Babyn Jar

Sie alle hatten einen Namen

Ich schreibe nicht als Historiker. Ich schreibe, weil ich erinnern möchte. Ich schreibe meine Gedanken und Gefühle nieder, in der Hoffnung, Menschen zu erreichen, die bereit sind hinzusehen. Damit das Vergangene nicht fern, abstrakt oder vergessen bleibt.

Auslöser war ein Badge der Ancre Somme Association Charity, vertrieben über den Empire Poppy Store, zum 85. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar. Ein kleines Abzeichen, das Erinnerung sichtbar machen soll. Bei mir erreichte es genau das.

Es blieb nicht nur ein Gegenstand. Es wurde zu einer Frage, die mich nicht mehr losließ: Was weiß ich wirklich über diesen Ort?

Babyn Jar. Eine Schlucht bei Kyjiw. Ein Ort, an dem deutsche Täter am 29. und 30. September 1941 innerhalb von zwei Tagen etwa 34.000 Jüdinnen und Juden ermordeten.

Der deutsche Einsatzgruppenbericht nennt für diese beiden Tage die Zahl von 33.771 Ermordeten

Der deutsche Einsatzgruppenbericht nennt für diese beiden Tage die Zahl von 33.771 Ermordeten. Diese Zahl stammt aus der Täterüberlieferung und vermittelt eine Genauigkeit, die das tatsächliche Ausmaß des Mordens nicht bis auf den einzelnen Menschen erfassen kann. Deshalb ist es angemessener, von etwa 34.000 Ermordeten zu sprechen.

Doch auch diese Zahl umfasst nur das große Massaker vom 29. und 30. September 1941. Das Morden in Babyn Jar ging während der gesamten deutschen Besatzungszeit weiter. Insgesamt wurden dort schätzungsweise 40.000 bis 50.000 Jüdinnen und Juden ermordet.

Diese Zahlen müssen genannt werden. Sie zeigen das Ausmaß des Verbrechens. Aber Erinnerung darf bei ihnen nicht stehen bleiben.

Bevor Babyn Jar zum Ort des Todes wurde, war Kyjiw eine Stadt mit lebendigem jüdischem Leben. Jüdinnen und Juden lebten in Kyjiw, arbeiteten dort, lernten, liebten und sorgten für ihre Familien. Sie hatten Wohnungen, Berufe, Erinnerungen und Pläne.

Doch auch vor der deutschen Besatzung war jüdisches Leben in der Sowjetunion erheblichen staatlichen Einschränkungen ausgesetzt. Viele Synagogen waren geschlossen worden. In den 1930er-Jahren wurden jüdische Kultur- und Bildungseinrichtungen zunehmend zurückgedrängt; auch das Netz jiddischsprachiger Schulen schrumpfte stark.

Trotz dieser Einschränkungen blieb Kyjiw ein bedeutender Ort jüdischen Lebens. Jüdinnen und Juden waren Teil der Stadtgesellschaft – als Nachbarn, Freunde, Familienangehörige, Kolleginnen und Kollegen, Mitschülerinnen und Mitschüler. Ihr Leben gehörte zu dieser Stadt und zur Geschichte der Ukraine.

Bevor sie Opfer wurden, waren sie Bürgerinnen und Bürger – mitten im gemeinsamen Leben dieser Stadt.

Hinter den Zahlen standen Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten und Lebensbedingungen. Kinder und Jugendliche, Erwachsene und alte Menschen. Sie lernten, arbeiteten, gründeten Familien, liebten, stritten, sorgten sich, hofften und machten Pläne. Ihr Alltag war von den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Zeit ebenso geprägt wie von persönlichen Erfahrungen, Sorgen und Hoffnungen.

In Babyn Jar wurden nicht nur Menschen ermordet. Mit ihnen wurden Beziehungen zerrissen, Familien zerstört und Zukunft genommen.

