Neben mir auf dem Tisch liegt dieser schmale Streifen Papier. Der linke Rand gerade, der rechte krumm abgeschnitten, unübersehbar, dass eine Kinderhand versuchte, eine gerade Linie zu ziehen. Darauf zu sehen eine Figur in grünem Kleid, mit langen schwarzen Haaren, etwas zerzaust, und überdimensional großen braunen Augen. Sie lächelt. Sie hat keine Nase und am Ende jedes Arms je drei Finger. Schuhe trägt sie auch nicht. Dafür schwebt sie über drei Herzen, das linke etwas größer als die anderen. In schwarzer Schrift und in Großbuchstaben steht darüber »Mami« geschrieben. Der i-Punkt ein Herz, rechts davon nochmal ein Herz – gleiches Grün wie das Kleid.
Seit Tagen blicke ich immer wieder auf diese Zeichnung, die Porträt sein will und es doch nicht wirklich ist. Ich frage mich, was ich damit machen soll. Irgendwo aufhängen, an den Kühlschrank, an die Magnetwand pinnen oder vielleicht nur ins Mäppchen legen, wo alle Zeichnungen für die Ewigkeit aufbewahrt werden. Es sind diese Bilder, die man als Mutter oder Vater zuhauf bekommt und die sich oft ähneln. Aber jedes erzählt eine Geschichte für sich. Sie sind kleine Momentaufnahmen aus dem Leben eines kleinen Menschen, wie er die Welt erfasst und – noch mehr – wie er sie wiedergibt. Impressionen, wie nur Kinder sie haben.
Hätten wir die Aufgabe, vom selben Objekt eine Zeichnung zu erstellen, hätten die meisten von uns wohl den Anspruch, so realistisch wie möglich zu sein: Verhältnisse müssten stimmen, Farben passen, die Perspektive korrekt sein. Am wenigsten jedoch wäre die Idee ausschlaggebend, dass die Zeichnung ein Geschenk ist. Meist steht jedoch mit dickem Filzstift darauf: »Von … Für …«, eine Botschaft, die direkter nicht sein könnte. Schreiben wir »Geschenk an«, wenn wir jemandem eine Freude machen wollen? Kaum. Aber diese Zeichnungen sind klar definiert, von wem sie stammen und an wen sie gerichtet sind.
Jeden Freitag bringt meine Tochter eine Stofftasche voller Papier nach Hause. Jeweils Ende der Woche wird die Schublade im Kindergarten geleert.
Jeden Freitag bringt meine Tochter eine Stofftasche voller Papier nach Hause. Jeweils Ende der Woche wird die Schublade im Kindergarten geleert und der Inhalt den Kindern mitgegeben. In Zeiten von Digitalisierung und Papierlosigkeit wird man zu Hause mit Weltimpressionen überhäuft. Blätter mit Burgen, Kindern, Prinzessinnen, Regenbogen, Invasionen von Herzen oder Blumen finden den Weg in die Tasche.
Manchmal sind es die ersten Versuche eines Scherenschnitts, der irgendwann scheitert, weil das Papier in der Mitte durchgebrochen ist, oder einfach nur weiße Zettel mit unscheinbaren Schreibversuchen. Vieles mutet auf den ersten Blick als Kritzelei an, doch oft befinden sich darunter kleine Werke, an denen jemand stundenlang gesessen und sich etwas Wichtiges dabei überlegt hat.
Es gibt Eltern, die sagen: »Ach, das landet bei uns gleich im Altpapier.« Man könne schließlich nicht alles aufbewahren. Das stimmt. Trotzdem tue ich mich äußerst schwer damit, zu entscheiden, was entsorgt wird und was nicht. Wie soll ich also vorgehen? Meistens dann, wenn meine Tochter schläft, sortiere ich die bunte Blätterflut und überlege mir, was wir behalten.
Dann betrachte ich minutenlang diese wöchentliche Arbeit und deponiere jene Bilder, die mich ansprechen, auf dem Stapel, auf dem die Werke der Vorwoche liegen. Und so geht das jede Woche. Manchmal landet eben eine Zeichnung auf dem Schreibtisch, und mein Blick gleitet immer wieder darüber.