Biografie

Schauspieler Berkel: In der Synagoge sind mir die Tränen geflossen 

Christian Berkel Foto: picture alliance/dpa

Biografie

Schauspieler Berkel: In der Synagoge sind mir die Tränen geflossen 

Er ging in die Kirche und war Messdiener - erst spät kam sein Interesse für das Judentum, berichtet Schauspieler Christian Berkel

von Leticia Witte  11.07.2025 20:30 Uhr

Dem Schauspieler Christian Berkel sind in einer Synagoge einmal die Tränen gekommen: Es sei »sehr heftig« gewesen, als er das erste Mal in einer Synagoge bei einer Bar Mizwa gewesen sei, also bei einer Feier, in der ein Junge seine Religionsmündigkeit erlangt.

»Ich setzte mich da rein, und mir flossen die Tränen, ich konnte gar nicht sagen, warum«, sagte der 67-Jährige im Interview der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«. »Ich weiß nur, dass ich in der Synagoge ein Gefühl von Identität und von Angekommensein hatte, wie ich es in der katholischen Kirche nie hatte.«

Lesen Sie auch

Seine jüdische Mutter sei eher aus pragmatischen Gründen zum Katholizismus konvertiert. »Sie wurde eine leidenschaftliche Katholikin. Als Kind waren wir jeden Sonntag in der Kirche, ich war Messdiener. Als der Papst eine Äußerung machte, die sie als antisemitisch empfand, ist sie sofort ausgetreten«, sagte Berkel (»Rossini«, »Tatort«), der den Roman »Sputnik« geschrieben hat.

Ihn selbst hätten die Geschichten aus der Bibel schon als Kind sehr fasziniert. »Und an der katholischen Kirche die Theatralik, die Inszenierung, in jungen Jahren natürlich eher unbewusst. Als ich später auf einer anderen Ebene über diese Dinge nachgedacht habe, war das Thema Kirche für mich sofort durch.«

Das Interesse für das Judentum habe erst später in Frankreich begonnen, sagte Berkel. Und: »Erst später erfuhr ich, dass meine polnische Urgroßmutter wahrscheinlich im Ghetto Kutno bei Lodz verhungert ist und Cousins der Mutter wohl in Chelmno vergast wurden, wo die Nazis die Massentötung in Lkws testeten.« Über all das sei in seinem Elternhaus nur ein bisschen und eher vage gesprochen worden.

Zur Frage von Identität sagte Berkel: »Weder ich noch sonst jemand muss sich prinzipiell entscheiden. Es gibt auch diese Form von Identität, die nicht so klar ist, und das ist eben meine.« Eine klare »Entscheidung« würde sich aus seiner Sicht nicht richtig anfühlen, »ich bin ja nicht sozialisiert wie ein jüdisches Kind, war nicht jeden Samstag in der Synagoge und habe nicht die jüdischen Feste gefeiert. Das alles habe ich erst mit 50 kennengelernt.«

Zahl der Woche

7 Wochen

Fun Facts und Wissenswertes

 28.07.2026

Literatur

Von der Liebe in Zeiten der ’Ndrangheta

In seinem Tatsachenroman erzählt der italienisch-jüdische Autor Roberto Saviano die Geschichte einer verschwundenen Frau

von Knut Elstermann  28.07.2026

Aufgegabelt

Marokkanische Bällchen

Rezepte und Leckeres

 28.07.2026

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

London

Boy George veröffentlicht israelsolidarischen Song »We Will Dance Again«

Der britische Sänger stellt in seinem neuen Reggae-Lied klar: »Ich stehe auf der Seite der Juden.«

von Imanuel Marcus  28.07.2026

New York

Carly Simon hat Parkinson

Die Sängerin und Songschreiberin mit jüdischem Familienhintergrund kämpft mit zwei gesundheitlichen Problemen. Trotzdem hat es sie es geschafft, ein neues Album aufzunehmen

 28.07.2026

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Musik

Und sie erinnern sich doch

Die Bayreuther Festspiele begehen ihr 150. Jubiläum mit Nachdenklichkeit

von Maria Ossowski  27.07.2026

Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Um offen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen, haben die Bayreuther Festspiele Michel Friedman als Redner eingeladen. Der Publizist rief eine neue Ära des Erinnerns aus

 26.07.2026