Johannes Becke

Nachdenken über Israel

Stimmt eigentlich noch die Metapher über Israel als »Villa im Dschungel«, die Ehud Barak geprägt hat? Dieser Frage geht der Buchautor nach. Foto: Getty Images/iStockphoto

Alle paar Monate das gleiche Ritual. Nimmt Israel an internationalen Wettbewerben wie dem Eurovision Song Contest oder Uefa-Fußballturnieren teil, gibt es sofort Diskussionen darüber, ob das wirklich so rechtens sei – schließlich gehöre das Land ja irgendwie nicht zu Europa. Meistens steckt dahinter die leicht durchschaubare Absicht, Israel mit dem Verweis auf die Geografie auszuschließen und zu boykottieren. Doch wer das aktuelle Buch Hier ist nicht Europa – Wie Israel Teil des Nahen Ostens wurde von Johannes Becke, Professor für Israel- und Nahoststudien an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, zur Hand nimmt, wird nichts dergleichen finden.

Vielmehr geht der Autor der Frage auf den Grund, ob Israel weiterhin als Teil der westlichen Wertegemeinschaft zu verstehen ist oder inwieweit das Land sich politisch und kulturell mehr und mehr den politischen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten der Region angenähert hat. Daher der Titel, der auf dem gleichnamigen Song von Margalit Zanani beruht, einer israelischen Musikerin mit jemenitischen Wurzeln.

Oder anders formuliert: Stimmt eigentlich noch die Metapher von der »Villa im Dschungel«, die einst Ex-Ministerpräsident Ehud Barak prägte, um auf die fundamentalen Unterschiede zwischen dem jüdischen Staat und den mehr oder weniger funktionierenden Gemeinwesen in unmittelbarer Nachbarschaft hinzuweisen?

Bald setzte die »Rückkehr der Religion« ein, die auch eine »Rache der Peripherie« war.

Dabei erteilt Becke jeder Form einer Delegitimierung vorab eine unmissverständliche Absage: »Das hier skizzierte Forschungsparadigma von Israel als nahöstlicher Gesellschaft richtet sich dabei dezidiert gegen eine dritte Lesart der israelischen Gesellschaft, wie sie langsam aus dem angelsächsischen Raum nach Deutschland importiert wird: Israel als koloniale Gesellschaft, die aus allen Kontexten des Globalen Südens systematisch ausgeschlossen gehöre und letztendlich im Kontext der transnationalen Kampagne BDS (Boykott, Desinvestition und Sanktionen) zu Fall gebracht werden müsse.«

»Systematische Rekontextualisierung«

Er unternimmt genau das, was die Vertreter des postkolonialen Ansatzes stets ausblenden wollen, um »Israel aus Zeit und Raum zu lösen«: einen Rückgriff auf ideengeschichtliche, kulturelle und historische Entwicklungsstränge. Kurzum, der Politikwissenschaftler plädiert für eine »systematische Rekontextualisierung« der israelischen Geschichte, sodass der jüdische Staat nicht einfach nur als eine, wie er es bezeichnet, »überzeitliche Essenz des Westens« wahrgenommen und bewertet wird.

Wenn es um die israelische Gesellschaft selbst geht, skizziert er andere Trennungslinien als viele der Beobachter des Landes. So existieren seiner Einschätzung zufolge augenfällige grenzüberschreitende Parallelen: »Die israelischen Oligarchensöhne und -töchter mit den englischsprachigen Abschlüssen der Reichman University in Herzliya sind soziokulturell kaum zu unterscheiden von den ägyptischen Absolventen der American University in Kairo; die frühere maronitische Elite des Libanon kämpft ähnlich mit Nostalgie und Abwanderung wie die frühere sozialistisch-aschkenasische Elite Israels.«

Ein weiterer Aspekt, der mehr auf die Region als auf Europa als Bezugsrahmen schließen lässt, ist die Entsäkularisierung, die Israel mit anderen Staaten der postkolonialen Welt teilt. So definierten sich ihre Gründereliten überwiegend als »aufgeklärt«, woraufhin irgendwann in der Entwicklung der jungen Nationen die »Rückkehr der Religion« einsetzte, die nicht selten auch eine »Rache der Peripherie« gewesen sei, was man im Fall von Israel durchaus wörtlich nehmen sollte.

»Indigenisierung« der jüdisch-israelischen Gesellschaft im Nahen Osten

Becke nennt ferner drei weitere Perspektiven, um die, wie er es formuliert, »Indigenisierung« der jüdisch-israelischen Gesellschaft im Nahen Osten zu erfassen: Da wäre die Abgrenzung von der jüdischen Diaspora, Stichwort »Kanaanismus«, die Synthese zwischen Ost und West, was eine eigene Form des »Levantismus« hervorgebracht habe, sowie die »kreative Neuschöpfung« aus den kulturellen Arsenalen der verschiedenen Einwanderergruppen, für ihn eine ganz eigene Version des »Kreolismus« oder ein, wie man es ebenfalls bezeichnen kann, »ungeplanter Pluralismus«.

Interessanterweise nennt der Politikwissenschaftler eine große Klammer, die vielleicht die wenigsten auf dem Radar haben dürften, wenn es um eine Analyse gesellschaftlicher Phänomene geht, und zwar die Tatsache, dass es sich bei Israel wie auch den anderen Staaten in der Region um eine »postosmanische Gesellschaft« handelt. Diese zeige sich in den Rechtsnormen, besonders deutlich im Familien- und Bodenrecht, aber auch im Verhältnis von Religionsgemeinschaften und Staat oder im Umgang der Autoritäten mit Minderheiten, und das bis in die Gegenwart.

Bemerkenswert: »Die Unwilligkeit, Israel als Teil der Region zu verstehen, ist vielleicht am stärksten unter der israelischen Linken ausgeprägt«, weshalb sie am Bild von der »Villa im Dschungel« besonders festhält. Dass diese Villa durchaus einige dominante nahöstliche Stilelemente aufweisen kann, wollen sie sich ungern eingestehen.

Becke betrachtet sein Buch auch als eine Art Plädoyer für die Israel-Studien, ein kleines Forschungsfeld, das seiner Ansicht nach zu sehr im Schatten anderer Disziplinen steht. Es beinhalte aber durchaus das Potenzial, ein Bild von der israelischen Gesellschaft zu zeichnen, das nicht von negativen – oder auch projektiven positiven – Klischees überlagert ist.

Hier ist nicht Europa. Wie Israel Teil des Nahen Ostens wurde belegt auf eindrucksvolle Weise, wie eine solche Analyse aussehen kann. Nicht nur manchen Kommentatoren zu den Ereignissen in der Region hierzulande möchte man es daher dringend empfehlen. Denn die Lektüre ist für jeden, der sich für Israel interessiert, ein Gewinn.

Johannes Becke: »Hier ist nicht Europa. Wie Israel Teil des Nahen Ostens wurde«. Wallstein, Göttingen 2026, 272 S., 28 €

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