Ausstellung

Rahmen der Vernichtung

Kaum betritt man die Räume des Jüdischen Museums im Rothschild-Palais am Frankfurter Untermainkai, in denen die neue, ambitionierte Sonderschau des Hauses mit dem Titel 1938. Kunst, Künstler, Politik gezeigt wird, verliert man festen Tritt unter den Schuhsohlen. Dabei ist der Boden schön bunt: ein Flickenteppich aus mal länglichen, mal quadratisch zugeschnittenen weichen Teppichstücken, die mit den hellweißen Wänden kontrastieren. Immer wieder versinkt man sachte im Bodenquilt-Flokati und beginnt, sich festeren Weg zu suchen.

kontrast Der Flickenteppich ist der Beitrag des Künstlers Tobias Rehberger zu dieser Schau, die das jüngste, bei C.H. Beck erschienene Buch des Direktors des Hauses, Raphael Gross, November 1938, ergänzt und illuminiert. Das Jahr 1938 scheint hier nun nicht in Worten, sondern mittels Bildern auf als, so der Untertitel des Bandes, »Katastrophe vor der Katastrophe«.

Man schwankt immer wieder ganz leicht vor den ausgestellten Exponaten, Festigkeit wird zur Illusion, das Ganze gemahnt an federnden, tückisch nachgiebigen Morast. Und damit ist man mitten in einem moralischen Morast – dem Kunstbetrieb im Deutschland des Jahres 1938. Man ist bei Verlierern, bei im glücklichen Falle Flüchtlingen und Emigranten, im schlechten Fall bei jenen, die ihr Leben verloren wie der Münchner Auktionator Hugo Helbing, der 75-jährig zusammengeschlagen wird und stirbt. Und man ist bei Krisengewinnlern, Opportunisten und Aufsteigern.

Ein solcher Kontrast bildet den Auftakt: die Gegenüberstellung eines Wandteppichs der schwedischen Künstlerin Hannah Ryggen zu Ehren der 1938 von den Nazis hingerichteten schwäbischen Kommunistin Liselotte Hermann mit Arbeiten Werner Perners, in den 20er-Jahren ein konservativer, neusachlicher Maler, der nach 1933 sofort Karriere machte und von dem Entwürfe für zwischen 1939 und 1941 entstandene Wandteppiche gezeigt werden, die sich »Deutschen Schicksalsschlachten« widmen.

museen Das ist das Grundprinzip dieser Schau, für die sich das Haus Hilfe in Person von Julia Voss holte, leitende Kunstredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die sich in den letzten Wochen intensiv mit der »Sammlung« Gurlitt, mit Raubkunst und dem Netzwerk von zumeist süddeutschen Kunsthändlern auseinandergesetzt hat, die bereits rasch nach 1949 erfolgreich gegen eine Restitution lobbyierten.

Dem Komplex Sammeln und Rauben ist denn auch das Finale der Schau gewidmet, der Institution Museum unter besonderer Berücksichtigung des Schicksals des langjährigen Frankfurter Städel-Direktors Georg Swarzenski, der 1938 verhaftet und verhört wurde und dann in die USA fliehen konnte. Thema ist hier auch die Enteignung jüdischer Sammler, die etwa Gemälde des Wiener Realisten Rudolf von Alts besaßen, Hitlers erklärtem künstlerischen Vorbild.

Den Schlussakkord bildet ein kontrastierendes Paar zweier Kunstkritikerinnen: Luise Straus-Ernst, erste Frau Max Ernsts, die im Sommer 1944 aus Frankreich mit dem letzten Transport nach Auschwitz deportiert wurde, und Bettina Feistel-Rohmeder, die erst nationalistisch argumentierte, später rassistisch agitierte.

emil nolde Dass manches im Katalog informativer geschildert, profunder ausgeführt wie eingebettet wird, was mittels der gezeigten Kunstwerke – Höhepunkt: bisher noch nie auf deutschem Boden ausgestellte Porträts der 1937 nach Schweden emigrierten akademischen Malerin Lotte Laserstein – lediglich optisch angerissen werden kann und nicht weniges erst in den Aufsätzen des Katalogbands schlüssig wird, liegt daran, dass die Räumlichkeiten schlicht zu gering bemessen sind, um Komplexes vielgestaltig aufzublättern.

