Raubkunst

Rückkehr der Apfelsinenfrau

»Die Apfelsinenfrau ist wieder da!«, titelte Polens bedeutendste Tageszeitung Gazeta Wyborcza auf der ersten Seite. Die Rede war von dem Gemälde Jüdin mit den Orangen Alexander Gierymskis (1849-1901). Seit 1944, kurz nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands, war das Bild aus dem Nationalmuseum in Warschau verschwunden.

Jetzt ist es in einem Auktionshaus in Buxtehude bei Hamburg wieder aufgetaucht. Obwohl das Bild seit Jahren auf der Fahndungsliste für NS-Raubkunst steht, hätte es dort für den Schnäppchenpreis von 4.500 Euro den Besitzer wechseln können. Der tatsächliche Wert wird auf bis zu 500.000 Euro geschätzt.

Der Galerist und Gierymski-Experte Marek Mielniczuk, der nach Deutschland reiste, um eine erste Expertise durchzuführen, erklärte nach der Prüfung: »Das ist eindeutig ein Gierymski, schlecht restauriert, aber zweifellos echt!« Nur einen Tag vor der Auktion am 28. November stellte die Staatsanwaltschaft Stade das Kunstwerk sicher.

verjährt Eva Aldag, die Eigentümerin des norddeutschen Auktionshauses, erklärte gegenüber dem polnischen Radio, das Bild für eine Kopie gehalten und deshalb das Mindestgebot so niedrig angesetzt zu haben. Sie wolle es im Februar wieder bei einer Auktion anbieten – nach einem neuen Wertgutachten. Die aktuelle Besitzerin des Kunstwerks wiederum gab an, die Jüdin mit den Orangen von ihrer Großmutter geerbt zu haben.

Diese hatte 1948 einen Industriellen und Kunstsammler aus Düsseldorf geheiratet, in dessen Sammlung sich schon damals das Bild befand, so die Erbin. Zwar sicherte Kulturstaatsminister Bernd Neumann bereits seine Hilfe bei der Rückgewinnung des geraubten Gemäldes zu, ohne jedoch konkret zu sagen, worin diese Hilfe bestehen könnte. Denn ein Prozess um die Rückgabe des Bildes hätte nach derzeitiger Rechtslage in Deutschland kaum Aussicht auf Erfolg. 2001 verabschiedete der Bundestag ein Gesetz, demzufolge Kunstdiebstahl nach 30 Jahren verjährt.

Dies gilt zwar nicht für staatliche Sammlungen und Museen, die NS-Raubkunst in der Regel zurückerstatten, wohl aber für Kunstwerke in Privatbesitz. Wenn es einem Kunsträuber oder seinen Nachkommen gelingt, das gestohlene Werk nur lange genug zu verstecken, gehört es ihnen ganz legal nach Ablauf von 30 Jahren.

Der Anspruch des Alteigentümers auf Rückgabe erlischt. Erwirbt ein Kunstsammler in gutem Glauben ein geraubtes Bild, verfällt der Anspruch des Alteigentümers sogar bereits nach zehn Jahren. Polens Regierung versucht daher zunächst, die derzeitige Besitzerin zur freiwilligen Rückgabe des 1944 geraubten Gemäldes zu bewegen.

Präzedenzfall Die Verbitterung über den von der Bundesrepublik legalisierten NS-Kunstraub ist in Polen groß. So hatte man sich die Erfüllung des deutsch-polnischen Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit nicht vorgestellt. Zum 20. Jahrestag im Juni 2011 war eigentlich ein Jubelfest geplant.

Sollte die derzeitige Eigentümerin das Bild nicht freiwillig an das Nationalmuseum in Warschau zurückgeben, müsste Neumann tief in die Tasche greifen, um die Feier noch zu retten. Dies würde allerdings einen Präzedenzfall schaffen. Denn polnischen Angaben zufolge dürften sich die meisten der seit 1945 verschollenen Kunstwerke in Privatbesitz befinden. Darunter sind Bilder, die noch wertvoller sind als die Jüdin mit den Orangen, beispielsweise ein Rafael aus dem Czartoryski-Museum in Krakau.

»Zurzeit verhandeln wir über die Rück-gabe von rund 20 Kunstwerken, die während des Zweiten Weltkriegs gestohlen wurden«, erklärt Jacek Miler vom Kulturministerium in Warschau. Seine Kollegin Karina Chabowska fügt hinzu: »Der Kunstmarkt ist weltweit.

Auch wenn ein Bild von den Nazis oder Sowjets 1939 bis 1945 gestohlen wurde, kann es irgendwann eines Tages auf einer Auktion in London oder New York auftauchen.« Bis heute gelten 10.000 bis 15.000 Bilder aus den Vorkriegssammlungen Polens als verschollen.

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  05.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Auszeichnung

Marion-Samuel-Preis geht an Susanne Siegert für NS-Aufklärung

Die Augsburger Stiftung Erinnerung fördert Menschen, die sich gegen das Vergessen, Verdrängen und Relativieren der Nazi-Verbrechen wenden. Sie verleiht einen Preis, der mit viel Geld dotiert ist

von Christopher Beschnitt  05.05.2026

Potsdam

Jüdisches Filmfestival zeigt Vielfalt Israels

Vereinfachte Narrative werden hinterfragt und unterschiedliche palästinensische und israelische Realitäten in den Blick genommen

 05.05.2026

New York

Zoë Kravitz sorgt mit Spitzenkleid für Aufsehen

Die frisch Verlobte Darstellerin erscheint in einem schwarzen, transparenten Spitzenkleid aus dem Haus Saint Laurent, über das alle US-Modeblätter schreiben. Aber wo ist der Verlobte?

 05.05.2026

Berlin/New York

»Der Teufel trägt Prada 2« startet mit starkem Kinoerfolg

Rund 625.000 Besucher am Startwochenende: Die Fortsetzung der Modewelt-Satire begeistert das Kinopublikum in Deutschland und sorgt für einen der besten Filmstarts des Jahres

 05.05.2026

Wien

Glanzauftritt mit »Diamant«: Noam Bettan überzeugt bei erster ESC-Probe

Zum Auftakt der Performance erscheint Bettan gemeinsam mit einer Tänzerin aus dem Inneren des Bühnenelements, das einem Edelstein nachempfunden ist

 05.05.2026 Aktualisiert

»Imanuels Interpreten« (20)

Progressive Rock-Pioniere: Die Shulman-Brüder und ihre Band Gentle Giant

Mit einer Überdosis Kreativität betrieben die drei schottischen Juden Phil, Derek und Ray Shulman eine Formation, die herausstach

von Imanuel Marcus  04.05.2026

Kunst

Iran nimmt nicht an Biennale in Venedig teil

Die wichtige Kunstveranstaltung Biennale in der Lagunenstadt Venedig hat mit heftigen Kontroversen zu tun. Nun scheidet ein Teilnehmerland aus

 04.05.2026