»Homeland«

Pessach, Politik und Paranoia

Pessach, drei Menschen sitzen an einem Tisch, und wer gerade erst einschaltet, könnte dies ein paar Augenblicke lang tatsächlich für eine friedliche Szene halten. Ein jüdisches Fest im amerikanischen Fernsehen. Wir aber wissen es besser, wir kennen Saul Berenson (Mandy Patinkin) schon seit Langem.

Wir wissen, dass jene Frau, mit der diese jüdische Hauptfigur von Homeland, der fulminantesten US-Serie der letzten Jahre, hier am Tisch des israelischen Botschafters sitzt, nicht nur seine Berliner Mitarbeiterin ist, sondern auch seine Liebhaberin, ihn schon oft hintergangen hat.

explosion »Oh my God«, murmelt Saul am Ende dieser Episode, und mit Pessach hat das nichts zu tun. Gerade ist wieder einmal ein US-Plan für den Regimewechsel in Syrien buchstäblich in die Luft gegangen, gemeinsam mit einem syrischen General und dessen Flugzeug – da ist das Fest endgültig vorbei, und die Realität hat alle Beteiligten eingeholt.

Bis zum nächsten Sommer muss noch warten, wer nicht das Glück hat, die fünfte Staffel von Homeland bereits jetzt im US-Sender Showtime sehen zu können. Die ersten vier Folgen sind gelaufen, und die Serie wirkt nicht nur wieder in Hochform – sie ist auch diejenige, die bislang am offensten von allen Staffeln der Geheimdienstserie jüdische Figuren und israelische Politik ins Zentrum rückt.

Und Berlin: Dort spielt ein Großteil von Homeland 5. Von Anfang an ist die Stadt ein eigener Hauptdarsteller, und nur Einheimische werden über manche Wege und Hipsterklischees lächeln, alle anderen bekommen Lust auf ein Wochenende in der Hauptstadt. Obwohl diese hier auch als Hotspot für Paranoia, Terrorismus- und Geheimdienstaktivität dargestellt wird, wie nicht mehr seit den ersten Jahrzehnten des Kalten Kriegs.

Snowden Carrie (Clare Danes), die bipolare Heldin der Serie, hat die CIA verlassen und arbeitet in Berlin für die Stiftung eines deutschen Millionärs, die sich für Flüchtlingshilfe in Nahost engagiert. Saul wird eingeflogen, um die Folgen eines Hackerangriffs einzudämmen, der die illegale Zusammenarbeit zwischen deutschem und US-Geheimdienst aufdeckt – Edward Snowden und die NSA-Affäre lassen grüßen. Zugleich droht neues Ungemach aus Nahost.

In einer einfach nur grandiosen Szene der Pilotfolge entlarvt Homeland das Desaster der US-Syrienpolitik besser als jede Informationssendung der letzten zwei Jahre. »Erst haben wir Assad bekämpft, dann die Nusrah-Front, jetzt die ISIS«, erklärt ein Experte einem Tisch mit 20 Anzugträgern. »Was würden Sie tun, wenn Sie freie Hand hätten?«, fragt einer. »200.000 Soldaten mit einer gleichen Anzahl Lehrer und Ärzte vor Ort bringen, auf unbegrenzte Zeit.« – »Das wird nicht möglich sein.« – »Dann ›Hit and reset‹; alles in die Steinzeit zurückbomben.«

Saul, seit jeher die Stimme skeptischer Vernunft in der Serie, auch gegenüber der an einer bipolaren Störung leidenden Carrie, hat eine andere Strategie. Ihm entgegen stehen die CIA-Hardliner, wie die israelische Botschaft – so klar hier der Staat Israel in gutem Licht gezeigt wird, so wenig gilt das für seine Regierung.

Diaspora Saul, der wie der erste König Israel heißt, steht hingegen auch in dieser Staffel stellvertretend für alle Juden in der Diaspora: voller Sympathie und Liebe für Israel, voller Nachsicht und manchmal Verständnis für Kritik an israelischer Politik, dort wo sie fair bleibt. Aber unduldsam gegenüber den Feinden Israels. Man sieht ihn oft schweigen und kann nur ahnen, welche Gedanken hinter seinem dichten Bart verborgen liegen. In der ersten Staffel sprach er einmal das Kaddisch – für einen muslimischen Toten.

Der Ex-CIA-Chef ist ein Moralist, aber ein verständnisvoller, nachsichtiger, der mehr als einmal Gespräche über Doppelmoral führt. Auch ein Romantiker muss Realist sein, wenn er überleben will. Mending the nets heißt das Gemälde des jüdisch-niederländischen Malers Jozef Israels, vor dem Kunstkenner Saul eine dieser Unterhaltungen führt – in einem Herrenklub, der keine jüdischen Mitglieder aufnimmt.

In dem Bild sieht man eine Fischersfrau, wie sie die Netze flickt. Während draußen ein Sturm tost, spielt im Vordergrund nichtsahnend und friedlich ein Kind. Saul ist wie diese Frau: Während der Sturm längst da ist, hütet er das ihm anvertraute Kind, also uns, die Gesellschaft. Seine Antworten mögen nicht immer wahr sein, aber sie trösten, sie spenden Sicherheit.

verrat Noch mehr aber ist Saul eine Moses ähnelnde Gestalt: Eine Art Gesetzgeber, einer mit privilegiertem Zugang zu Gott und zur Wahrheit. Wie für Moses (so argumentiert etwa der Religionswissenschaftler Jan Assmann in seinem Buch Exodus), ist auch für Saul die entscheidende Differenz aber nicht die zwischen wahr und falsch, gerecht und ungerecht, sondern jene »zwischen Treue und Verrat«. Saul ist Realist, er weiß, wie schnell das Netz zerreißt, die heile Welt zerbricht. Dafür braucht er Gefolgsleute, und die Frage, wer zu ihnen gehört und wer nicht, ist der Angelpunkt der neuen Staffel.

Homeland 5 wirkt ruhig und reif, dabei immer noch überraschend, und verbindet ein ganzes Dutzend von Erzählsträngen. Dazu gehört in dieser, sich aller Fallstricke seines Sujets sehr bewussten Serie auch noch etwas ganz anderes: In der dritten Folge hat Saul einen Termin bei Carries Chef, dem Stahlmagnat Otto During (Sebastian Koch), der sich als Philanthrop sieht und die Hisbollah unterstützt.

»Es wäre nicht das erste Mal, dass Ihre Familie mit denen kollaboriert, die auf der falschen Seite der Geschichte stehen«, sagt Saul. Otto erklärt, er habe sein Leben damit zugebracht, die Schuld seines Großvaters wiedergutzumachen. Doch dann sagt der deutsche Nazi-Nachfahr dem jüdischen CIA-Agenten: »Die USA sind die größte Gefahr für die Welt.« Man muss eben wissen, wer etwas sagt und zu wem, um es richtig zu verstehen.

Homeland läuft als Download bei Amazon, Apple iTunes und Maxdome.

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