Erzähler

Neues vom Meister des »Broken German«

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Neues vom Meister des »Broken German«

Der Israeli Tomer Gardi legt mit »Eine runde Sache« seinen dritten Roman vor – je zur Hälfte auf Deutsch und Hebräisch geschrieben

von Sophie Albers Ben Chamo  22.10.2021 08:20 Uhr

»Kein einziges Wort führt nur in eine Richtung!«, hat die Literaturkritikerin und Vorsitzende der Preisjury der Leipziger Buchmesse, Insa Wilke, bei der Buch­premiere von Tomer Gardis neuem Roman Eine runde Sache im September festgestellt. Wohl weil sie professionell liest, konnte sie das sagen, ohne dabei nach Luft schnappen zu müssen. Denn Gardi hat mal wieder ein Fass aufgemacht, von dem sich andere Leser nach den 256 Seiten erst einmal erholen müssen. Im positiven Sinne!

Man kann getrost sagen, dass derzeit kein Autor die deutsche Literatur derart aufmischt, wie es der 1974 im Kibbuz Dan in Galiläa geborene Israeli tut. Ohne Angst, und das will etwas heißen in der deutschen Sprachlandschaft, »zerwolft« Gardi seit fünf Jahren »Sparschweine«, womit wir bei seiner genialen Sprach­aneignung und hochansteckenden Metaphernlust sind.

bachmann-preis Mit seinem ersten Roman Broken German hatte der studierte Literatur- und Erziehungswissenschaftler 2016 einfach mal die literarische Institution des Bachmann-Preises gesprengt, als er seinen Großstadt-Text in »gebrochenem Deutsch« fehlerhaft, aber verständlich vortrug. Darf man das? Der Schreck saß tief. Gardi ging leer aus. Doch die Presse liebte ihn: »der interessanteste Text des Wettbewerbs«, »ein Schatz«, »kunstvoll«.

Gardi sagte damals den schlauen Satz: »Realismus schreiben nur Menschen mit einem festen Wohnsitz und einer Aufenthaltserlaubnis«, lachte laut und schrieb weiter. Eine runde Sache ist sein dritter Roman und sein Deutsch so aufregend krumm wie vor fünf Jahren.

Sie werden laut lachen, zusammenschrecken, genießen und vor allem mitrennen, sobald der Autor Sie am Schlafittchen hat. Denn Gardi wirft seine Leser diesmal nicht nur in eine, sondern gleich zwei Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, doch einander zum Atmen brauchen. Auf den ersten 100 Seiten in Gardi-Deutsch bringt ein gewisser Tomer Gardi einen Theaterintendanten zu Fall und soll dessen Ansehen retten, nur um am nächsten Tag von einem Literaturagenten und dessen deutschem Schäferhund durch den deutschen Wald gejagt zu werden.

maulkorb Dabei wollte Gardi doch nur ein Bier trinken und eine Zigarette rauchen. Im Wald, Gardi hat den Menschenjäger abgehängt, kann der Hund plötzlich sprechen, allerdings sind alle Vokale ein »Ü«, denn Gardi hat dem Tier einen ganz besonderen Maulkorb verpasst. Zu den beiden gesellt sich auch noch der Erlkönig, ein tragikomischer Alter ohne Königreich und Publikum.

Man kann getrost sagen, dass derzeit kein Autor die deutsche Literatur derart aufmischt, wie es der 1974 im Kibbuz Dan in Galiläa geborene Israeli tut.

Und während das Trio nach Essbarem sucht und der Hund philosophisch-drohend pürlürt, stolpern sie in die Katastrophe: Die Sintflut ist da, und Gardi hat alle Mühe, auf die Arche zu kommen. Part zwei von Eine runde Sache ist aus Gardis Muttersprache in poliertes Deutsch übersetzt und die klassisch erzählte Lebensgeschichte eines ganz realen javanesischen Malers. Naja, fast klassisch, ist ja immer noch Gardi.

Raden Saleh Syarif Bustaman wurde Anfang des 19. Jahrhunderts auf Java, im heutigen Indonesien, geboren. Niederländische Kolonialherren brachten den begabten Jungen nach Europa, wo der beliebte Exot zu einem angesehenen Maler der Spätromantik wurde, die Aristokratie mit fantastischen Jagdszenen und Porträts versorgte und Könige und Fürsten Freunde nannte. Er lebte in Den Haag, in Paris und lange Zeit in Dresden.

kolonialismus Doch während man so behaglich in historischen Bildern schwelgt, wird plötzlich klar, dass Gardi hier den Kolonialismus durchdekliniert. Was macht der mit Mensch und Natur, mit Unterwerfer und Unterworfenem? Was macht er mit Geschichtsschreibung? Und was heißt das für das Erzählen an sich?

Gardi höhlt sein eigenes Lachen aus, doch nur, um es mit neuem Furor zu füllen, diesmal dem Furor, der Sache auf den Grund zu gehen. Oder wie Romanheld Gardi in Part eins sagt: »Über diese einfache, brutale Wahrheit kann ich was Neues entdecken, wenn ich darüber eine unwahre Geschichte erzähle.« Und so, auch wenn »kein einziges Wort nur in eine Richtung führt«, schließt sich der Kreis. Das ist die Magie des Schriftstellers Tomer Gardi.

Tomer Gardi: »Eine runde Sache«. Zur Hälfte übersetzt von Anne Birkenhauer. Droschl, Graz 2021, 256 S., 22 €

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