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Leider kann ich nicht von allen Opfern erzählen. Einige ihrer Namen habe ich bei Yad Vashem gelesen. Zwei von ihnen möchte ich herausgreifen – nicht, weil sie für alle sprechen können, sondern weil ich durch sie stellvertretend und mit größtem Respekt an alle Opfer erinnern möchte.

Pola Perlovitz wurde 1924 in Kyjiw geboren. Sie war Schülerin und erst 17 Jahre alt.

Meine Tochter Elena ist heute 18 Jahre alt – fast genau in dem Alter, in dem Pola ermordet wurde

Meine Tochter Elena ist heute 18 Jahre alt – fast genau in dem Alter, in dem Pola ermordet wurde. Elena ist voller Lebensfreude und Zukunftspläne. Wenn ich sie ansehe, wird für mich noch greifbarer, was die Zahl 17 bedeutet.

Wir wissen nicht, wovon Pola träumte oder welche Pläne sie hatte. Mit 17 hätte ihr ganzes Leben noch vor ihr liegen müssen. Stattdessen wurde sie in Babyn Jar brutal ermordet.

Viele Jahre später erinnerte sich ihre ehemalige Mitschülerin Maria Kolominskaya an Pola und reichte bei Yad Vashem ein Gedenkblatt für sie ein. So blieb Polas Name erhalten – und mit ihm die Erinnerung an ein 17-jähriges Mädchen, dessen Leben in Babyn Jar ausgelöscht wurde.

Für diesen Einsatz für die Erinnerung bin ich Maria Kolominskaya sehr dankbar. Denn durch Menschen wie sie erfahren wir heute, welche Namen hinter den Zahlen stehen – und dass jeder dieser Namen für einen Menschen, ein Leben und eine Geschichte steht.

Mariya Rubchinskaya wurde 1935 geboren, lebte in Kyjiw und wurde nur sechs Jahre alt

Mariya Rubchinskaya wurde 1935 geboren, lebte in Kyjiw und wurde nur sechs Jahre alt. Ihre Mutter Sofiya Rubchinskaya, geborene Livshitz, war 43 Jahre alt und Zahnärztin. Am 29. September 1941 wurden Mutter und Tochter in Babyn Jar ermordet.

Mit sechs hätte Mariya spielen, lernen und aufwachsen müssen. Ihr Leben hatte gerade erst begonnen, als ihr jede Zukunft genommen wurde.

Mariyas Bruder Abram überlebte. Später reichte er bei Yad Vashem Gedenkblätter für seine Schwester Mariya und seine Mutter Sofiya ein. Auch durch seine Erinnerung blieben ihre Namen erhalten.

So erfahren wir heute nicht nur, dass unter den Ermordeten ein sechsjähriges Mädchen und seine Mutter waren. Wir kennen ihre Namen: Mariya und Sofiya Rubchinskaya. Und wir wissen, dass es einen Bruder und Sohn gab, der sich weigerte, sie dem Vergessen zu überlassen.

An dieser Stelle möchte ich selbst für einen kurzen Moment innehalten und mich in einem Gebet vor Pola, Mariya, Sofiya und allen Opfern von Babyn Jar verneigen. Vielleicht möchten auch Sie einen Augenblick innehalten – in einem Gebet, einem stillen Gedanken oder einfach in Erinnerung an die Menschen, deren Leben hier ausgelöscht wurde.

Nach diesem Moment des Innehaltens müssen wir wieder auf das Verbrechen selbst schauen.

Babyn Jar war kein spontaner Ausbruch von Gewalt

Babyn Jar war kein spontaner Ausbruch von Gewalt. Der Mord wurde vorbereitet, organisiert und befohlen. Ende September 1941 entschieden deutsche Stellen, die jüdische Bevölkerung Kyjiws zu ermorden. Am 27. und 28. September wurden in Kyjiw Aushänge angebracht. Die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner sollten sich am nächsten Morgen einfinden und Dokumente sowie persönliche Habe mitbringen.

