Interview

Schauspieler Jonathan Berlin über seine Rolle als Schoa-Überlebender und Mengele-Straßen

Jonathan Berlin beim Deutschen Schauspielpreis 2025 Foto: picture alliance / Eventpress

In diesem Jahr jährt sich der Start der Nürnberger Prozesse zum 80. Mal. Über das Verfahren vor dem Internationalen Militärgerichtshof, bei dem einige der schlimmsten Kriegsverbrecher der Nazi-Diktatur vor Gericht standen, hat der NDR nun für die ARD das Doku-Drama »Nürnberg ’45 - Im Angesicht des Bösen« produziert. Zu sehen ist es am Sonntag ab 21.45 Uhr im Ersten.

Jonathan Berlin spielt darin den Auschwitz-Überlebenden Ernst Michel, der als Journalist über den Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher berichtet und später, noch vor Prozessende, in die USA auswandert. Anfang Oktober war Berlin bereits als Neo-Nazi Duric im ARD-Fernsehfilm »Die Nichte des Polizisten« zu sehen, der zum Teil auf dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter durch den NSU im Jahr 2005 basiert.

Herr Berlin, Sie sind unmittelbar hintereinander als Neonazi und Holocaust-Überlebender in ARD-Filmen zu sehen. Sind das einfach nur zwei unterschiedliche Figuren, die man mit seinem Rüstzeug als Schauspieler füllt?
Jonathan Berlin: Die Reihenfolge der Ausstrahlung war zufällig und beim Dreh nicht in der Form absehbar. Beide Projekte, so unterschiedlich sie sind, haben schon einen speziellen Zugang erfordert, den ich so noch nicht kannte. Auch inhaltlich haben sie mich länger als andere Figuren beschäftigt. Bei der »Nichte des Polizisten« lag das auch daran, dass sich die Realisierung seit 2018 immer wieder verzögert hatte.

Warum?
Unter anderem wegen des damals noch laufenden Zschäpe-Prozesses im NSU-Kontext. Selbst beim Drehen wurde lange gewartet mit einer Startmeldung, weil die Reaktionen - gerade aus rechten Kreisen - schwer einschätzbar waren. Was das schauspielerische Rüstzeug angeht, ist das einfach ein Balanceakt bei einer solchen Figur. Man läuft schnell Gefahr, etwas auszustellen und in schauspielerische Fallen zu treten. Zum Glück war da das sehr präzise geschriebene Drehbuch und eine sehr feine Regie.

Ernst Michel ist ein jüdisches Opfer aus Zeiten Jahrzehnte vor Ihrer Geburt, der Neonazi Duric ist dagegen zwar ebenfalls Millennial, steht aber politisch auf der völlig entgegengesetzten Seite zu Ihnen. In wen war es leichter, sich hineinzufühlen?
Mir fällt es schwer, das gegenüberstellend zu beantworten. Duric ist in jeglicher Form das Gegenteil meiner Werteansichten. Er steht für all das, was die AfD in den letzten Jahren an Populismus und Rassismus geschürt hat. Insofern musste ich die Figur sehr handwerklich nehmen und setze woanders an. Im Kontrast dazu ist Ernst Michel jemand, vor dem ich kaum größeren Respekt haben könnte. Sein Schaffen beeindruckt mich zutiefst. Und im Angesicht dessen, was ihm angetan wurde, kann ich lediglich all meine Empathie und Hochachtung aufwenden, um mich seiner Biografie anzunähern. Es wäre vermessen zu sagen, ich könnte mich in ihn hineinfühlen; ich kann ihn lediglich verkörpern. Und auch davor hatte ich eine gewisse Scheu. Und Angst.

Angst?
Ernst Michel nicht gerecht zu werden. Auch weil seine Schilderungen für die Schicksale so vieler anderer stehen. Wie gesagt: Es ist nicht nachzuempfinden, man kann sich nur annähern.

Ist die Verantwortung für und der Respekt vor realen Figuren grundsätzlich größer als bei fiktiven?
Ich denke schon. Aber auch die Frage, wie oft Biografien schon erzählt wurden, spielt eine Rolle. Wenn sie noch nicht sonderlich bekannt ist, ist die Tragweite einer Erzählung noch größer. Bei fiktiven Charakteren erlaube ich mir, mehr von mir auszugehen und freier zu gestalten. Es sind schon zwei andere Dinge, auch wenn man das im Moment des Spielens natürlich ausblenden muss.

