Archäologie

Schatzsucher

Ein paar blaue Reisekoffer empfangen den Besucher. Es sind die Koffer von Ernst Herzfeld. In ihnen liegen Skizzen, Zeichnungen, Fotos und handgeschriebene Notizen des Persepolis-Forschers. Flankiert wird diese Inszenierung von einem Modell der sagenhaften persischen Stadt Persepolis mit ihren prächtigen Palästen, die die persischen Könige in der vorislamischen Zeit errichten ließen.

Vieles, was über Persepolis bekannt ist, ist dem leidenschaftlichen Archäologen Ernst Herzfeld zu verdanken, der im Jahre 1931 dort mit den systematischen Ausgrabungen begann. Die Freude am Graben und Reisen, das Talent für alte Sprachen, das Zeichnen, Untersuchen und Vermessen von Gebäuden hatten Herzfeld schon früh und fast sehnsüchtig in den Alten Orient gezogen.

ausstellung Zu sehen ist all dies im Museum für Islamische Kunst in Berlin. Dort wird derzeit eine Ausstellung über die Arbeit deutscher Archäologen im Iran gezeigt. Der Anlass ist die Gründung des Deutschen Archäologischen Instituts vor 50 Jahren in Teheran.

Wer die Ausstellung besucht, wird überrascht sein, wie weit die Geschichte der deutschen Archäologie im Iran eigentlich reicht, und vor allem, wie eng sie mit Ernst Herzfeld verbunden ist, dem die Nationalsozialisten am 18. September 1935 wegen seiner jüdischen Herkunft die Professur entzogen, den sie in den Ruhestand zwangsversetzten und in die Emigration trieben.

Herzfeld war kein einfacher Mensch. »Ein schwieriger Charakter, ein Visionär, intelligent und sensibel, ein Einzelgänger vielleicht«, so beschreibt ihn die Leiterin der Außenstelle Teheran des Deutschen Archäologischen Instituts, Barbara Helwing, im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Herzfeld wurde am 23. Juli 1879 in Celle geboren, studierte an den Technischen Hochschulen in Berlin und München Architektur und an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin Assyriologie, Kunstgeschichte und Alte Geschichte.

Nach dem Studium reiste er als Teilnehmer an deutschen Grabungen nach Assur. Später folgten ausgedehnte Aufenthalte in Mesopotamien und Persien, was sein Interesse an den dortigen archäologischen Stätten recht früh weckte. 1911 wurde Herzfeld Leiter der Ausgrabungen in Samarra. Sie begründeten seinen Ruhm als Forscher und Ausgräber und machten ihn fast nebenbei zum Mitbegründer der islamischen Archäologie und Kunstgeschichte.

revolutionär Bereits 1917 schrieb Herzfeld einen programmatischen Aufsatz, in dem er die Verantwortung der Länder für ihre Ausgrabungen beschwor und sich damit »eindeutig gegen die damals imperiale Ausrichtung der Grabungen im kolonialen Wettbewerb wendete«, so Barbara Helwing. 1920 wurde Herzfeld zum Professor für orientalische Archäologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin berufen und machte die Archäologie Persiens zu seinem Arbeits- und Forschungsschwerpunkt.

In den 20er-Jahren beriet er die persischen Behörden bei der Formulierung eines verbindlichen Antikengesetzes für den persischen Staat. Es sah vor, alle Grabungsfunde im Land zu belassen. Ein Anliegen, das zu jener Zeit fast revolutionär anmutete.

Auf seinen Reisen nach Persien dokumentierte und publizierte er über zahlreiche Ruinenstätten im Land. Sein Wunsch war jedoch immer die Gründung einer Abteilung Teheran des Archäologischen Instituts. In Deutschland waren nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise dafür jedoch keine Finanzmittel verfügbar. Überhaupt war das Geld für die Archäologie knapp bemessen.

Herzfeld konnte seine dann 1931 begonnenen Expeditionen und großen Ausgrabungen in Persepolis nur mit amerikanischem Geld für das Oriental Institute Chicago durchführen. »Dafür musste er allerdings auch Funde liefern, die dann im Museum ausgestellt wurden«, erläutert Helwing die verzwickte Lage Herzfelds.

Denunziert 1934 wurde Herzfeld die Leitung der Grabung in Persepolis entzogen. Er befand sich auf dem Weg nach London zu einem Forschungsaufenthalt, als ihn Alexander Langsdorff, ein ehemaliger Mitarbeiter und mittlerweile in den Rang eines SS-Obersturmbannführers erhobener Nazi, denunzierte. Herzfeld sei ein »typisch internationaler Jude«, der seinen Diplomatenpass missbrauche, schrieb Langsdorff.

Am 18. September 1935 wurde Herzfeld seiner Professur enthoben, in den Ruhestand versetzt und aus Deutschland vertrieben. Er emigrierte nach Princeton und lehrte dort an der Universität mit anderen deutschen Emigranten und Nobelpreisträgern wie Albert Einstein.

Ernst Herzfeld starb am 20. Januar 1948 im Alter von 69 Jahren in Basel/Schweiz, ohne jemals wieder einen Fuß auf deutschen Boden gesetzt zu haben. Die Bemühungen des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), ihn nach dem Ende der NS-Diktatur wieder aufzunehmen, wies er brüskiert ab.

»Die widerstandslose Kapitulation der deutschen Universitäten vor dem Nazismus ist nicht vergessen«, schrieb Herzfeld ein Jahr vor seinem Tod an das Institut in Berlin. 1961 konnte das DAI eine Außenstelle in Teheran eröffnen. Persepolis ist ein bis heute ikonischer Ort Irans.

Nachruf

Jürgen Habermas – die jüdische Gemeinschaft verliert einen großen Freund

Der große Soziologe war zeitlebens mit Israel verbunden

von Michael Brenner  16.03.2026

Oscars 2026

Timothée Chalamet muss warten

»Marty Supreme« war der überraschende Verlierer des Abends. Aber nach dem großen Mischpoche-Fest im Vorjahr gab es einen großen und viele kleine Erfolge für die jüdischen Filmfans

von Sophie Albers Ben Chamo  16.03.2026

Serie

Sarah Michelle Gellar: »Buffy«-Neuauflage abgesagt

Die Schauspielerin wendet sich in einem Video an ihre Fans, um sie über den Stopp des Projektes zu informieren

 15.03.2026

TV-Tipp

Fast rundes Alterswerk

Der rbb zeigt »Ein Glücksfall«, den 50. Film von Woody Allen

von Kira Taszman  15.03.2026

Philosophie

Ende einer Epoche und Auftrag

Jürgen Habermas ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Zum Tod des renommierten Denkers ein Nachruf aus jüdischer Sicht

von Johannes Heil  15.03.2026

Zahl der Woche

615,5 Kilo

Fun Facts und Wissenswertes

von Katrin Richter  15.03.2026

Geheimnisse und Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 15.03.2026

Jürgen Habermas

Die Macht des Arguments

Meisterdenker und öffentlicher Intellektueller – in beiden Rollen höchstes Ansehen zu genießen, gelingt nur wenigen. Jürgen Habermas war einer von ihnen. Nun ist der Philosoph mit 96 Jahren gestorben.

von Sandra Trauner  14.03.2026

Berlin

Wirbel um Weimer: Regierung weist Rücktrittsforderung zurück

Erst gab es Debatten über Antisemitismus auf der Berlinale, jetzt über den Buchhandlungspreis: Die Bundesregierung stellt sich hinter ihren Kulturstaatsminister Wolfram Weimer

von Julia Kilian, Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat, Silke Sullivan  12.03.2026