»Das Haus der Träume«

Schmalz und Nazis

Alice Grünberg (Nina Kunzendorf) und Carl Goldmann (Samuel Finzi) vor seinem Geschäft. Foto: RTL / Stefan Erhard

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich komme langsam durcheinander mit den Nazi-Darstellern in den ganzen Zwischen-den-Weltkriegen-Serien. Zuletzt meinte ich, einen aus Babylon Berlin bereits in Eldorado KaDeWe gesehen zu haben.

Nun, habe mich wohl geirrt, anderer Scheitel, anderer irrer Blick, aber das seltsame Gefühl bleibt: warum? Warum diesem Chor von Serien über die 1920er und 30er-Jahre, als Berlin auf dem Vulkan tanzte und Witzfiguren in braunen Hemden plötzlich zu Herrschern über Leben und Tod wurden, immer weitere hinzufügen? So wie Das Haus der Träume, dessen zweite Staffel zur besten Sissi- und Drei Haselnüsse für Aschenbrödel-Zeit anläuft.

Ist doch klar! Weil Serien wie Babylon Berlin, Eldorado KaDeWe oder auch Das Weiße Haus am Rhein erfolgreich sind. Natürlich. Die Welle reiten, solange sie rollt. Und jetzt ist es eben diese. Aber vielleicht auch, weil Film ein Mainstream-Kanal ist, auf dem Erinnerung und Empathie noch einigermaßen funktionieren?

Das ist die unwahrscheinlichere, optimistische Sicht, zu der auch Das Haus der Träume-Darsteller Samuel Finzi tendiert: »Vielleicht hat man doch ein Interesse an der Zeit, aus der sich diese Tragödie entwickelt hat. Man hält es wach, was ich nicht verkehrt finde«, sagte der Schauspieler kürzlich im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen. Ja, warum eigentlich nicht zu Chanukka an Wunder glauben?

Eher Café Kranzler als Berghain

Immerhin, besagte RTL-Serie, in der Finzi den knuffigen Kaufmann Carl Goldmann mit leiser Tragik spielt, ist ein sepia-warmes, solide erzähltes, ordentlich ausgestattetes Werk auf internationalem Niveau. Nicht so fiebrig wie Eldorado KaDeWe, nicht so zugekokst wie Babylon Berlin, eher Café Kranzler als Berghain. Zugänglich nennt man das wohl.

Die erste Staffel, seit September im Bezahlfernsehen bei RTL+, stand ganz im Zeichen des erzählerischen Dauerbrenner-Themas »eine unmögliche Liebe«:  Armes Mädchen von der Straße und Sohn des reichen Kaufhausbesitzers finden sich und können doch nicht zusammenkommen. Kulisse für das fiktive Liebesdrama, das sich sehr locker von Sybil Volks’ Erfolgsroman Torstraße 1 hat inspirieren lassen, sind Aufstieg und Fall des ganz realen ersten Kreditkaufhauses in Berlin, Kaufhaus Jonass, in dessen Hallen heute das Clubhotel Soho House zu finden ist. Doch das war’s dann auch mit der Realität.

Juden gibt es auch

Und, ach ja, Juden gibt es auch. Aber aus den Kaufhausgründern Hermann Golluber und Hugo Halle wurde eben Familie Grünberg. Das nennt man wohl Komplexitätsreduktion. Alexander Scheer spielt den charmanten, geschäftstüchtigen Patriarchen, der im Ersten Weltkrieg für Deutschland Kopf und Körper hingehalten hat, und der seine Frau Alice, Tochter aus bestem Hause, so elegant wie clever, aber eben »nur« eine Frau, zwar liebt, aber trotzdem betrügt.

Mit ihrem fragilen Understatement hätte Nina Kunzendorf auch gut in Downtown Abbey spielen können. Sohn Harry, der sich mehr für Jazz als das Kaufmannswesen interessiert, spielt Ludwig Simon. Und die wilde Vicky, die mit Verve und Schnauze einen Job als Verkäuferin im Jonass und Harrys Herz ergattert, hat in Naemi Florez ihre bestmögliche Darstellerin gefunden.