Dabei fällt auf, dass Sie zwar sehr viele sehr unterschiedliche Rollen gespielt haben, inklusive dieser hier aber mittlerweile sechs, die um das Jahr 1945 herum handeln. Angefangen hat das mit dem ZDF-Nachkriegsdrama »Tannbach« vor zehn Jahren. Gibt es so etwas wie ein historisches Gesicht, das bestimmte Epochen gut widerspiegelt?Das habe ich mich auch schon öfter gefragt, aber diese Kategorisierung überlasse ich anderen. Vielleicht zieht man auch eine bestimmte Art von Konflikten an. Sicherlich interessiert mich an diesen Stoffen, dass dort ein Wertesystem gänzlich neu verhandelt wird. Außerdem ist es ja nicht so, dass diese Themen der Vergangenheit angehören. Erst kürzlich haben einige Unions-Politiker dafür plädiert, die Brandmauer zur AfD abzubauen. Da frage ich mich, ob die sich ernsthaft mit der Geschichte und den Abgründen des eigenen Landes auseinandergesetzt haben. Genau aus diesem Grund haben meine Kollegin Luisa-Celine Gaffron und ich Anfang des Jahres einen offenen Brief gegen das Einreißen der Brandmauer zur AfD initiiert.

Den Hunderte Kulturschaffende unterzeichnet haben.
Genau. Wir erleben gerade aufs Neue, wie Minderheiten angegriffen werden, Antisemitismus zunimmt, Rassismus wächst, Gedenkstätten attackiert werden und gleichzeitig gut 25 Prozent eine gesichert rechtsextremistische Partei wählen würden. Wir sind alle in der Verantwortung, genau hinzusehen. Mich selbst beschäftigt seit einiger Zeit ein massiver Missstand in Günzburg, der Stadt, in der ich als Jugendlicher aufgewachsen bin. Wissen Sie, wer noch von dort kommt?

Nein.
Josef Mengele.

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Oh, dem Ihre Figur in »Nürnberg ‚45« leibhaftig in Auschwitz begegnet.
Obwohl sich die Stadt mit diesem Erbe beschäftigt und eindrückliche Mahnmäler zu Mengeles Verbrechen errichtet hat, sind noch zwei Günzburger Straßen nach Verwandten Mengeles benannt. Sein Vater Karl ist 1933 in die NSDAP eingetreten. Sein Bruder Alois soll Mengele nach dessen Flucht finanziell unterstützt haben. Wie kann es sein, dass sie als Namensgeber geduldet werden? Ich fordere den Stadtrat daher auf, diese Straßen endlich umzubenennen.

Mit Erfolg?
Das steht noch aus, aber ich befinde mich dazu gerade im Austausch und versuche, das Thema erneut auf den Tisch zu bringen. Schließlich sehen viele in der Stadt die Straßennamen ebenso kritisch und sprechen sich gegen den Missstand aus.

Betreibt dieses Engagement gegen Rechts nur der Mensch oder auch der Schauspieler Jonathan Berlin?
Beides bedingt einander. Ich finde, dass man für die Figuren, die man spielt, auch im Hier und Jetzt eine Verantwortung hat, wenn sie realpolitische Kontexte treffen. Wenn ich ein Projekt wie »Nürnberg ‚45« zusage, aber nichts gegen die beiden Mengele-Straßen täte, dann würde ich doch letztlich die Figur, nein, Ernst Michel als Person, verraten. Diese Verantwortung besteht zwar auch ohne diese Projekte, aber sie vergrößern sie erheblich, finde ich.

Frage: Und was hat es mit Ihnen gemacht, von dieser Konstellation mit Mengele im Drehbuch zu lesen?
Ich würde sagen, es hat mich gleichzeitig zurückschrecken und auf den Stoff zubewegen lassen. Denn ganz klar war: Diese Figur zu spielen, verpflichtet dazu, diesen Missstand vehementer anzugehen. Dem Bürgermeister der Stadt habe ich auch deshalb bereits die Umbenennung in »Ernst-Michel-Straße« vorgeschlagen. Denn wir haben es Personen wie ihm zu verdanken, dass Worte für das gefunden wurden, wofür es kaum Worte gibt.

»Nürnberg ’45 - Im Angesicht des Bösen« am Sonntag ab 21.45 Uhr im Ersten

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