Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Iryna Fingerova kam 2018 aus Odessa nach Deutschland. Sie arbeitet als Ärztin in Dresden.

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026 23:42 Uhr

Frau Fingerova, Sie sind 2018 von Odessa nach Deutschland gezogen. Ihre Großmutter, die Sie sehr geliebt haben, meinte damals: »Wenn du in Israel wärst, käme ich nach.« Deutschland kam für sie also nicht infrage?
Meine Oma hatte das Ghetto überlebt und war allergisch gegenüber der deutschen Sprache. Das Erstaunliche ist aber: Sie sprach perfekt Deutsch. Mein Opa studierte Medizin, und meine Großmutter wollte ebenfalls studieren. Aber es war schwer, in der Sowjetunion als Jude einen Studienplatz zu ergattern. Es gab Quoten, wie viele Juden sich immatrikulieren durften, und kaum eine Auswahl. Deshalb hat sie studiert, was übrig blieb, und das war Germanistik.

Ausgerechnet Germanistik?
Sie wurde Lehrerin in einem kleinen Dorf bei Winnyzja. Dort lebten damals fast nur Juden. Denen hat sie 40 Jahre lang Französisch beigebracht, selten auch Deutsch. Mit meiner kleinen Tochter Sarah hat sie dann aber auf Deutsch per WhatsApp kommuniziert.

Sarah, Ihre kleine Tochter, heißt im Roman Rosa.
Der Roman trägt viele autobiografische Züge, aber einiges ist fiktionalisiert. Selbst ich kann nicht mehr genau unterscheiden, was real ist und was Fantasie.

Sie schreiben, dass Sie in der »dichten Blase« der Juden von Odessa aufgewachsen sind. Wie jüdisch war Ihre Familie?
Meine Familie ist nicht so religiös. Meine Mutter hatte trotzdem eine Tora unter ihrem Bett. Neben ihrem Beruf als Ärztin hat sie im »Migdal«, einem jüdischen Kultur- und Begegnungszentrum, gearbeitet. Dort haben wir ein jüdisches Theater gehabt, Familiencamps organisiert und die Tora gelesen. Purim oder Chanukka haben wir auch zusammen gefeiert. Wichtig war, dazuzugehören.

Sie denken auf Russisch, Sie schreiben auf Ukrainisch, Ihre Familie schimpft auf Jiddisch. Jetzt haben Sie einen Roman geschrieben, und zwar auf Russisch und Ukrainisch, aber auch mit deutschen Anteilen …
Es klingt verrückt, aber wäre das nicht eine schöne Metapher, wie die Welt von Migranten funktionieren könnte? Diese vielfältigen Identitäten gehören in unsere Zeit, auch in Deutschland. Die ersten Notizen habe ich auf Russisch verfasst, dann habe ich auf Ukrainisch weitergeschrieben. Die ukrainische Kultur muss Platz haben, damit man sich abgrenzen kann. Ich beherrsche die Sprache, lese viel moderne ukrainische Literatur. Und irgendwann habe ich hin und wieder auf Deutsch geschrieben. Aber der Roman musste natürlich übersetzt werden.

Bedeutet der Titel »Zugwind«, dass das Fortziehen in ein anderes Land sich viel kälter anfühlt als ein einziger Windzug?
Es gibt plötzlich ohne Heimat eine existenzielle Leere. Viele Geflüchtete haben depressive Phasen ohne Ende.

Sie sind Ärztin und schreiben in Ihrem Roman von Schlafstörungen der Patienten, vom Abmagern, von den Depressionen. Was haben all diese Geflüchteten, die in Ihre Praxis kommen, gemeinsam?
Alle haben sie einen Kontrollverlust erlebt. Deshalb kommen sie zu mir, bei mir gibt es keine Sprachbarriere. Beim Arzt darf man sich zerbrechlich zeigen. Sie können sich bei mir zu allem äußern. Sie erzählen mir, was sie sonst nie erzählen. Ich habe ihre Gefühle dann validiert und ihnen gesagt: »Ja, das ist ok, dass Sie das fühlen.« Ich bin keine Therapeutin. Aber ich kann ihnen im ersten Schritt sagen: »Sie dürfen erschöpft sein, keine Kraft mehr haben.« Sie schämen sich dann nicht mehr. Hinzu kommt, dass sie in der Ukraine oft keine Zeit und kein Geld hatten, um zum Arzt zu gehen. Jetzt haben sie zwar alles verloren, aber sie haben Zeit. Sie können zum Arzt gehen. Ich hatte auch viele Patientinnen mit sehr ernsten Krankheiten wie Brustkrebs, es gibt Fälle von Leukämie oder auch Diabetes.

