Siri Hustvedt

Ihr Lebensmensch

Zwei Schriftsteller, die einander inspirierten: Paul Auster (1947–2024) und Siri Hustvedt Foto: picture alliance / DN

Siri Hustvedt

Ihr Lebensmensch

In einem tieftraurigen und wunderschönen Erinnerungsbuch nimmt die Schriftstellerin Abschied von ihrem Mann Paul Auster, der 2024 an Krebs starb

von Katrin Richter  20.03.2026 10:18 Uhr

Als Siri Hustvedt und Paul Auster im Juni 1982 heirateten, an einem warmen Frühsommertag, in ihrem Apartment in Brooklyn, mit zehn Freunden als Gästen, gab es, kurz nachdem der Beamte der Society for Ethical Culture sie zu Mann und Frau erklärt hatte, einen Knall. Ein mächtiger Donner erschreckte die jungen Eheleute und ihre kleine Gesellschaft so sehr, dass sie alle plötzlich lachen mussten. »Paul sagte gern, dass es ein Zeichen war: Entweder hatten die Götter dieser Vereinigung zugestimmt oder sie waren dagegen. Was genau es von beiden war, das werden wir wohl nie erfahren.« Das schrieb Siri Hustvedt Ende Februar dieses Jahres in einem Facebook-Post.

In ihrem Buch Ghost Stories aber wird klar: Die Götter müssen dafür gewesen sein – für diese seltene Verbindung aus Liebe, Freundschaft, Intellekt, Neugier und Urvertrauen, die über 40 Jahre hielt und nur deshalb zu Ende ging, weil ein Partner starb. Paul Austers Leben endete am 30. April 2024, eineinhalb Jahre nach seiner Krebsdiagnose.

Er möchte ein Geist werden, hatte Paul Auster seiner Frau gesagt.

Siri Hustvedt und Paul Auster, so schrieb sie in den sozialen Medien, waren damals schon lange im »Cancerland«, diesem unwirklichen Ort, der mit fortschreitender Zeit zu einem ungewollten Zuhause wurde. Und obwohl diese letzten Jahre gezeichnet waren von Behandlungen, Medikamenten mit langen Namen, von Schmerzen und Rückschlägen, müssen die Götter doch von Anfang an für diese Verbindung zwischen Siri und Paul gewesen sein, dem Paar, das sich nach einer Lesung in New York kennenlernte. Eine andere Antwort kann es nach der Lektüre von Ghost Stories kaum geben.

Ghost Stories ist die große Geschichte einer Liebe, die noch nicht zu Ende war und deren lose Enden durch das ehrliche, analytische, intime und auch lockere Erzählen Hustvedts ein bisschen zusammengebunden werden können, auch wenn ein Teil von ihnen vielleicht immer offen bleiben wird.

Dieses Wort. Witwe. Was ist das überhaupt?

Er möchte ein Geist werden, hatte Auster seiner Frau gesagt, die seit seinem Tod Witwe ist. Dieses Wort. Witwe. Was ist das überhaupt? Wer sind Witwen? Wie sind sie? Und wie lebt man weiter in einem Haus, in dem jedes Geräusch und jede Stille vor dem nächsten gewohnten Geräusch an den Verstorbenen erinnert? Wie trägt man Erinnerungen weiter, wenn sie nicht mehr erzählt werden können? Wie lebt man ohne den eigenen »Lebensmenschen«? Es sind Fragen wie diese, denen die bekannte Schriftstellerin, die über zwölf Romane, Geschichten und Essays veröffentlicht hat, auf den Grund geht. Sie legt alles offen: Trauer, Schmerz, die Last und den Trost von Routinen.

Hustvedt sucht in ihrer »Paul-Box«. Was sie dort entdeckt, ist viel mehr als eine Reise in die Vergangenheit. Es sind Momente eines Paares, das einfach zusammen sein musste. Zwei junge Schriftsteller, die aneinander wuchsen, zwei erfahrene Literaten, die international Erfolg hatten, mit einem ganz unterschiedlichen Publikum.

Die Paul-Box ist voller Momente wie diesem hier. Notiz an Siri auf einem herausgerissenen linierten Zettel. Ein Mittwoch, 17 Uhr. »Dear S, clearly I am here. And you? I have called you many times, since I have an appointment in the neighborhood. But you have vanished, alas. If this note falls into your hands before it gets too late, perhaps we will find each other before the night is over.«

Kleine Notizen, Briefe, Anekdoten, Erinnerungen

Kleine Notizen, Briefe, Anekdoten, Erinnerungen, die Hustvedt wie Fotos so genau beschreibt. E-Mails an einen Freundeskreis aus der Zeit von Austers Krankheit. Die vielleicht schönsten und bewegendsten Briefe sind die an seinen Enkel Miles, der im Januar 2024 geboren wurde. Von Auster, der als Großvater Papa genannt werden wollte.