So wird der rabiate und praktizierte Antisemitismus des schon lange vor 1933 gläubigen Nationalsozialisten Emil Nolde nur im Begleitband beschrieben. Dieser Aspekt Noldes wurde nach 1945 im demokratischen Deutschland verschwiegen.

Erst in den letzten Jahren ist die Janusköpfigkeit dieses bis heute beliebten Künstlers anerkannt worden, der 1941 Malverbot auferlegt bekam und als »entartet« eingestuft wurde, noch in den Jahren davor aber immer wieder an offiziellen Ausstellungen teilnehmen durfte. Tatsächlich gab es bis Mitte der 30er-Jahre eine Debatte der nationalsozialistischen Kunstpolitiker über den sogenannten Nordischen Expressionismus.

kontinuitäten Nicht jeder, der von den Nazis als »entartet« eingestuft wurde, war Avantgarde und modern. Das zeigt die Ausstellung deutlich. Lotte Laserstein etwa war es definitiv nicht, weshalb sie auch nach 1945 jahrzehntelang ignoriert wurde.

Heinrich Ehmsen, ideologisch irrlichternd, der ab 1940 offiziöser Maler an der Front war, konnte später, nach seiner Übersiedlung in die DDR, auf enge Kontakte zur avantgardistischen Linken der 20er-Jahre verweisen. Elfriede Lohse-Wächtler, als dritte in den künstlerischen Fokus der Schau gerückt, hingegen wurde Opfer. Ab 1931 in der Psychiatrie, wurde sie 1940 umgebracht.

1938 war der Umbau des Kunstbetriebs endgültig abgeschlossen, die wirtschaftliche Vernichtung jüdischer Kunsthändler unumkehrbar erledigt, die bürokratische Radikalisierung vollzogen. Das Novemberpogrom war dann Auftakt der physischen Vernichtung.

All das ist bei dieser verdienstvollen, didaktisch kühn unterbelichteten Schau mit zu bedenken. Ebenfalls, dass 1938 strukturell manches bereits vorgeprägt wurde, das bis weit nach 1945 Wirkung besaß. Denn wer nach der Schoa mitentscheiden durfte, was Kunst war, wer sie begutachtete, auktionierte und mit ihr handelte, der war für Deutschlands Kunstbetrieb essenziell. Genauso wer sie hortete, im Stillen.

»1938. Kunst, Künstler, Politik«. Jüdisches Museum Frankfurt/Main, bis 23. Februar 2014

www.juedischesmuseum.de

Musik

Der Mann, der die 13 fürchtete

Zum 75. Todestag des Komponisten Arnold Schönberg

von Axel Brüggemann  10.07.2026

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Brüssel

Autorinnen canceln Auftritt wegen geplantem Konzert von Lahav Shani

Die Kontroverse um den Auftritt der Münchner Philharmoniker unter Leitung ihres israelischen Chefdirigenten hält an: Zwei Französinnen verkündeten nun, dass sie nicht wie geplant im Brüsseler Bozar auftreten wollen

 09.07.2026

Los Angeles

Chalamet und Villeneuve stellen »Dune: Teil 3«-Trailer vor

Der dritte Teil der Science-Fiction-Reihe kommt kurz nach Chanukka in die Kinos. Mit dem Regisseur stimmt der jüdische Hauptdarsteller jetzt mit einem düsteren Trailer auf das Werk ein

 09.07.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  09.07.2026

Speyer, Worms und Mainz

SchUM-Stätten feiern fünfjährigen »Welterbe-Geburtstag«

Vor fünf Jahren erhielten sie wegen ihrer wichtigen Bedeutung für das mittelalterliche Judentum den Welterbe-Titel. Nun feiern die SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz die Aufnahme auf die Unesco-Welterbeliste mit einer Veranstaltung in Speyer

 09.07.2026

Berlin

Bücher als portatives Vaterland

»Altneuland« ist der erste säkulare hebräische Verlag in der Diaspora seit 1948. Ein Besuch in Neukölln

von Ayala Goldmann  09.07.2026

Sehen!

»In the Hand of Dante«

Die Handlung springt zwischen den Jahrhunderten hin und her. Trotzdem ist der Film mit Gal Gadot und Oscar Isaac ein gelungenes Werk

von Katrin Richter  09.07.2026

Zahl der Woche

1. Maccabiah-Goldmedaille

Fun Facts und Wissenswertes

 08.07.2026