Die deutschen Täter verbreiteten das Gerücht, die jüdische Bevölkerung werde umgesiedelt. Dina Levina, damals noch ein Mädchen, erinnerte sich später daran, dass Nachbarn sie baten, einen deutschen Bewacher zu fragen, wohin sie gebracht würden, weil sie etwas Deutsch konnte. Er sagte ihr, sie würden fortgebracht und sollten keine Angst haben. Manche glaubten oder hofften auf eine Umsiedlung. Andere ahnten Schlimmes. Doch sie standen unter Befehl und Todesdrohung. Wer nicht erschien, sollte erschossen werden. Viele kamen mit Kindern, alten Angehörigen und kranken Menschen – mit Familienmitgliedern, die sie nicht allein zurücklassen konnten.

Auf dem Weg zur Schlucht waren deutsche Kräfte und teilweise örtliche Hilfskräfte an der Bewachung und dem Vorantreiben der Menschen beteiligt. Von einem bestimmten Punkt an gab es kein Zurück mehr.

Raisa Dashkevich, 1916 geboren und eine der Überlebenden von Babyn Jar, erinnerte sich später daran, wie Deutsche einen Korridor bildeten, durch den die Menschen hindurchgetrieben wurden. Sie selbst trug ihren Sohn auf dem Arm. Die Menschen wurden mit Peitschen geschlagen, und wer versuchte auszuweichen, wurde mit Hunden zurückgetrieben. Raisa versuchte, ihr Kind mit ihrem eigenen Körper zu schützen, damit die Schläge sie und nicht ihn trafen.

Die Menschen wurden weitergetrieben. Persönliche Habe und Dokumente mussten sie ablegen. Dann folgten Entkleidung, weitere Schläge, Angst – und schließlich die Erschießungen.

Raisa Dashkevich überlebte. Als sie in der Nacht unter den Leichen wieder zu sich kam, war ihr Sohn noch bei ihr. Er war bereits tot.

Raisa überlebte. Als sie in der Nacht unter den Leichen wieder zu sich kam, war ihr Sohn noch bei ihr. Er war bereits tot. Nach ihrer Erinnerung war er nicht durch eine Kugel gestorben, sondern unter dem Gewicht der auf ihr liegenden Körper erstickt.

Auch David Aizenberg überlebte Babyn Jar. Als er am Rand der Schlucht das Grauen vor sich sah, verlor er das Bewusstsein und stürzte hinab, noch bevor auf ihn geschossen wurde. Unter den Leichen kam er wieder zu sich. Deutsche erschossen Verwundete, die noch Lebenszeichen von sich gaben. Als ein Deutscher auf seine Beine trat, biss David sich in den Finger, um keinen Laut von sich zu geben. Schließlich konnte auch er Babyn Jar lebend verlassen.

Das Grauen von Babyn Jar muss benannt werden, so schwer es auszuhalten ist. Die konkreten Abläufe der Erschießungen unterschieden sich im Einzelnen. Doch das Ziel war dasselbe: die systematische Ermordung jüdischer Menschen.

Unsere Erinnerung muss mehr bewahren als eine Zahl: die Namen der Ermordeten, ihre Gesichter und ihre Würde – und sie muss Verantwortung klar benennen.

Auch örtliche Hilfspolizisten und andere lokale Helfer waren beteiligt

Babyn Jar war ein deutsches Verbrechen. Im Zentrum stand das Sonderkommando 4a der Einsatzgruppe C unter Paul Blobel, unterstützt von weiteren deutschen Polizei- und Besatzungseinheiten. Auch örtliche Hilfspolizisten und andere lokale Helfer waren beteiligt; es gab Denunzianten und Menschen, die von Verfolgung und Enteignung profitierten. Auch das gehört zur Wahrheit.

Am Kern ändert es nichts: Ziel war die Vernichtung der jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner Kyjiws. Die Entscheidung zu ihrer Ermordung sowie die Organisation und Durchführung des Massenmordes standen unter deutschem Befehl. Die Ermordung in Babyn Jar war Teil des deutschen Vernichtungskrieges im Osten und Ausdruck des antisemitischen Vernichtungswillens des Nationalsozialismus.