Hustvedt suchte sich »Mormor« aus, das norwegische Wort für Großmutter, schreibt über die ersten kleinen Bewegungen des Enkels, über dessen Eltern, Sophie Auster und Spencer Ostrander. Es sind sieben Briefe. Der letzte davon ist auch das Letzte, was Paul Auster überhaupt schrieb. Er starb, als Miles vier Monate alt war. Die schmerzhafte Wahrheit, dass er seinen Enkel nicht mehr wird aufwachsen sehen, ist schwer zu ertragen.

Auch die Drogensucht und der Überdosis-Tod von Paul Austers Sohnes Daniel sowie seiner kleinen Enkelin Ruby werden angesprochen.

Zum vielleicht ersten Mal wird auch ein Thema öffentlich angesprochen, worüber Auster größtenteils schwieg, weil es eben privat war: die Drogensucht und der Überdosis-Tod seines Sohnes Daniel und seiner kleinen Enkelin Ruby, die als Baby ebenfalls an einer Überdosis starb. Das zu lesen tut weh, und sich hineinzudenken schmerzt noch viel mehr, denn Daniel, so erzählt Hustvedt, sei ein talentierter junger Mann gewesen, aber unerreichbar.

»Ich bin Baumgartner«, sagt Siri Hustvedt in dem bei der Berlinale gezeigten Film Dance Around the Self. Baumgartner, der Mann aus Austers letztem gleichnamigen Buch, der als Witwer in seinem Haus lebt, der das Klacken der Schreibmaschine im oberen Stock hört, der seine Frau anruft, sie hört, mit ihr spricht, obwohl er weiß, dass sie tot ist.

Die Schreibmaschine und der Zigarettenrauch, der nicht mehr da ist

»Ich bin Baumgartner« – auch Hustvedt hört die Schreibmaschine, riecht den Zigarettenrauch, der nicht mehr da ist. Und sie spürt ihren Mann neben sich. Ghost Stories ist auch ein Buch, das sich Zeit nimmt für Wahrnehmungen, die rational gesehen eigentlich nicht sein können, wie das Sehen oder Fühlen von nahestehenden verstorbenen Menschen.

Fernab von Esoterik oder transzendentalen Geplappers gibt Hustvedt einen kleinen Einblick in Forschungen. Ein Weg vielleicht, um die Stärke nachzuvollziehen, die eine Ehe mit einem »Lebensmenschen« haben kann. Wer sich traut, dieses Buch in die Hand zu nehmen, darin über eine tiefe Liebe zu lesen und vielleicht auch zu weinen, wird mit einem der schönsten Bücher seit Langem belohnt werden – auch wenn es das Paar, zu dessen Hochzeit die Götter einen Donner schickten, nicht mehr gibt.

Siri Hustvedt: »Ghost Stories«. Rowohlt, Hamburg 2026, 398 S., 25 €

München

Simon Rattle bleibt bis 2033 Chef des BR-Symphonieorchesters

»Symphonischer Hoagascht« oder »Singen mit Sir Simon« hießen Projekte, die Sir Simon Rattle eingeführt hat. Die Arbeit mit dem Symphonieorchester des BR und seinem Chor sagt dem Chefdirigenten zu. Er hat nun verlängert

von Barbara Just  08.10.2026

Adania Shibli

Plattitüden in Romanform

Auch das zweite auf Deutsch erschienene Buch der palästinensischen Autorin weist einen holzschnittartigen Charakter auf

von Enno Stahl  08.10.2026

Prag

Spätes Debüt

Der Schriftsteller Eli Beneš gilt als bekannteste literarische Stimme der Juden in Tschechien. Sein Roman über einen Schoa-Überlebenden machte ihn zum preisgekrönten Autor. Eine Begegnung

von Kilian Kirchgeßner  08.10.2026

Literatur

»Es gibt zwei Seiten«

Zur Frankfurter Buchmesse ruft die israelische Autorin Orna Landau gegen den Boykott von Büchern auf: »Entscheidet euch für Wissen«

von Ayala Goldmann  08.10.2026

Literatur

Geistige Freiheit

Tschechien ist Ehrengast der Buchmesse. Unser Autor erinnert an die Zeit nach dem Prager Frühling, als Bücher in seiner Heimat als »Samisdat« im Untergrund erschienen

von Jan Faktor  08.10.2026

Nahost

Die Geschichte eines Krieges

Shahrzad Eden Osterer und Richard C. Schneider analysieren den Konflikt zwischen Israel und Iran – und die Rolle der involvierten Proxy-Armeen

von Eva M. Grünewald  08.10.2026

7. Oktober

Maxim Biller und die Barbaren

In »Schwarze Samstage« kämpft der Schriftsteller mit den Folgen des Massakers in Israel – und zieht eine harte Linie zwischen Juden und »Gojim«

von Tobias Kühn  07.10.2026

TV-Tipp

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026