Wien

Schauspiel auf der Mazzesinsel

Entwirft Zukunftsszenarien für das 21. Jahrhundert: »Der letzte Mensch«, 2019 am Nestroyhof/Hamakom uraufgeführt. Foto: Marcella Ruiz Cruz

Das Foyer des Theaters Nestroyhof/Hamakom im zweiten Wiener Gemeindebezirk erinnert an ein minimalistisches Café. Ein paar Sessel hier, ein paar Sofas da, stilistisch zusammengewürfelt, spärliche Beleuchtung.

Frederic Lion, Intendant des Hauses, sitzt mit übergeschlagenen Beinen in einem ledernen Fauteuil. »Hamakom ist Hebräisch für ›der Ort‹«, erklärt er. »Man findet einen Platz vor, und man schafft ihn noch einmal, indem man die Bedeutung des Ortes unterstreicht.« Ein Ausrufezeichen, aber nicht auf deutsch.

Die Uraufführung der Büchse der Pandora fand im privaten Rahmen statt.

Er habe die Notwendigkeit gespürt, den Bezug zur jüdischen Geschichte des Jugendstilbaus aufrechtzuerhalten. Über der geschwungenen Bar in der Mitte des Vorraums hängt ein schwarz-weißes Bild. Es zeigt den gut gefüllten Theaterraum zu einer Zeit, in der hier noch das Varieté »Reklame« beheimatet war.

Die Geschichte des Theaters, das Lion 2009 wiedereröffnet hat, reicht zurück bis ins Jahr 1898 und ist geprägt von Enteignung, Entfremdung, aber auch Wiederentdeckung.

TANZBAR Erbaut von dem Architekten Oskar Marmorek, wurde das 1899 eröffnete »Etablissement Nestroy-Säle« mit Bierhalle, Restaurant und Wintergarten schnell zu einer der bekanntesten Vergnügungsstätten der Stadt.

1904 zog das sogenannte »Intime Theater« ein, ein Jahr später standen die Schriftsteller Karl Kraus und Frank Wedekind gemeinsam auf der Bühne: Die Uraufführung der Büchse der Pandora fand im privaten Rahmen statt.

In jenen Jahren eröffnete auch die berüchtigte Tanzbar »Sphinx« im Keller: bunt bemalte Wände, typisch Jugendstil. Noch heute zieren Reste einer Schablonenmalerei mit ägyptischen Motiven einen kleinen Abschnitt des Untergrunds, sonst säumt unverputzter Backstein den Raum. Eine bewusste Entscheidung.

Lion mag den Verfall, in dem sich das Haus hier und da präsentiert. »Es fordert mich zu einer existenziellen Wahrnehmung auf«, erklärt der 61-Jährige.

Bis 1938 wurden hier Revuen und Liederabende aufgeführt.

Von 1927 bis 1938 bezogen die »Jüdischen Künstlerspiele« das Theater: »Eine im Grundkern zionistische Truppe, die eine große Bandbreite an Programm für die heterogene jüdische Landschaft vor ihrer Nase gemacht hat«, erzählt Lion. Revuen, Liederabende und Lustspiele wurden aufgeführt.

Es war eine von vielen jüdischen Theatergruppen zu der Zeit, die alle der Off-Szene angehörten, aber durchaus wahrgenommen wurden. Die jüdische Kultur in Abgrenzung von der Religion sei in ihrem Ursprung ja die zionistische Idee gewesen, so Lion.

Nach dem Anschluss an Nazi-Deutschland wurde das Haus »arisiert«, die künstlerische Leitung und die Schauspieler vertrieben. Viel später, ab 1975, zog eine Reihe von Supermärkten ein – die Glasscheiben im Foyer sind Überbleibsel dieser Epoche. Wo heute wieder gespielt wird, lagerten damals die Waren.

Das Wiener Theater Nestroyhof/Hamakom, Foto: Sarah NägeleFoto: Sarah Nägele

EIGENTÜMER Die Wiedereröffnung als Theater gelang erst 2009 mit dem Stück Rückkehr nach Haifa / Smalltalk des israelischen Autors Ilan Hatsor. Es geht darin um eine liberale israelische Familie in Haifa, ein Architektenpärchen. Eines Tages klopft ein Architekturprofessor aus Yale an die Tür. Er ist das Kind einer palästinensischen Familie, die das Haus 1948 aufgeben musste.

Er will das Haus nicht zurück, aber eine schriftliche Anerkennung des ihm widerfahrenen Unrechts. »Mich hat das interessiert, weil der Nestroyhof eine arisierte Liegenschaft ist«, erzählt Lion. Auch das Theater wurde seinen Eigentümern entrissen.

Und es habe ihn interessiert, mit einem schwierigen Thema anzufangen, das bis heute ein zeithistorisches und israelisches ist. »Dieses Thema im Kontext der Wiedereröffnung eines Hauses über ein Haus zu erzählen, fand ich spannend.«

Als »jüdisches Theater« versteht er den Nestroyhof/Hamakom aber nicht. Das sei zwar ein guter Marketingbegriff, »aber da befinde ich mich am Ende in jüdischen Identitätsfragen, die ich nicht beantworten kann«. Doch auch wenn das Programm weit darüber hinausreicht, ist das Thema Österreich/Judentum/Schoa eines, das immer wieder verhandelt wird.

Und der Platz, den das Hamakom einnimmt, ein einzigartiger in der Wiener Bühnenlandschaft. Das zeigt sich auch in Stücken wie Robert Schindels Dunkelstein, das historische Fakten verarbeitet, allen voran die Geschichte des umstrittenen Wiener Rabbiners Benjamin Murmelstein.

Ein liberaler Rabbiner tritt manchmal als Kabarettist auf.

Für Wien ist das Judentum identitätsstiftend. Lion glaubt, dass viele Menschen in der Stadt irrsinnig viel auf den Begriff projizieren. Einerseits finde eine enorme Romantisierung statt, auf der anderen Seite gelinge es rechtsradikalen Parteien immer noch, antisemitische Reflexe anzuheizen.

Dankbarkeit Manchmal passiert es auf der einst von vielen Juden bewohnten und daher so genannten »Mazzesinsel«, dass ein orthodoxer Wiener Jude neugierig in die Auslage späht, zum Beispiel, als ein New Yorker Grafiker im Hamakom Straßenszenen aus Brooklyn ausstellte.

Aber im Theater sieht man die Orthodoxen kaum. Die liberale Or-Chadasch-Gemeinde ist stärker involviert, einer der Rabbiner tritt manchmal als Kabarettist auf. »Wir leben in diesen unterschiedlichen Welten«, resümiert Frederic Lion.

Wenn er auf die Zeit seit der Wiedereröffnung zurückblickt, dann überwiege ein Gefühl: Dankbarkeit. »Die Wiener Öffentlichkeit hat verstanden, warum es dieses Theater wieder geben soll.« Für die Zukunft wünscht er sich eine Irreversibilität dieses Umstands.

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