite an Menschen zum Vorschein. Die Liebe zu einem Tier ist bedingungslos – und in ihrer Gegenwart können wir so sein, wie wir sind.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die zahlreichen Arten und Möglichkeiten, wie Katzen miauen. Was ist Ihr Lieblings-Miau?
Ich mag eher das Schnurren – es ist sehr kompliziert und so unterschiedlich. Katzen schnurren aber nicht nur, wenn sie glücklich sind. Als Tierarzt weiß ich, dass keine Katze wirklich glücklich ist, wenn eine Untersuchung ansteht. Und auch dann beginnen die Tiere zu schnurren. Schnurren ist der schönste Klang.

Stimmt es eigentlich, dass Katzenliebhaber Katzenliebhaber und Hundeliebhaber Hundeliebhaber heiraten sollten?

Dem widerspreche ich. Es ist so toll, wenn Hundeliebhaber Katzenliebhaber heiraten. Sie können eine Menge lernen. aber ich versichere Ihnen: In einem Tierheim mit 1600 Tieren zu arbeiten, hat gezeigt: Man kann beide mögen – Katzen und Hunde.

Mit dem Tierarzt und Buchautor sprach Katrin Richter.

Aline Alexander Newman und Gary Weitzman: »How to Speak Cat: A Guide to Decoding Cat Language«, National Geographic Children’s Books, 12,40 Euro

www.sdhumane.org

Köln/Murwillumbah

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