Fernsehen

Nächsten Samstag in Jerusalem

»Wandelnde Klischees«

»Der Ort ist so einzigartig wie das Programm«: So werben arte und der Bayerische Rundfunk für das »Fernseh- und Web-Ereignis« 24h Jerusalem, das vom kommenden Samstag ab 6 Uhr früh bis zum kommenden Sonntag um 6 Uhr auf dem deutsch-französischen Kultursender ausgestrahlt wird. 70 Filmteams waren drei Tage lang in der Stadt unterwegs, um nach dem Vorbild von 24h Berlin Eindrücke aus der Heiligen Stadt zu sammeln.

Wer Jerusalem nicht kennt, dem bietet diese Fernsehproduktion in der Tat eine Chance, in völlig verschiedene Leben seiner Bewohner einzutauchen. Wer aber länger in der Stadt gelebt hat, dem erscheint einiges von dem Material, das zur Presseansicht freigegeben wurde (in diesem Fall die Szenen von 8 bis 8.30 und von 12 bis 12.30 Uhr) auf den ersten Blick eher oberflächlich. Nachdem das Projekt von einem palästinensischen Boykott bedroht war, entschieden sich die Produzenten, Israelis, Palästinenser und Europäer getrennt drehen zu lassen. »Regisseure und Protagonisten haben sich aus organisatori schen Gründen erst sehr kurzfristig vor dem Dreh kennengelernt«, heißt es im Pressetext – und so wirken viele Szenen auch: die Bewohner Jerusalems als wandelnde Klischees. Deutlich wird das krampfhafte Bemühen der Produzenten um politische Korrektheit.

genervt
Wir finden die neunfache Mutter und jüdische Siedlerin, die in Ost-Jerusalem lebt, ihre vielen Kinder beim morgendlichen Zähneputzen dirigiert und die ganze Stadt »jüdisch« machen möchte, genauso wie den Friedensaktivisten Daniel Seidman, der vor der Kotel bekundet: »Wir trinken Cappuccino auf einem brodelnden Vulkan.« Die Kinder in der palästinensischen Schule singen mit patriotischer Inbrunst die Hymne »Biladi« und rufen vor Unterrichtsbeginn: »Ich bin ein Palästinenser!«. Der pickelige Nathanael feiert seine Barmizwa an der Kotel, und ein russisch-orthodoxer Pilger betet mit ermüdender Inbrunst in der Grabeskirche.

Wer Jerusalem aus eigenem Erleben kennt, ist schnell genervt: Ihn hätten andere Einblicke interessiert, nicht nur das allzu Bekannte und Offensichtliche. Doch die Hoffnung bleibt: Vielleicht ist 24h Jerusalem als Sendung besser als das Ansichtsmaterial.
Ayala Goldmann


»spannender Alltag«

Wenn Itzchak Gil morgens die Küche seines kleinen Restaurants »Rachmo« unweit des Mahane-Yehuda-Markts betritt, blubbert und köchelt es schon in den übergroßen Töpfen. Es riecht nach irakischen Suppen und gewässerten Kichererbsen, die darauf warten, zu Hummus verarbeitet zu werden. Gil hat das »Rachmo« von seinem Schwiegervater übernommen, der, will man der Stammkundschaft glauben, das mit Abstand beste Hummus aller Zeiten gemacht haben soll.

Zwischen neun und zehn Uhr kommen die ins Rachmo, die Gils Schwiegervater noch persönlich kannten. Sie sitzen an schlicht gedeckten Tischen und reden über alte Zeiten. Währenddessen macht der 35-jährige Imad Hoshiya die Betten im Hotel Ambassador. Er musste früh aufstehen, denn um an seinen Arbeitsplatz im arabischen Teil Jerusalems zu gelangen, braucht er, wie er erzählt, fast drei Stunden.

dialog Zwei der insgesamt 90 Protagonisten, die man in 24h Jerusalem kennenlernt. Das TV-Projekt begleitet ganz normale Jerusalemer, Juden und Araber, in ihrem Alltag. Und das so unauffällig, dass der Zuschauer selbst Teil dieses Alltags wird. So sitzt man neben Esther Shimberg in der Gedenkstätte Yad Vashem und scannt mit ihr Karteikarten ein, man steht neben dem Politikwissenschaftler Mahdi Abdul Hadi und hört seinem Bemühen um einen Dialog zwischen Palästinensern und Juden zu, und räumt mit Moran Mizrahi den Lagerraum für ihre Bar auf dem Mahane Yehuda ein.

Wer bei 24h Jerusalem die große Botschaft sucht, der wird enttäuscht: Hier stehen die Menschen im Mittelpunkt. Und die sprechen ganz für sich. Denn nichts ist spannender als der Alltag.

Begleitet wird die Echtzeit-Doku von einem umfangreichen Online-Programm. Neben dem Hashtag #24hjerusalem, unter dem jeder Bilder oder Texte, die in irgendeiner Form mit Jerusalem zu tun haben, senden kann, gibt es einen Livechat mit dem Projektteam. Künstler, Fotografiestudenten und Designer twittern »Vines«, kurze Smartphone-Clips. Ein interaktives Erlebnis, das auch nach dem 12. April online stehen wird.
Katrin Richter

www.24hjerusalem.tv

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