Josh Safdie

»Nichts Nostalgischeres als Mütter«

Sein Film »Marty Supreme« ist für insgesamt neun Oscars nominiert: Regisseur Josh Safdie Foto: picture alliance / Jordan Strauss/Invision/AP

Herr Safdie, »Marty Supreme« erzählt von einem ambitionierten Tischtennisspieler in den frühen 50er-Jahren. Hat Sie die Autobiografie des realen jüdischen Spielers Marty Reisman zu dieser Geschichte inspiriert?
Fast bereue ich es, die Figur im Film auch Marty genannt zu haben, denn meinen Marty habe ich viel mehr in mir selbst als in diesem Buch gefunden. Meine Frau hat es mir geschenkt, weil sie wusste, wie sehr ich Tischtennis liebe, und Parallelen zwischen Martys jüdischer Familie und meiner entdeckte. Ich las es, als ich nach zehn Jahren unermüdlicher Arbeit endlich den Film »Der schwarze Diamant« fertig hatte, dem ich eine Dekade lang praktisch mein Leben gewidmet hatte. Entsprechend erkannte ich mich vor allem in Martys Obsession wieder. Aber im Grunde war dieser Kerl, der davon träumte, zu einem der besten Spieler der Welt zu werden und Tischtennis auch in den USA als ernst zu nehmende Sportart zu etablieren, nur der Anfang für den Film.

Weil es Ihnen um mehr ging?
Sobald ich anfing, mich mit meinem Onkel zu unterhalten, der damals Tischtennis in New York gespielt hatte, stieß ich auf immer mehr spannende Geschichten. Über einen Mann namens Lawrence, der eine Tischtennis-Bar betrieb, der erste von einem Schwarzen betriebene Laden rund um den Times Square. Über Japaner, die tatsächlich dank dieser Sportart und einem Spieler namens Hiroji Satō aus der internationalen Isolation zurück auf die politische Weltbühne fanden. Oder über einen ungarischen Spieler, der den Holocaust auch deswegen überlebte, weil er Tischtennis-Meister war. All diese Elemente spielen nun in »Marty Supreme« eine entscheidende Rolle.

Für Ihren Hauptdarsteller Timothée Chalamet entschieden Sie sich sehr früh. Was machte ihn zum perfekten Marty, jenseits der Tatsache, dass er ein begabter Schauspieler mit jüdischen Wurzeln ist?
Ich fand ihn schon als jungen Kerl in Christopher Nolans »Interstellar« großartig. Doch als ich ihn kennenlernte – lange Jahre, bevor wir mit den Dreharbeiten begannen oder überhaupt das Drehbuch schrieben –, war mir erst einmal gar nicht klar, dass das derselbe Schauspieler war. Vielmehr erkannte ich da einen jungen Mann, der diese überragende Vision von sich selbst hatte. Da saß Timmy Supreme vor mir. Man spürte die Energie geradezu aus ihm herausbersten, und obwohl er im selben Raum war wie ich, bestand kein Zweifel daran, dass dies nicht der Ort war, an den er gehörte. Genau so stellte ich mir Marty vor – und staunte obendrein, dass kein anderer Filmemacher diese Seite von Timmy aufzugreifen schien. Ich fragte ihn bereits, ob er die Rolle spielen wolle, noch bevor ich sie geschrieben hatte.

Um Chalamet herum haben Sie in kleinen Rollen ikonische jüdisch-amerikanische Prominente besetzt: Fran Drescher, Sandra Bernhard, Isaac Mizrahi …
Ich wollte der Welt von Marty Mauser, die ich mir für ihn an der Lower East Side ausgemalt hatte, so treu wie möglich bleiben. Sie musste glaubhaft und echt wirken, aber vor allem Seele haben. Dazu gehörte für mich dieser bestimmte Typ des lauten und geselligen New Yorker Juden, den es nur dort gibt: irgendwie überlebensgroß, durch und durch er selbst. Fran Drescher als Martys Mutter war für mich dabei besonders wichtig.

