Rap

Nicht verstummt

»Ich halt’ meine Fresse nicht«: Jonathan Kalmanovich alias Ben Salomo Foto: Stephan Pramme

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Nicht verstummt

Ben Salomo zog sich wegen des Antisemitismus aus der Szene zurück. Nun hat er seine Autobiografie geschrieben

von Konstantin Nowotny  03.03.2019 09:42 Uhr

Der Leser möge den unflätigen Ton verzeihen, schließlich geht es um Hip-Hop. »Ich sag wie’s ist, ich halt’ meine Fresse nicht«, eröffnete der Rapper Ben Salomo, bürgerlich Jonathan Kalmanovich, 2016 einen Song auf seinem letzten Album. Es sollte sich bewahrheiten.

Kurz hatten jedoch Rap-Fans in Deutschland die Befürchtung, Ben Salomo könnte für immer verstummen. Eine ganze Reihe von Ereignissen führten Kalmanovich zu dem Entschluss, seiner Liebe zum Hip-Hop zumindest in der aktiven Rolle abzuschwören. Nie nahm er dabei ein Blatt vor den Mund, welche Ereignisse das waren: Der wachsende Antisemitismus in der Rapszene war für den deutsch-israelischen Musiker nicht mehr auszuhalten.

wurzeln Nun ein Lebenszeichen – und eine Abrechnung: Kalmanovich, der in Israel geborene Sohn eines Rumänen und einer Ukrainerin, veröffentlicht seine vorläufige Biografie. Bevor er zu seinen Erfahrungen kommt, spricht er ausführlich über seine Wurzeln. Allein die ergreifende Erzählung der Geschichte seiner Großeltern, die den Holocaust überlebten und sich in einem Flüchtlingslager auf Zypern kennenlernten, ist von literarischem Wert. Obwohl er, wie er sagt, nicht religiös ist, lässt Kalmanovich schon hier überdeutlich durchblicken, dass für ihn die jüdische Identität keine zweitrangige und der Staat Israel kein Ort unter vielen ist.

Den Frieden hat der Autor oft mehr gesucht als gefunden.

Der Titel des Buches ist eine Erklärung seines Künstlernamens: Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens. Ein Blick in sein Buch offenbart: Den Frieden hat der 41-Jährige in seinem Leben oft mehr gesucht als gefunden. Als Kalmanovich drei Jahre alt war, verließen die Eltern die Heimat und zogen nach Berlin. Hier dauerte es nicht lange, bis der junge Kalmanovich erste Erfahrungen mit den Ausprägungen von Judenfeindlichkeit machen musste.

Der jüdische Berliner Kindergarten, den er zwischenzeitlich besuchte, wurde von einem Polizisten mit Maschinengewehr bewacht, wie er schildert. Seine Kindheit und Jugend beschreibt er als zunächst unbeschwert, im wachsenden Alter aber zunehmend als schwieriger. Einer Karriere als Kleinkrimineller entging er knapp, nachdem eine Untersuchungshaft auf ihn erschütternd wirkte. Zum Musterknaben machte ihn das noch nicht. Nach dem Realschulabschluss brach Kalmanovich eine Ausbildung ab und wollte – zum großen Ärger der Familie – Rapper werden.

ABRECHNUNG Bis zu diesem Punkt unterscheidet sich seine Biografie kaum von denen anderer deutscher Migrationsgeschichten, die hin und wieder zum Mikrofon führen: Ärger im Elternhaus, eine Jugend zwischen hartem Beton und noch härteren Jungs und der Traum vom amerikanischen Erfolgsmodell. Kurz nach Beginn von Kalmanovichs Rapkarriere in den 90er-Jahren, die anfangs schleppend, später erfolgreicher verlief, bricht die biografische Erzählung.

Nachdem er erste Erfolge feiern konnte und sein bis vor Kurzem beliebtes Format »Rap am Mittwoch« offline und online etablierte, häuften sich antisemitische Vorfälle. Kalmanovich war, daran besteht kein Zweifel, mittendrin – Zielscheibe und Projektionsfläche zugleich. Seine umfangreiche Abrechnung ist gespickt mit zahlreichen Zitaten, die in der Debatte bislang wenig oder gar nicht vorkamen. Sie zeigen das ganze Ausmaß des Problems und sind zuweilen kaum zu ertragen.

Schonungslos geht Kalmanovich ins Gericht mit allen Namen, die insbesondere im vergangenen Jahr im Zuge der Debatte häufig fielen – von Kollegah und Farid Bang bis zum Rapper Haftbefehl, denen er die seichten Entschuldigungen, Relativierungen und Rückgriffe auf die Kunstfreiheit allesamt nicht abkaufen will. Gleichzeitig kritisiert er jene, die Antisemitismus in der Szene wahlweise als rein migrantisches oder als genrespezifisches Problem abstempeln wollen: »Antisemitisches, antijüdisches, antiisraelisches Denken gehört in dieser Szene zum Alltag – genauso wie es zum Alltag in der deutschen Gesellschaft gehört.«

Sun Diego Im Gegensatz zu seinem Genrekollegen Dimitri Chpakov alias Sun Diego, der neben ihm zu den einzigen bekannten jüdischen Rappern in Deutschland gehört, verwandelt er Judenfeindlichkeit im Rap nicht zum Randgruppenphänomen, sondern synthetisiert sie zum Wendepunkt seiner Biografie und der Szene gleichermaßen.

Mit dem »Echo«-Skandal im vergangenen Jahr war für ihn der Wende- und gleichzeitig Schlusspunkt erreicht.

Mit dem »Echo«-Skandal im vergangenen Jahr war für ihn dieser Wende- und gleichzeitig Schlusspunkt erreicht: »Ich wollte mit dieser Szene nichts mehr zu tun haben und stieg aus. Das war eine schmerzhafte Entscheidung für mich.« Immer wieder betont er sein Bedauern über die Entwicklungen in einer Szene, die einmal integratives Potenzial gehabt habe, insbesondere für Jugendliche mit Migrationshintergrund wie ihn. Der Leser merkt schnell: Der Wut und der Trauer will Kalmanovich Luft machen. Er war es gewohnt, das mit dem Mikrofon tun zu können. Nun greift er zur Feder.

Subkultur Um Kalmanovichs Ausführungen zu szeneinternen Streitigkeiten mit Begeisterung folgen zu können, braucht es ein Grundverständnis der Subkultur. Seine ganz persönliche Begeisterung für seine Heimat und Identität reißen aber auch jene Leser mit, die wenig darüber wissen. Insbesondere damit kann er eine wichtige Vermittlerrolle in einer Szene einnehmen, der sich Jugendliche nicht zuletzt zuwenden, weil sie eine Zugehörigkeit suchen.

Seine einfache, aber klare Sprache trägt dazu bei. Kalmanovich versteht die Wirkungsweisen des Antisemitismus und weiß seine Chiffren zu lesen, selbst wenn sie sich als Israelkritik tarnen. »Wäre dieses Land von der Landkarte ausgelöscht, würde es für uns diesen letzten Zufluchtsort nicht mehr geben«, schreibt er. Es wäre gut und wichtig, wenn er seine – pardon – Fresse auch weiterhin nicht halten würde.

Ben Salomo: »Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens«. Europa, Berlin 2019, 240 S., 18 €

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