Auch die Nebenrollen sind wunderbar besetzt, neben Finzi und Kunzendorf ist unbedingt Amy Benkenstein zu erwähnen, die als Vickys beste Freundin Elsie brilliert. Vor allem in der zweiten Staffel.

Chanukka-Dinner unterlegt mit Weihnachtsmusik

Während der alltägliche Antisemitismus im Deutschland der späten 1920er Jahre in Staffel eins ziemlich abwesend ist, zieht der Ton in Staffel zwei an. Die Nazis drohen nicht nur, sie schlagen zu. Spätestens da fragt man sich, ob ausgerechnet deutsches Fernsehen daraus unbedingt Mainstream-Unterhaltung machen muss. Aber das ist eine andere Grundsatzdiskussion.

Definitiv ein Grund zum Wegzappen ist ein Chanukka-Dinner unterlegt mit Weihnachtsmusik. Sieht toll aus, sorgt aber für Hirnschmerzen. Da passt Friedrich Holländers »Wenn ich mir was wünschen dürfte« deutlich besser in die Zeit, mit dem Harry Vicky den Kopf verdreht – auch wenn Harry natürlich keine Marlene Dietrich ist:

»Wenn ich mir was wünschen dürfte/ käm ich in Verlegenheit/ was ich mir denn wünschen sollte/ eine schlimme oder gute Zeit/ Wenn ich mir was wünschen dürfte/ möcht ich etwas glücklich sein/ denn wenn ich gar zu glücklich wär/ hätt ich Heimweh nach dem Traurigsein.«

Wenn wir uns was wünschen dürften, wären das Serien mit mehr Tiefgang. Aber bis dahin müssen wir nehmen, was kommt. Oder schalten den Bildschirm auch mal aus und essen mit Freunden und Familie möglichst viele Sufganiot!

Staffel 1 läuft heute und morgen, am 20. und 21. Dezember 2022 ab 20.15 Uhr bei RTL im FreeTV, danach im kostenpflichtigen Streamer auf RTL+. Staffel 2 läuft ab dem 20. Dezember auf RTL+.

Musikgeschichte

Die Rückkehr der vergessenen Namen: Verfolgte Musiker der NS-Zeit

Was die Nationalsozialisten aus dem Musikleben verbannten, ist bis heute oft vergessen. Ein Langzeitprojekt arbeitet daran, dass sich das ändert. Projektleiter Geiger sagt: Die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts muss neu geschrieben werden

von Evelyn Sander  20.07.2026

Die DJ Sama’ Abdulhadi bei der Arbeit, 2025 in London

Hamburg

Techno-Festival lässt Hamas-Sympathisantin auflegen

Obwohl sie die Massaker vom 7. Oktober verteidigt hat, durfte DJ Sama’ Abdulhadi beim Habitat-Festival auflegen. Die Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez hatte zuvor ihre Ausladung gefordert

 20.07.2026

Debatte

Danger Dan und Igor Levit: So reagiert »Die Anstalt« in ihrer Sendung auf die Absage des ZDF

In seiner Jubiläumssendung geht das »DieAnstalt«-Team ausführlich auf den Streit ein

 19.07.2026

NRW

Minister sieht bei Danger Dan-Song Nähe zu Extremisten

Der Rapper Danger Dan darf einen neuen Song nicht in der Satiresendung »Die Anstalt« präsentieren. Nun meldet sich der NRW-Medienminister zu Wort, der auch im ZDF-Fernsehrat sitzt

 18.07.2026

Zahl der Woche

70 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 18.07.2026

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  18.07.2026 Aktualisiert

WM-Nachlese mit Marcel Reif

»Man muss Infantino zum Teufel jagen und die FIFA auflösen«

Der Moderator und Fußballexperte spricht im Interview über seine persönlichen Highlights und Enttäuschungen der WM, über surreale Argentinier und die Sinnhaftigkeit der Trinkpausen

von Michael Thaidigsmann  17.07.2026

Aufgegabelt

Zum Dippen: Tarator

Rezepte und Leckeres

 17.07.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 17.07.2026