Literatur

Eine schrecklich nette Familie

Ein Roman über die glücklichste Familie der Welt? Das kann ja heiter werden. Denn nichts liegt da näher, als die Gewissheit, dass wir alsbald eine Familie kennenlernen, in der ziemlich viel schief läuft, in der das Unglück sich bereit hält, um gelegentlich loszulegen.

Und dann, man hat das Buch aufgeschlagen, der erste Satz, der da lautet: »Wenn man geboren wird, ist alles, wie es sein soll, dann wird es langsam immer schlechter.« Und einatmen, ausatmen. Immerhin: langsam werde es schlechter, nicht auf einen Schlag, nicht sofort, nicht augenblicklich, noch ist also Zeit. Das ist ja schon mal was.

Los geht es mit Sara. Dann folgt Evi. Schließlich ist da noch Mats

Los geht es mit Sara. Dann folgt Evi. Schließlich ist da noch Mats. Wobei Mats der Vater von Evi ist, Evi die Kusine von Sara, also ist Mats der Onkel von Sara – Familienverhältnisse muss man gut im Blick behalten. Dazu sind wir im Malmö der Gegenwart, damit in Schweden; im Stadtteil Västra Hamnen, eine neue gute Wohngegend, frisch aus dem Boden gestampft

Nun braucht ein Familienroman stets Bewegung, er muss mit Verve losziehen, um sein Personal herauszufordern, dass ein jeder und jede an sich wachse. Und da geht es bald für drei Tage nach Deutschland, es geht nach Berlin. Denn Mats Mutter, von deren Aufwachsen in einer jüdischen Arztfamilie im Berlin der Weimarer Jahre wir parallel in einem zweiten Erzählstrang erfahren, hat ihrem Sohn Briefe hinterlassen. Für sie existentielle Briefe; Briefe aus ihrer Berliner Kindheit.

Wir werden erfahren, dass es sich eher nicht um ein Konvolut handelt; nur neun Briefe sind erhalten geblieben, die Mats bisher verwahrt, die er aber nun in Berlin-Kreuzberg dem Jüdischen Museum übergeben will. Und das eben persönlich, auch wenn man sie gut per Post hätte schicken können, per Einschreiben, zur Sicherheit. Doch Mats schätzt noch das Unmittelbare.

Mats will dem Jüdischen Museum Berlin Briefe übergeben. Auch kann man so endlich bei dem Stolperstein in Moabit vorbeischauen

Auch kann man so endlich mal bei dem Stolperstein vorbeischauen, den Mats hat legen lassen, in Moabit. Was war das damals für ein Aufwand, viele Zettel waren auszufüllen.

Und dann gibt es noch einen nächsten, anders gewichtigen Grund für die Reise: Mats wird sich von seiner Frau Anne trennen; ihre gemeinsame Tochter Evi weiß davon noch nichts, es wird eine Katastrophe werden, befürchtet er; jetzt, wo Evi halbwegs Fuß gefasst hat in ihrem noch jungen, wackeligen Leben, das sie beinahe aufgegeben hätte, 16 Jahre zählt es.

Weshalb sich Mats immer mehr davor fürchtet, Evi zu offenbaren, was geschehen wird. Vielleicht, dass im Laufe dieser, die Gefühle ohnehin aufwühlenden Reise sich eine gute Gelegenheit dazu ergibt? Das ist natürlich Quatsch, aber man kennt das womöglich selbst: Einmal den ersten Moment verpasst, sind die kommenden Momente – wir sind vorgewarnt – immer schlechter geeignet, den Knoten zu lösen, und es wird ja nicht besser.

Anna Brynhildsen, Jahrgang 1992 und Enkelin einer deutschen Jüdin, die seinerzeit rechtzeitig nach Schweden geschickt wurde, bietet uns eine wunderbare Familiengeschichte.

Anna Brynhildsen, Jahrgang 1992 und Enkelin einer deutschen Jüdin, die seinerzeit rechtzeitig nach Schweden geschickt wurde, bietet uns eine wunderbare Familiengeschichte: Im Ton lakonisch, auch mal bitter gehalten, in den Schilderungen absolut scharf gestellt und zugleich frei von leichtgläubigem Trost, ist sie gerade deshalb voller Hoffnungskraft.

Zugleich ist dieser Roman ein galanter Berlin-Roman, getragen von viel Lokalkolorit wie gespickt mit leisem Spott gegenüber der Berlinliebe besonders der Skandinavier. Und nicht zuletzt liegt noch ein vielschichtiger Liebesroman vor uns, denn auch Sara hat ihr Päckchen zu tragen: Soll sie bei Elias bleiben, auch wenn sie ihn liebt, gerade weil sie ihn liebt?

Denn da ist in Berlin dieser Johannes; Übersetzer vom Schwedischen ins Deutsche und umgekehrt, kennengelernt bei einer Tagung, wobei das Berufliche eher uninteressant ist. Ach, Johannes; ach, Elias. Und noch einmal erfahren wir, wie nahe das Glück und das Unglück beieinander liegen und wie wir uns ins Zeug legen müssen und können, um unseren ganz eigenen Lebensweg zu gehen, noch ist Gelegenheit.

Anna Brynhildsen: »Die glücklichste Familie der Welt«. Roman. Aus dem Schwedischen von Franziska Hüther, S. Fischer, Frankfurt 2026, 334 S., 23 €

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