Georg Kreisler

Satire und Anarchie

»Mir hat mein Judentum geholfen«: Georg Franz Kreisler (1922–2011) stammte aus einer österreichischen Familie. Foto: picture alliance / Sammlung Richter

Georg Kreisler

Satire und Anarchie

Am 18. Juli wäre der Entertainer aus Wien 100 Jahre alt geworden

von Gerhard Haase-Hindenberg  16.07.2022 23:04 Uhr

Die hochgewachsene Person mit dem streng nach hinten gekämmten Haar und der beeindruckenden Hornbrille konnte ängstlichen Gemütern durchaus Furcht einflößen. Aber nur, bis sich Georg Kreisler ans Piano setzte, um mit verschmitztem Lächeln und virtuoser Mimik eines seiner Lieder zu singen.

Davon hat er annähernd 600 geschrieben, mit meist flotten Melodien, gelegentlich ungewohnten Harmonien und durchgängig hintersinnigen Texten. Die Songs waren satirische Perlen in den Programmen eines Entertainers, der nicht Kabarettist genannt werden wollte und sich weltanschaulich als Anarchist verstand.

bühnenshows Fast immer, wenn heute sein Name fällt, wird die Zeile zitiert: »Geh’n wir Tauben vergiften im Park …« So nämlich lautet die Hookline seines berühmtesten, keineswegs aber seines besten Songs. Hinter den Bühnenshows, die Kreisler seit Mitte der 50er-Jahre entweder als Solokünstler oder im Duett mit wechselnden Partnerinnen auf die deutschsprachigen Bühnen brachte, stand die Erfahrung eines an Ereignissen reichen Lebens. Ein Leben, das nicht immer das Ergebnis autonomer Entscheidungen war.

Der arrivierte Wiener Rechtsanwalt Siegfried Kreisler war nicht begeistert von der Idee seiner Gattin, dem gemeinsamen Sohn Georg Klavierunterricht zu finanzieren. Im Sommer 1929 ist das gewesen, und der Filius war gerade sieben Jahre alt. Vater Siegfried erlebte seinen Schorschi als Traumtänzer, was ihn zu der Mahnung veranlasste: »Von Fantasie kann man nicht leben …« Dabei mochte er den eigenen Bruder Otto Kreisler vor Augen gehabt haben, der sich mit wechselndem Erfolg als Stummfilmproduzent durchschlug.

»Geh’n wir Tauben vergiften im Park …« lautet seine berühmteste Hookline.

Der aber brachte einen weiteren Verwandten, den Drehbuchautor Walter
Reisch, ins Filmgeschäft, und dieser lebte bald sehr gut von seiner Fantasie. Ein Jahrzehnt später ist es Reisch, der sich im fernen Hollywood bei der US-Einwanderungsbehörde für die Mischpoche in Wien verbürgt. Siegfried Kreislers kleine jüdische Familie kann so das von den Nazis »heim ins Reich« geholte Österreich verlassen – einer ungewissen Zukunft entgegen. Bald schon wird es sich für den jungen Georg Kreisler als äußerst vorteilhaft erweisen, einmal das Klavierspiel – und einhergehend auch Musiktheorie und Kompositionslehre – erlernt zu haben.

KALIFORNIEN Walter Reisch bringt seinen Cousin in Beverly Hills mit Komponisten, Autoren und Schauspielern zusammen. Kreisler bekommt Einblicke in Biografien mit gigantischen Erfolgen und einem Leben am Existenzminimum nebeneinander. Er schlägt sich als Probenpianist am »Hollytown Theatre« durch, spielt im Filmstudio Pianomusik für drittklassige Streifen ein, wird Korrepetitor an einer Opernschule und Tourneedirigent von Musikrevuen.

Eine Familie kann man davon schlecht ernähren, auch wenn er es mit Philine – der Tochter von Friedrich Hollaender – zeitweilig versucht. Dann treten die USA in den Krieg ein, und Kreisler findet sich uniformiert im britischen Yeovil wieder. Als Chef einer Revuetruppe komponiert er Songs für jene Soldaten, die sich auf den D-Day vorbereiten.

Danach die Verlegung nach Belgien, wo er sich auf die Suche nach seinen drei Tanten macht, die vor dem Krieg hierher emigriert waren. Erst später wird er erfahren, dass sie die Nazibarbarei überlebten, ihre Männer aber nicht. Durch die Vermittlung seines Freundes Marcel Prawy wird Kreisler zu einer Spezialeinheit versetzt, bei der deutschsprachige Soldaten zu Verhörspezialisten ausgebildet werden. Der prominenteste Häftling, den er zu vernehmen hat, heißt Julius Streicher.

charlie chaplin Zurück in Kalifornien, hangelt sich Kreisler mit meist schlecht bezahlten Studiojobs durch. Er lernt Charlie Chaplin kennen. Der arbeitet gerade an seinem Film Monsieur Verdoux und hat eine Titelmelodie im Kopf. Die pfeift der weltberühmte Komiker dem jungen Musiker vor, der sie notiert.

