Musik

Psycho-Oper in Meiningen

Charles Workman Deniz Yetim Foto: Christina Iberl

Erich Wolfgang Korngolds Oper Die tote Stadt gehört zu den Werken, bei denen die Rezeptionsgeschichte nicht vor den Einschlägen der Zeitgeschichte ausweichen konnte. Zunächst wurde sie 1920 zeitgleich in Köln und Hamburg mit durchschlagendem Erfolg uraufgeführt. Dieser Coup des damals 23-jährigen Komponisten blieb der größte Erfolg von Erich Wolfgang Korngold (1897–1957). Das Libretto für diese Psycho-Oper hatte der Vater des Komponisten unter dem Pseudonym Paul Schott aus Georges Rodenbachs Roman Bruges-la-Morte (Das tote Brügge) destilliert.

Korngold war damals ein erwachsen gewordenes Wunderkind, das das Zeug gehabt hätte, sich dauerhaft mit Richard Strauss und Giacomo Puccini zu messen, wenn nicht der Rassenwahn der Nazis dazwischengefunkt hätte. Korngold stellte schließlich sein Talent in den USA in die Dienste der Traumfabrik von Hollywood und verlieh dort mit einigem Erfolg der Entwicklung der Filmmusik entscheidende Impulse.

anfangserfolg In Europa vermochte er nach dem Krieg an seinen Anfangserfolg nicht wieder anzuknüpfen. Für die Rückkehr der Toten Stadt ins Repertoire auch mittlerer Opernhäuser in der jüngeren Vergangenheit waren die beiden unverwüstlichen Ohrwürmer des Stückes »Glück, das mir verblieb …« und »Mein Sehnen, mein Wähnen …« hilfreich. Und sie berühren tatsächlich immer noch.

Eine gewaltige Herausforderung für ein Orchester und Ensemble des Staatstheaters Meiningen ist Die tote Stadt allemal. An seinem Haus folgte Intendant Jens Neundorff von Enzberg zu einem Spielzeitauftakt mit der Korngold-Oper dem Motto »Klotzen, nicht kleckern«. Das ist allein schon musikalisch und vokal ein Wurf.

Die Hofkapelle Meiningen unter Leitung von Chin-Chao Lin läuft zu Hochform auf. Das Ensemble mit einem grandiosen Gast wie Charles Workman als Paul und dem hauseigenen Star Lena Kutzner als Marietta an der Spitze war durchweg handverlesen.

inszenierung Dazu lieferte Jochen Biganzoli eine Inszenierung, die der opulent ausladenden, dauererregten Musik genügend Raum ließ, um ihre mit spätromantischer Ausstattung versehene psychologisierende Pracht zu entfalten. Sie räumt dem Zuschauer die Möglichkeit ein, jenseits opulenter Bilder­überwältigung dieser speziellen Traum- und Trauerarbeit zu folgen.

Korngold war damals ein erwachsen gewordenes Wunderkind, das das Zeug gehabt hätte, sich dauerhaft mit Richard Strauss und Giacomo Puccini zu messen.

Wolf Gutjahr hat dafür ein Labyrinth aus kargen schwarzen Wänden auf die Drehbühne gebaut, in dem wenige Möbel und Fotos an der Wand sowohl den Wohnraum als auch die »Kirche des Gewesenen« andeuten, mit der Paul die Erinnerung an seine verstorbene große Liebe Marie festzuhalten versucht.

Pauls innerer Kampf um das Loslassen spielt sich hier als eine makabre Ménage-à-trois ab – mit handfesten Auseinandersetzungen zwischen der lebensdrallen Marietta und der toten Marie im Kampf um Paul. Als Marietta seinen Totenkult und dessen zentrale Reliquie, Maries Haar, offen verhöhnt, rastet er aus und erwürgt Marietta. So sehen wir es jedenfalls. Wenn er allerdings aus seinem Albtraum erwacht, dann ist es jene Marietta, die höchst lebendig noch einmal zu ihm zurückkommt, weil sie ihren Schirm vergessen hat.

resümee Es war also kein realer Mord, sondern nur ein Traum. Pauls Resümee »Ein Traum hat mir den Traum zerstört, ein Traum der bittren Wirklichkeit, den Traum der Fantasie« bringt – für dieses Genre selten – das, was wir erlebt und möglicherweise nicht auf Anhieb verstanden haben, selbst ziemlich klar auf den Punkt.

Gleichwohl setzt Biganzoli der Oper einen Film voran, der die einsame Trauer eines jungen Mannes zeigt, dessen Frau bei einem gemeinsamen Unfall ums Leben gekommen ist. Wir sehen den Besuch in der Pathologie, die Einsamkeit in der verlassenen Wohnung, die Wut über den Schicksalsschlag. Dazu ein Stück aus Korngolds Lento religioso, das Trauer in tristaneske Töne fasst.

In einem Video-Nachspiel sehen wir dann, wie sich dieser junge Paul in einem Kornfeld erschießt. Der Paul in der Oper aber verlässt die Bühne über den Zuschauersaal, vielleicht zurück ins Leben. Das irgendwie tröstliche Fazit Korngolds unterläuft das Video am Ende. Gegen die Suchtgefahr seiner Musik ist freilich kein Videokraut gewachsen. Joachim Lange

Weitere Vorstellungen sind am 28. Oktober, 19. November, 15. Dezember und 15. Januar 2023 geplant.

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