In der Ukraine waren die Menschen oft Ingenieure oder Unternehmer. Hier fallen viele beim Sprachtest durch. Sie schreiben: »Das 21. Jahrhundert ist ein Knieschuss in die Identität.« Was meinen Sie damit?
Die ersten drei Jahre nach der Emigration sind ein sozialer Tod. Das Stressniveau ist so hoch, als würde ein naher Angehöriger sterben.

Der Hass auf russische Soldaten sei besonders groß, heißt es in Ihrem Buch, denn sie überfallen die Ukraine, vergewaltigen und plündern. Dieser Hass sei sehr schwarz-weiß, aber man müsse erst einmal die Farbpalette reduzieren. Wie ist das zu verstehen?
Man darf diesen Hass fühlen. Ich selbst brauche eine Quarantäne von allem Russischen, weil die Propaganda Russlands so tief geht und so toxisch ist. Ich habe seit meiner Kindheit sehr viel russische Literatur gelesen, weil ich sie mag. Dann meinte ein russischer Freund, der liberal denkt und Putin hasst, die russische Kultur sei nun einmal »größer«. Natürlich ist die russische Kultur cool, sie hat sich, wie jede Kultur, aber auch einiges angeeignet. Man darf Kulturen nicht vergleichen. Kleine Kulturen, große Kulturen, das ist ein typisch imperialistisches Denken.

Wurde der Zugwind für Sie nach dem 7. Oktober 2023 noch zugiger und kälter?
Nach dem 24. Februar 2022 dachte ich, es würde nichts mehr geben, das mich so aufregt, so erschüttert wie der Überfall Russlands auf meine Heimat. Aber wieder kam der Zugwind. Die Erschütterung wegen der Hamas-Massaker fühlte sich fast identisch an. Nach dem Überfall auf die Ukraine konnte ich wenigstens viel Hilfe organisieren. In Israel kann ich nicht so viel tun. Irgendwann wusste ich: Es gibt sehr viel Scheiße auf dieser Welt, und damit muss man leben.

In der Ukraine haben Sie Antisemitismus erlebt, wie nehmen Sie ihn in Deutschland wahr?
Hier bin ich zuerst Ukrainerin, dann Ukrainerin und Jüdin, das ist den meisten zu kompliziert. Hier sind jüdische Einrichtungen oder auch Lesungen polizeilich streng bewacht, in Odessa gar nicht. Selbst wenn im jüdischen Begegnungszentrum Hunderte Kinder sind, gibt es keine Security. Da sitzt nur eine alte Oma, die einen bittet, sich die Schuhe ordentlich abzutreten.

In Ihrem Roman gibt es eine Bank, die »Kraft auf Kredit« gibt. Wer gibt Ihnen im realen Leben als Ärztin und Schriftstellerin Kraft?
Meine Tochter, meine Freunde und mein Mann geben mir Kraft. Er ist Psychiater und Facharzt für Innere Medizin. Er hilft sehr viel, er gibt mir die Möglichkeit, mich zu erholen, er entschleunigt mich. Das ist wichtig, ich mache oft zu viele Sachen gleichzeitig.

In Odessa ist die Luft feucht, salzig und heilsam. Würden Sie irgendwann zurückziehen wollen?
Nicht in den nächsten zwölf Jahren. Aber ich würde gerne häufig hinfahren und dort Vorschmack essen. Das ist ein typisch jüdisches Gericht aus Odessa, mit Hering, Zwiebel, Apfel und Ei. Etwas ganz Besonderes.

Mit der Ärztin und Schriftstellerin sprach Maria Ossowski. Iryna Fingerova: »Zugwind«. Roman. Deutsch von Jakob Walo-sczyk, Rowohlt, Hamburg 2026, 304 S., 24 €

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