Das Morden endete nicht am 30. September 1941. Jüdinnen und Juden, die dem ersten Massaker entgangen waren und später entdeckt wurden, wurden ebenfalls nach Babyn Jar gebracht und ermordet. Bis 1943 nutzten die deutschen Täter die Schlucht weiterhin als Mordstätte. Zu den weiteren Opfern gehörten unter anderem Patientinnen und Patienten einer psychiatrischen Klinik, Roma, sowjetische Kriegsgefangene sowie nichtjüdische Zivilistinnen und Zivilisten.

Auschwitz prägt wie kaum ein anderer Ort unsere Erinnerung an die Schoa. Aber die Schoa geschah nicht nur hinter Lagertoren. Sie geschah auch unter freiem Himmel – in Schluchten und Wäldern, an Grubenrändern, auf Feldern und oft in unmittelbarer Nähe der Orte, an denen die Menschen zuvor gelebt hatten.

Die Schoa geschah nicht nur hinter Lagertoren. Sie geschah auch unter freiem Himmel.

Babyn Jar stand nicht am Anfang der massenhaften Erschießungen jüdischer Menschen im Zuge der Schoa. Das Morden hatte bereits begonnen. Doch hier erreichte es innerhalb weniger Tage einen frühen, grauenhaften Höhepunkt.

Auf dem Gebiet der heutigen Ukraine wurden mindestens anderthalb Millionen Jüdinnen und Juden ermordet. Viele von ihnen wurden nicht in weit entfernte Lager deportiert, sondern nahe ihrer Städte und Dörfer erschossen. Ihre Gräber lagen dort, wo später wieder Gras wuchs, Wege verliefen und Menschen ihrem Alltag nachgingen.

Doch selbst den Toten ließen die Täter weder Frieden noch Würde. 1943 zwangen sie Gefangene aus dem Lager Syrets, die Massengräber von Babyn Jar wieder zu öffnen. Die Leichen der Ermordeten wurden ausgegraben und verbrannt, ihre Knochen zerkleinert, Asche und Überreste verstreut.

Es war Teil der sogenannten Aktion 1005. Die Nationalsozialisten wollten die Spuren ihrer Massenverbrechen beseitigen und alle Beweise dafür vernichten. Was von den Ermordeten noch geblieben war, sollte möglichst vollständig vernichtet werden.

Keine sichtbaren Gräber. Keine Beweise. Möglichst nichts, was an die Ermordeten erinnern sollte.

Auch die Gefangenen, die zu dieser Arbeit gezwungen wurden, sollten anschließend ermordet werden. Die meisten von ihnen wurden tatsächlich getötet. Einige wenige konnten jedoch entkommen. Sie überlebten und berichteten später von dem, was die Täter in Babyn Jar zu verbergen versucht hatten.

Doch die Menschen erinnerten sich an den Massenmord von Babyn Jar.

Überlebende wie Dina Levina, Raisa Dashkevich und David Aizenberg berichteten später von dem, was sie in Babyn Jar erlebt hatten. Ihre Zeugnisse bewahrten nicht nur das Wissen um das Verbrechen, sondern auch die Stimmen derer, die ihm entkommen konnten. Angehörige und Freunde bewahrten Namen und Erinnerungen. Menschen wie Maria Kolominskaya und Abram Rubchinski füllten Gedenkblätter aus. Historikerinnen und Historiker rekonstruierten Lebenswege und Tathergänge.

So konnten Namen, Geschichten und Spuren ihres Lebens bewahrt werden – und mit ihnen die Erinnerung daran, dass hinter jedem Namen ein Mensch und ein Leben stand. Damit bleibt die Hoffnung, dass sie niemals vergessen werden.

Nach dem Krieg begann ein neues, schwieriges Kapitel der Geschichte

Nach dem Krieg begann ein neues, schwieriges Kapitel der Geschichte von Babyn Jar: der Umgang mit diesem Ort und die Frage, wie an die Ermordeten erinnert wurde.

