Netta Barzilai

Nächstes Jahr in Jerusalem!

Stark, schrill, selbstbewusst und unkonventionell: die Sängerin und ESC-Gewinnerin Netta Barzilai (25) nach ihrer Ankunft in Tel Aviv Foto: Flash 90

Achtung: Staus wahrscheinlich. Netta kommt!» Mit diesen Worten lud die Tel Aviver Stadtverwaltung am Montag per WhatsApp und SMS zum Konzert der Eurovision-Sängerin Netta Barzilai auf den Rabin-Platz ein. Und Netta kam! Dazu Zehntausende Israelis, die ihre «Beautiful Creature» und den Hit-Song «Toy» gebührend feierten. Auch in Jerusalem feierten Hunderte im Mahane-Yehuda-Markt und tanzten ausgelassen zu Israels Lied.

Bevor «Toy» durch die Stadt dröhnte, gab es in Tel Aviv einen nostalgischen Ausflug zu einstigen Hits des Eurovision Song Contest (ESC). Avi Toledano war dabei, der es zweimal auf den zweiten Platz geschafft hatte (1982 mit «Hora», ein Jahr später als Komponist von Ofra Hazas Beitrag «Hi»), Orna und Moshe Datz boten – wie 1991 beim ESC in Rom – ein Duett mit «Kan» (Hier), und Gali Atari gab «Halleluja» zum Besten, mit dem Israel 1979 den Sieg nach Hause geholt hatte, den zweiten nach dem Erfolg von Izhar Cohen & Alpha Beta mit «A-ba-ni-bi» 1978.

Nach seinem ESC-Debüt 1973 und mittlerweile vier Siegen gehört Israel zu den erfolgreichsten ESC-Nationen überhaupt – nun auch dank Netta Barzilai. Die 25-Jährige hatte am Samstag in Lissabon den 63. Eurovision Song Contest mit 529 Punkten gewonnen – zusammengesetzt aus 212 Jury- und 317 Televoting-Punkten.

Politik Auch wenn Netta um ihrer selbst willen gewonnen hat, und nicht, weil – oder obwohl – sie aus Israel kommt, ist ihr Sieg dennoch hochpolitisch. Der Zeitpunkt für das ESC-Finale – Trumps Aufkündigung des Iran-Abkommens, Umzug der US-Botschaft nach Jerusalem – hätte ungünstiger kaum sein können. Und doch hat Nettas Beitrag Europa überzeugt. Platz drei der Jurys, Platz eins bei den Zuschauern. Politik spielte keine Rolle.
Doch trotz des ausdrücklich unpolitischen Anspruchs des Wettbewerbs: ESC in Israel ist für viele immer ein Politikum, ESC in Jerusalem erst recht, nicht zuletzt innenpolitisch. So hat die ultraorthodoxe Partei Agudat Israel bereits erste Bedenken wegen möglicher «Verletzung des Schabbat» angemeldet.

Jetzt kommt es vor allem darauf an, was Israel aus alldem macht. So viel zeichnet sich jedenfalls schon jetzt ab: Die israelischen Gastgeber können sich noch so sehr bemühen, höchstmögliche Normalität und Partylaune rund um die größte TV-Show der Welt zu versprühen – jedwede Aktivität wird umso mehr wie unter einem Brennglas beobachtet werden.

Ist Nettas Sieg also ein Pulsmesser für die künftige Stoßrichtung des Wettbewerbs? Daran haben nicht nur Künstler wie der niederländische Countrybarde Waylon, der auf einem abgeschlagenen 18. Platz landete, ihre Zweifel. «Israel ist der rechtmäßige Gewinner, wenn wir darüber sprechen, worüber wir immer sprechen: der Zirkus und die Verrücktheit», machte er seinem Frust über Israels Sieg in einem Interview Luft. «Aber das wird nicht zu viel Veränderung in dieser Art von Eurovision herbeiführen. Und das ist, denke ich, traurig. Das letzte Mal war es eine Frau mit Bart, jetzt ist es ein Huhn.» Netta sei, so Waylon weiter, die Verkörperung von «Freakshow»-Image, das dem ESC oft anhaftet.