»Man lernt, mit einer ungewissen Zukunft umzugehen, also an Gott zu glauben.«

georg kreisler

Kreisler fühlt, dass sich sein Leben in einer Sackgasse befindet, und macht sich auf den Weg nach New York. Aber auch in Manhattan lebt er zunächst nur von ein paar Dollars, die er in einem Synagogenchor verdient oder als Pianist in dunklen Spelunken. Er führt das Leben eines Bohemiens. Dann trifft er auf den Talentscout Murray Kane, der selbst lange im Showbiz erfolgreich war. Kane erkennt in Kreisler ein Talent als Entertainer am Klavier. Das führt zwar nur zu befristeten Engagements, denen Wochen der Arbeitslosigkeit folgen, aber Kane bringt ihm bei, wie man Pointen setzt, lehrt ihn Gestik und Mimik.

Beim Probeauftritt im »Number One« auf der 5th Avenue applaudiert das Publikum begeistert. Doch der Chef mag keine Juden. Im Nachtklub »Le Ruban Bleu« hat Georg Kreisler am 28. Juli 1947 sein erstes eigenes Soloprogramm. Aber erst im Sommer 1950 bekommt er in der »Monkey Bar« einen unbefristeten Job, und die Kritik des traditionsreichen Fachblatts »Variety« bescheinigt ihm »einen ausgefeilten Sinn für die Satire und einen ausgereiften Stil des Vortrages«.

RÜCKKEHR Im Jahr 1955 kehrt Georg Kreisler dorthin zurück, wo er 17 Jahre zuvor von nichtjüdischen Mitschülern bespuckt und geschlagen worden war. Die Republik Österreich hatte allen Bürgern, die seinerzeit im Land geblieben waren, die Staatsbürgerschaft zurückgegeben. Doch dem Emigranten Kreisler wurde sie nie angetragen, nicht einmal, als zu seinem 70. Geburtstag der Wiener Bürgermeister, dessen Kulturstadträtin und der Bundesminister für Unterricht und Kunst »einem der größten österreichischen Chansonniers« zum Lebenswerk gratulieren.

An dieser Würdigung ist gleich zweierlei falsch. Der Kosmopolit Kreisler fühlte sich schon lange nicht mehr als Österreicher, und die Reduzierung auf das Genre Chanson verschweigt mehr, als es würdigt. In den Jahren nach seiner Rückkehr war er nach anfänglichen Schwierigkeiten eben nicht nur das, was man heute einen Singer-Songwriter nennt.

Er war Dirigent bei den Salzburger Festspielen, entwickelte Sendeformate für die ARD, war schließlich auch Romancier und schrieb eine Oper. Und das Ein-Personen-Stück Heute Abend: Lola Blau, das er für seine zeitweilige Ehefrau und Bühnenpartnerin Topsy Küppers verfasst hatte, verschaffte ihm bald nach der Uraufführung in Wien einen internationalen Ruf.

Als Österreicher fühlte er sich nicht mehr. Die Staatsbürgerschaft bekam der Künstler nicht zurück.

Darin wird die Geschichte einer jüdischen Bühnenkünstlerin erzählt, die nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 Wien in Richtung USA verlässt. Dort wird sie berühmt, verliert ihre Illusionen und kehrt nach dem Krieg zurück.

nazizeit Autobiografische Anklänge sind da nicht zu übersehen. Trotz vieler Anläufe hat sich Georg Kreisler, wie jene Bühnenfigur, nie wieder in Wien zu Hause gefühlt. Nirgendwo spürte er die systematisch verdrängte Nazizeit mehr als in diesem Land, in dem der Antisemitismus als Lebensstil überlebt hat. Er textet: »Wie schön wär mein Wien ohne Wiener …« Immer wieder flieht er, wohnt in München, Berlin und Basel, und mit seiner letzten Lebenspartnerin Barbara Peters tingelt er an bis zu 250 Abenden im Jahr über die deutschsprachigen Bühnen.

1972 hatte Kreisler erwogen, nach Israel auszuwandern, und besuchte sogar drei Monate den Ulpan, um Hebräisch zu lernen. Ernüchtert stellte er allerdings fest, dass ihm wohl der zionistische Enthusiasmus fehle.
Er schreibt aber auch: »Andererseits finde ich mein Judentum eine Bereicherung. Man lernt, mit einer ungewissen Zukunft umzugehen, also an Gott zu glauben. Das heißt: Man erfährt am eigenen Schicksal, dass der Mensch schwach ist, und dadurch wird man energisch, sogar trotzig, was die Mitmenschen betrifft, und demütig in Bezug auf fast alles andere. Mir hat mein Judentum geholfen.«

Georg Kreisler stirbt am 22. November 2011 im Alter von 89 Jahren in Salzburg.

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