Berlin

Neue Nationalgalerie zeigt, wie Raubkunst erkannt wird

Unten links auf der Rückseite des Rahmens prangt ein großes, rotes Kreuz. Fällt der Blick auf die rechte Seite, lässt sich mit etwas Mühe der Schriftzug »KA 1081« entziffern. Über den Rahmen verteilt finden sich Etiketten von der Pariser Galerie Leiris und dem Museum of Modern Art in New York. Es mag ungewöhnlich sein, die Rück- und nicht die Vorderseite von André Massons Gemälde »Der Jäger« auszustellen. Doch in der ab Freitag zu sehenden Ausstellung »Max Ernst bis Dorothea Tanning: Netzwerke des Surrealismus. Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch« zeigt die Neue Nationalgalerie in Berlin nicht nur berühmte Surrealisten, sondern auch die Arbeit der Provenienzforschung - also die Frage nach Herkunft der Kunstwerke.

»Jeder Strich, jede Markierung kann ein Hinweis auf der Suche nach der Herkunft sein«, sagt Lisa Hackmann, Mitarbeiterin für Provenienzforschung am Zentralarchiv und eine von mehreren Kuratoren der Ausstellung. »Uns geht es darum, die Geschichten hinter den Werken sichtbar zu machen«, erklärt sie. So ist jedem der 26 Bildern und Skulpturen ein Hinweisschild beigefügt.

Einige Gemälde werden auch mit der Rückseite präsentiert, wie der eingangs beschriebene »Der Jäger«. Das Kunstwerk hing in den 1930er Jahren in Paris. Als die Nationalsozialisten 1940 die Stadt besetzten, beschlagnahmten sie zahlreiche Kunstwerke - darunter dieses. Der Schriftzug »KA 1081« zeugt von der Inventarisierung der Nazis, das rote Kreuz könnte darauf hinweisen, dass das Gemälde zur Vernichtung vorgesehen war, so die Neue Nationalgalerie. 1947 wurde das Werk wieder an den rechtmäßigen Besitzer zurückgeführt, den jüdischen Kunstsammler Alphonse Kann.

Private Sammlung

Ausgangspunkt der Ausstellung ist die private Sammlung des Ehepaares Ulla und Heiner Pietzsch, aus der alle gezeigten Exponate stammen. Im Jahr 2010 hat das Ehepaar Pietzsch dem Land Berlin ihre Sammlung geschenkt, die der Neuen Nationalgalerie seitdem als Dauerleihgabe überlassen ist. Den Kern der Sammlung bilden Werke des Surrealismus und des Abstrakten Expressionismus der New Yorker Schule. So sind in der aktuellen Ausstellung viele bekannte und berühmte Surrealisten zu sehen: Salvador Dalí, Max Ernst, René Magritte, Leonora Carrington, Joan Miró oder Dorothea Tanning.

Seit Januar 2023 sind rund 100 Kunstgegenstände aus der Sammlung systematisch auf ihre Herkunfts- und Besitzgeschichte untersucht worden, um auszuschließen, dass sich NS-Raubgut unter den Werken befinde, erklärt Hackmann. »Mit solch einer Schenkung kommt auch die Verantwortung, die Biografien der Werke zu untersuchen.« Das Ergebnis: Keines der Werke aus der aktuellen Sammlung ist ein »NS-verfolgungsbedingter Verlust«. Zwar konnten die Biografien von 43 Werken nicht lückenlos rekonstruiert werden. Anhaltspunkte für NS-Raubkunst gebe es aber nicht.

Drei thematische Bereiche

Konzeptionell führt die Ausstellung durch drei thematische Bereiche, in denen sie die Wege der Werke nachzeichnet: Von der Zirkulation der Bilder und Skulpturen in den Netzwerken der Surrealisten in Paris und Brüssel, über die Zeit des Nationalsozialismus bis ins Exil. Die Schau beleuchtet zudem die Netzwerke der Künstler - ihre Freundschaften, ihre Beziehungen. Nicht selten steht ein Werk in Verbindung mit mehreren Akteuren und erzählt so seine eigene Geschichte.

Die Anzahl von »nur« 26 gezeigten Werken aus der Sammlung wird mit der kleinteiligen und tiefgründigen Vermittlung der jeweiligen Geschichte eines Werkes begründet. Dieses Konzept geht auf, auch wenn an einigen Gemälden mehr Informationen wünschenswert gewesen wären - was aber teils durch eine rare Archivlage erklärbar ist.

Highlights der Ausstellung sind Max Ernsts »Düstere Wald und Vogel« (1927) und sein »Gemälde für junge Leute« (1943), Joan Mirós »Der Pfeil durchstößt den Rauch« (1926) oder Dorothea Tannings »Spannung« (1942). Die Ausstellung »Max Ernst bis Dorothea Tanning: Netzwerke des Surrealismus. Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch« ist noch bis zum 1. März kommenden Jahres zu sehen.

Musikgeschichte

Die Rückkehr der vergessenen Namen: Verfolgte Musiker der NS-Zeit

Was die Nationalsozialisten aus dem Musikleben verbannten, ist bis heute oft vergessen. Ein Langzeitprojekt arbeitet daran, dass sich das ändert. Projektleiter Geiger sagt: Die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts muss neu geschrieben werden

von Evelyn Sander  20.07.2026

Die DJ Sama’ Abdulhadi bei der Arbeit, 2025 in London

Hamburg

Techno-Festival lässt Hamas-Sympathisantin auflegen

Obwohl sie die Massaker vom 7. Oktober verteidigt hat, durfte DJ Sama’ Abdulhadi beim Habitat-Festival auflegen. Die Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez hatte zuvor ihre Ausladung gefordert

 20.07.2026

Debatte

Danger Dan und Igor Levit: So reagiert »Die Anstalt« in ihrer Sendung auf die Absage des ZDF

In seiner Jubiläumssendung geht das »DieAnstalt«-Team ausführlich auf den Streit ein

 19.07.2026

NRW

Minister sieht bei Danger Dan-Song Nähe zu Extremisten

Der Rapper Danger Dan darf einen neuen Song nicht in der Satiresendung »Die Anstalt« präsentieren. Nun meldet sich der NRW-Medienminister zu Wort, der auch im ZDF-Fernsehrat sitzt

 18.07.2026

Zahl der Woche

70 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 18.07.2026

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  18.07.2026 Aktualisiert

WM-Nachlese mit Marcel Reif

»Man muss Infantino zum Teufel jagen und die FIFA auflösen«

Der Moderator und Fußballexperte spricht im Interview über seine persönlichen Highlights und Enttäuschungen der WM, über surreale Argentinier und die Sinnhaftigkeit der Trinkpausen

von Michael Thaidigsmann  17.07.2026

Aufgegabelt

Zum Dippen: Tarator

Rezepte und Leckeres

 17.07.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 17.07.2026