Warum?
Weil es nichts Nostalgischeres gibt als die Mütter, die uns unser Leben gegeben haben. Ich wollte in dieser Rolle jemanden sehen, der im Publikum ein wohlig-warmes Gefühl auslöst, noch ohne dass sie etwas getan hat. Dafür war Fran perfekt, denn bei ihr denkt man sofort an »Die Nanny«, sie steht für meine Jugend und für Fürsorge. Außerdem steht sie so ikonisch für New York und fürs Jüdischsein wie kaum jemand sonst. Und das nicht nur dank der Sitcom, sondern auch durch die großartigen Filme, in denen sie zu Beginn ihrer Karriere zu sehen war, von »Saturday Night Fever« über »American Hot Wax« bis »Ragtime«.

Sie haben Gwyneth Paltrow aus ihrer Schauspiel-Frührente zurück auf die Leinwand gelockt. Wie ist Ihnen das gelungen?
Meine ersten Versuche, sie zu treffen, wurden zunächst abgeblockt. Sie war mittendrin in ihrer Goop-Phase und an neuen Rollen kein bisschen interessiert. Aber ich ließ nicht locker und wollte zumindest ein Meeting mit ihr haben. Ein Drehbuch konnte ich ihr noch gar nicht präsentieren, aber ihre Figur hatte ich schon komplett ausgearbeitet. Als ich ihr dann gegenübersaß, kam immer wieder ihre Assistentin herein und fragte, was mit dem nächsten Meeting sei, dafür sei alles bereit. Der alte Hollywood-Trick, um aus jeder Nummer rauszukommen. Aber Gwyneth sagte jedes Mal: »Schieb’s nach hinten!« Da wusste ich: Sie ist interessiert!

Hat sie Ihnen verraten, was genau sie so sehr reizte an dieser Figur einer nicht mehr ganz jungen Schauspielerin, die von einem Comeback träumt?
Tief in ihrem Herzen war sie selbst wohl interessiert daran, doch mal wieder zu spielen, deswegen schien sie sich in dieser Kay Stone wiederzuerkennen. Außerdem sah sie da eine Traurigkeit und Zerbrechlichkeit, die sie als Herausforderung sicherlich spannend fand. Und vermutlich hat die überbordende Leidenschaft, mit der ich meinen Pitch vorgetragen habe, den Rest besorgt.

Ihr Kameramann Darius Khondji beschreibt Sie als besessen. Trifft es das?
Das trifft es schon ganz gut. Seit meinem ersten Film, den ich 2007 gedreht habe, treiben mich die kleinsten Details in meinen Geschichten um. Ich kann mich ewig mit der Frage beschäftigen, welche Socken eine Figur trägt, selbst wenn sie vielleicht gar nicht auf der Leinwand zu sehen sind. Aber ich bin überzeugt davon, dass solche Kleinigkeiten den Schauspielerinnen und Schauspielern helfen. Schon als Kind war ich so. Wenn ich Bilder gemalt habe, dann fing ich mit winzigen Details an und verlor mich in ihnen. Denn aus dem Mikro wird das Makro, das war immer meine Devise. Auch wenn ich damals meinen Eltern Geschichten erzählt habe, begriff ich schnell: Eine allgemeine, vage Geschichte ist sofort als Lüge erkennbar oder wirkt so austauschbar, dass sie nicht zuhören. Aber je mehr Kleinigkeiten ich hinzugedichtet habe, am besten auch sonderbare, desto gefesselter waren sie, weil das Ganze plötzlich wahr und echt wirkte.

Mit dem amerikanischen Regisseur sprach Patrick Heidmann.

Zur Person
Mit 24 Jahren brachte Josh Safdie, geboren 1984 in New York City, seinen ersten Film »The Pleasure of Being Robbed« in die Kinos. Filme wie »Daddy Longlegs«, »Good Time« und vor allem »Der schwarze Diamant« machten ihn und seinen jüngeren Bruder Benny auch über die Grenzen des Independent-Kinos hinaus bekannt. Nun legt Safdie mit »Marty Supreme« wieder eine Solo-Arbeit vor. Das Drama ist aktuell für neun Oscars nominiert.

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