Während diese Aussage zumindest grenzwertig ist, halten andere ihren unverhohlenen Hass kaum zurück. Gerade weil sie so unkonventionell und dabei so selbstbewusst auftrat, wurde Netta nicht nur begeistert gefeiert, sondern auch massiv angefeindet. Denn dass ausgerechnet sie den ESC nach Israel geholt hat, weckt nicht bei allen die gleiche Begeisterung wie bei der überwältigenden Mehrheit der 180 Millionen europäischen Zuschauer – gerade weil es Israelhassern gehörig gegen den Strich gehen dürfte, dass Netta Barzilai nicht nur für sich selbst, sondern ebenso für ein liberales, tolerantes, pluralistisches Israel steht und dass antiisraelische Boykottaufrufe im ESC-Vorfeld an den meisten Europäern gnadenlos abperlten.

winkekatzen Umso wütender entluden sich bereits wenige Stunden nach Finalende heftigste Reaktionen auf Nettas ESC-Sieg im Netz, die sie für genau das geißeln, was sie ist – Frau, Feministin, füllig, schwulenfreundlich. Andere User werfen ihr gar Rassismus vor. Mit ihrem Kimonogewand, den asiatischen Winkekatzen auf der Bühne und musikalischen Arabesken habe sie «cultural appropriation» betrieben, sich also «kulturell etwas angeeignet, was von Mitgliedern einer anderen kulturellen Grup-
pe als diskriminierend empfunden werden könnte», schreiben etwa britische Medien.

Dabei wirken diese Vorwürfe angesichts von Nettas frühzeitigem Favoritenstatus umso mehr an den Haaren herbeigezogen – und erst recht nach Europas eindeutigem Votum für ihr lautmalerisch verpacktes Elektropop-Bekenntnis zum Recht auf Selbstverwirklichung und Anderssein.

Doch damit nicht genug: Nicht wenige Twitter-Kommentare vermischen sexistische, homophobe und frauenfeindliche Enthemmung mit offenem Antisemitismus. Und die israelfeindliche BDS-Bewegung, von deren absurden Parolen sich das europäische Publikum sehr zu deren Ärger gänzlich unbeeindruckt zeigte, kündigte schon jetzt massive Aktivitäten an: Alle Künstler sollten dem Event im nächsten Jahr fernbleiben. Das zeigt Wirkung: Irische Linkspolitiker haben bereits einen Boykott durch ihr Land gefordert, sollte der ESC in Jerusalem stattfinden.

Dabei hat Netta gewonnen, weil sie genau das verkörpert, was beim ESC vor allem zählt: Authentizität. Wie breit gefächert die Beiträge und musikalischen Geschmäcker auch sein mögen – wer sich auf der Bühne nicht verstellt, hat beste Chancen auf eine gute Platzierung. Perfektion allein macht noch keinen ESC-Sieg aus. Diese schmerzliche Erfahrung musste in diesem Jahr etwa der schwedische Sänger Benjamin Ingrosso machen, der mit seiner loungigen Tanznummer zwar achtmal zwölf Jury-Punkte einheimste, aber nach Vergabe der drittschlechtesten Zuschauerpunkte auf den siebten Platz hinabstürzte.

Wird also Nettas Sieg den ESC nachhaltig verändern? Wohl eher nicht. Bestes Beispiel ist die legendäre Dana International, die 1998 mit ihrem Hit «Diva» den ESC nach Jerusalem holte – als erste Transsexuelle. Aber schon ein Jahr später in Jerusalem siegte Charlotte Nielsen – mit weichgespültem Schweden-Pop in bester Abba-Manier. Von politischem Statement keine Spur. «Business as usual» beim ESC.

messlatte Und so ist Nettas Sieg zwar einerseits kein Meilenstein, andererseits aber durchaus ein Gradmesser dafür, wonach Europa sich sehnt. Ihre starke und glaubwürdige Botschaft ist universal: Frauenrechte, Selbstentfaltung, Respekt vor Anderssein und Diversität sind länder- und kulturübergreifend verbindende Themen.

Das zeigen nicht zuletzt auch die vielen Social-Media-Sympathiebekundungen für die Israelin aus arabischen Ländern. Spaltung überwinden, indem man Unterschiede anerkennt – das ist Nettas Botschaft. Dafür wird sie gefeiert: in Israel, in Europa, sogar im muslimischen Nahen Osten.

Mit ihrem Auftritt hat Netta die Messlatte für den nächsten ESC hochgehängt. Denn ihre Geschichte einer Außenseiterin fernab gängiger Klischees hat sich in Israel zugetragen, demselben Israel, das sich entschieden hat, gerade sie zum ESC zu schicken – wie auch schon 20 Jahre zuvor mit Dana die erste Transsexuelle in der ESC-Geschichte. Es ist ein weltoffenes, liberales, vielfältiges Israel – das es viel zu selten in die Schlagzeilen schafft. Nettas ESC-Erfolg könnte genau das ändern.

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