In der offiziellen sowjetischen Gedenkpolitik wurden die Ermordeten vor allem als sowjetische Bürger und Opfer des Faschismus bezeichnet. Die jüdischen Opfer des Hauptmassakers und der antisemitische Charakter ihrer Ermordung standen dabei nicht im Mittelpunkt des staatlichen Gedenkens. Auch das 1976 errichtete sowjetische Denkmal benannte die jüdischen Opfer nicht ausdrücklich als solche.

In der offiziellen sowjetischen Gedenkpolitik wurden die Ermordeten vor allem als sowjetische Bürger und Opfer des Faschismus bezeichnet.

Das bedeutet nicht, dass ihre jüdische Identität unbekannt war oder dass sich Menschen nicht an sie erinnerten. Im Zuge von Glasnost und Perestroika begann sich auch das öffentliche Gedenken an Babyn Jar zu verändern. Die jüdischen Opfer und der antisemitische Charakter des Verbrechens konnten zunehmend deutlicher benannt werden. Dieser Wandel setzte sich mit dem Zerfall der Sowjetunion fort.

Am 29. September 1991, dem 50. Jahrestag des Beginns des Massakers, wurde in Babyn Jar das Menora-Denkmal zum Gedenken an die ermordeten Jüdinnen und Juden enthüllt.

Auch Babyn Jar selbst wurde in den Jahrzehnten nach dem Krieg stark verändert. Teile der Schlucht wurden verfüllt, Straßen gebaut und Flächen zu Parkanlagen umgestaltet. Vieles von dem, was diesen Ort 1941 geprägt hatte, ist heute nicht mehr unmittelbar erkennbar.

Doch die Veränderung des Ortes darf nicht dazu führen, dass das Verbrechen und die Ermordeten vergessen werden.

Babyn Jar gehört zu den zentralen Orten der Schoa in Osteuropa und zu den bedeutendsten Schauplätzen der Massenerschießungen jüdischer Menschen. Hier ermordeten deutsche Täter Zehntausende Kyjiwer Jüdinnen und Juden. Dieses Verbrechen gehört zur deutschen Geschichte – und die Erinnerung daran ist unsere Verpflichtung und unser Auftrag.

Babyn Jar gehört verbindlich in den Unterricht und muss ein fester Bestandteil der Auseinandersetzung mit der Schoa sein.

Kinder und Jugendliche müssen erfahren, was dort geschehen ist. Dabei darf die Geschichte jüdischen Lebens nicht erst mit seiner Vernichtung beginnen. Unterricht muss auch zeigen, wie jüdische Menschen vor der Verfolgung lebten, welchen Platz sie in ihren Städten und Gemeinden, in der Kultur und im Leben ihrer Mitmenschen hatten und was mit ihrer Ermordung verloren ging.

Zu diesem Wissen gehören auch die Massenerschießungen, bei denen jüdische Menschen aus ihrem Alltag gerissen und häufig nur wenige Kilometer von ihren Wohnungen entfernt ermordet wurden – in Wäldern, auf Feldern, an Gruben und in Schluchten.

Wer die Schoa verstehen will, muss auch diese Form der Vernichtung kennen – Babyn Jar und die vielen anderen Orte, an denen jüdische Menschen unmittelbar in ihrer Heimat ermordet wurden.

Und dann ist da die Gegenwart.

In der Ukraine liegen viele bekannte und bis heute unbekannte jüdische Massengräber – Orte, an denen Opfer der Schoa erschossen und verscharrt wurden, ohne Namen auf einem Grabstein und ohne würdige Bestattung.

Heute werden in der Ukraine erneut Menschen ermordet und gefoltert. Tote wurden in Massengräbern und nicht gekennzeichneten Gräbern gefunden. Russland hat die Ukraine angegriffen und führt dort einen Krieg, der unzählige Opfer fordert. Butscha und Isjum stehen für Verbrechen, die sich tief in die Geschichte und in die Seele dieses Landes und seiner Bevölkerung eingebrannt haben.

Heute werden in der Ukraine erneut Menschen ermordet und gefoltert. Tote wurden in Massengräbern und nicht gekennzeichneten Gräbern gefunden. Auch Orte der Erinnerung sind bedroht.

Auch Orte der Erinnerung sind bedroht. Gedenkstätten, jüdische Friedhöfe sowie sichtbare und verborgene Spuren der Schoa können beschädigt oder zerstört werden.

Auch Babyn Jar selbst wurde vom heutigen Krieg betroffen. Am 1. März 2022 traf ein russischer Raketenangriff den unmittelbar an die Gedenkstätte angrenzenden Kyjiwer Fernsehturm. Dabei kamen mindestens fünf Menschen ums Leben. UNESCO erklärte wenige Tage später ausdrücklich, dass der Angriff auch die Holocaust-Gedenkstätte von Babyn Jar betroffen habe. Nach Angaben des Babyn Yar Holocaust Memorial Center wurde zudem ein Gebäude beschädigt, in dem künftig ein Holocaust-Museum entstehen sollte.

Die Schoa war ein deutsches, antisemitisches Vernichtungsverbrechen

Die Schoa war ein deutsches, antisemitisches Vernichtungsverbrechen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist ein schweres Verbrechen unserer Gegenwart, in dem Menschen ermordet, gefoltert und verschleppt, Familien auseinandergerissen und Städte zerstört werden. Beides muss in seiner eigenen historischen Dimension klar benannt werden.

Aber Erinnerung darf nicht beim Vergangenen enden. Erinnerung heißt auch, Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft zu übernehmen. Sie verpflichtet uns, Unrecht unmissverständlich beim Namen zu nennen und nicht zu schweigen, wenn Menschen entrechtet, verfolgt, gefoltert oder ermordet werden – besonders dort, wo alte Gräber noch immer nicht alle Namen tragen.

Wer an die Ermordeten von Babyn Jar erinnert, darf heute nicht schweigen. Wir müssen unsere Stimme erheben – laut und unmissverständlich.

Babyn Jar mahnt uns, die Ermordeten nicht dem Vergessen zu überlassen. Hinter jeder Zahl stand ein Mensch. Hinter jedem Namen ein eigenes Leben.

Rund 34.000 jüdische Menschen wurden allein am 29. und 30. September 1941 in Babyn Jar ermordet. Das Morden ging während der deutschen Besatzungszeit weiter. Insgesamt wurden dort schätzungsweise 40.000 bis 50.000 Jüdinnen und Juden ermordet.

Pola Perlovitz und Mariya Rubchinskaya. Zwei Namen aus Babyn Jar. Zwei Menschen, deren Leben viel zu früh und brutal beendet wurde.

Sie und all die anderen dürfen nicht vergessen werden. Ihre Namen zu bewahren, an ihr Leben zu erinnern und ihre Geschichten weiterzutragen, ist unsere Verantwortung.

Und diese Verantwortung endet nicht in der Vergangenheit. Sie gilt auch heute und in Zukunft, wenn Unrecht geschieht.

Das sind wir den Opfern von Babyn Jar schuldig – den Menschen von heute und morgen und allen gerechten Menschen, die nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht. Halten wir einen Moment inne und gedenken wir der Opfer. In tiefem Respekt vor den Ermordeten, ihren Familien und der jüdischen Tradition des Erinnerns.

Andreas Albrecht lebt mit seiner Familie in Köln und ist Vater von zwei Töchtern. Seit vielen Jahren engagiert er sich in der schulischen Elternvertretung in Köln und Nordrhein-Westfalen. Er ist Fördermitglied der Kölschen Kippa Köpp sowie Vorstandsmitglied der Städtepartnerschaft Köln–Esch-sur-Alzette.

Für seine historischen Hinweise zum Essay und für die Bereitstellung der Überlebendeninterviews dankt der Autor Yurii (Amir) Radchenko von der Nationalen Historischen Gedenkstätte »Babyn Jar« in Kyjiw. Seine Anmerkungen haben dazu beigetragen, einzelne Passagen historisch zu vertiefen und zu präzisieren.

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