Kunst

»Mit Sand verheiratet«

Herr Ullman, kann ein Sandkorn die Welt verändern?
Ein Sandkorn hat schon etwas Extremes, Radikales und Kritisches. Ein Sandkorn aus einer Erdmasse ist eine radikale Reduktion. Das ist der Anfangspunkt meines Werkes, das 2011 in meiner Retrospektive im Israel-Museum entstand. Dort waren 60 Skulpturen aus Hamra-Erde ausgestellt. Das allerletzte Werk in meiner Jerusalemer Ausstellung hieß »Sanduhr«. Und ein Sandkorn kann in einer Sanduhr das erste oder letzte Korn sein.

Ihre Installation, die gerade in Berlin zu sehen ist, heißt passenderweise »Sandkorn«. Woher kommt der Name?
Er ist dem Satz »Bis zum letzten Sandkorn« von Mohamed Anwar al-Sadat entliehen. Der ägyptische Präsident sagte, dass er den Sinai bis zum letzten Sandkorn zurückfordere. 1977 kam Sadat in die Knesset in Jerusalem und hielt in meinen Augen eine wunderbare Rede. Er wurde vor Ort gut aufgenommen. Danach gab es Verhandlungen mit dem damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter und dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin in Camp David. Sie redeten, sie verhandelten. Israel gab den Sinai zurück. 1981 wurde Sadat von muslimischen Extremisten ermordet. So weit die Geschichte. Ich habe diesen Satz als Bild und als Inspiration genommen. Das Wichtigste, was Sadat getan hat, finde ich, war der Besuch in der Knesset. Das Reden mit dem Feind. Er hat damit alle – auch in Ägypten und der Welt – überrascht.

Wird heute zu wenig geredet im Nahen Osten?
Eindeutig ja. Leider ist die Frage ganz aktuell. Das Reden ist wie ein einziges Sandkorn. Es verkörpert diesen kritischen Moment, in dem alles kippen kann. Wenn ein Sandkorn auf einem Hügel liegt, kann es zur einen oder zur anderen Seite fallen. Ich arbeite in meinen Werken sehr oft auf die Fragen hin – weniger auf die Antworten. Ich gebe Hinweise. Und in diesem Fall, in der Ausstellung in Berlin, ist es ein sehr kleiner Hinweis.

Was bedeutet Ihnen dieser Sand?
Ich wohne auf ihm. Es ist Hamra-Erde. Hamra ist das arabische Wort für rot. Dieser Sand zieht sich die gesamte Küste Israels entlang. Dieses kleine Sandkorn, das nun ausgestellt ist, zu finden, war gar nicht so einfach. Ich hatte mehrere zur Auswahl und habe mich dann aber für das mit den Ecken und Kanten entschieden.

Was hat Sand, was andere Stoffe nicht haben?
Ich bin von seiner Spannung fasziniert. Der Boden ist eine Grenze zwischen oben und unten. Das ist ein guter Grund, um damit zu arbeiten. Andere Materialien haben das nicht. Außerdem spielt die jüdische Geschichte eine Rolle. Mein Vater kam aus Deutschland. Er bereitete sich bei Bauern auf das Leben im Kibbuz in Israel vor. Er wollte selbst ein Bauer sein. Wenn ich zurückblicke, bin ich irgendwie an dieses Material gebunden. Ich arbeite auch in anderen Ländern mit lokalen Erden. Ich bin also mehr oder weniger mit Sand verheiratet.

Neben der Installation zeigen Sie sechs Bilder, die mit wenigen Sandkörnern Großes abbilden. Was verbirgt sich dahinter?
Sie weisen auf fünf Gruppen hin. Zellen, Buchstaben, Nummern, Sinne und die Sterne. Eine wichtige Inspiration ist für mich das sehr alte mystische Buch Jetzira. Darin wird die Schöpfung der Welt durch die 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets erklärt. Und die Beziehung zwischen einem Buchstaben, einem Stern, einem Tag im Jahr, einem Organ im Körper beschrieben. Jeder Buchstabe hat so eine Definition von fünf oder sechs Bereichen parallel.

Wann haben Sie Ihre Ideen für Kunstwerke?
Es gibt zwei Antworten: eine ernste und eine weniger ernste. Lassen Sie mich mit der weniger ernsten beginnen. Beim Zähneputzen am Morgen vor dem Spiegel. Wenn ich darüber nachdenke, warum gerade zu diesem Zeitpunkt, dann denke ich, dass es mit der Zeit zwischen Nacht und Tag zu tun hat. Beim Zähneputzen ist die Nacht noch ein wenig präsent. Die Zeit der Morgendämmerung ist gut für Ideen. Die Ideen kommen wie Wolken. Die ernstere Antwort ist vielleicht die einer Reise. Eine zieht die andere nach sich. Und wenn man etwas tiefer gehen will, kann man die Zeichnungen, die in Berlin zu sehen sind, auch in Beziehung zueinander setzen. Das Bild mit dem Buchstaben A zum Beispiel. Dieser Buchstabe beschäftigt mich schon mehrere Jahre.

Warum?
Weil ich auf mein bislang größtes Projekt mit dem hebräischen Alphabet und dessen 22 Buchstaben hin arbeite. Das Konzept dahinter ist der Klang der Buchstaben. Und so ist ja auch das Alphabet vor 3500 Jahren im Sinai entstanden. Dort entsprach der Klang des A dem Bild des Ochsen. Denn er war damals das wichtigste Tier. Aluf auf Arabisch. Außerdem ist der Buchstabe A in vielen Alphabeten vom Klang her ähnlich.

Sehen Sie sich eigentlich selbst als politischen Künstler?
Nicht so sehr. Aber vielleicht kann man das auch nicht so sehr voneinander trennen. Der Unterschied ist, dass der Politiker daran arbeitet, die Realität zu ändern. Ich habe nicht das Bedürfnis, sie zu ändern. In meinem Fall ist es vielleicht eher vergleichbar mit der Arbeit in einem Labor. Ich beschäftige mich mit den Materialien, mit verschiedenen Verbindungen, versuche, von dem Material zu lernen. Und dafür muss ich – anders als ein Politiker – eine gewisse Distanz zur Realität haben.

Was wünschen Sie Israel zum 70. Geburtstag?
Da müssen wir zurück zu Sadat, denn ich denke, man kann von ihm etwas lernen. Ich denke, das, was mir fehlt, ist das Reden. Nicht zu reden, birgt riesige Probleme in sich, eine große Unsicherheit. Die Spannungen im Nahen Osten sind noch nicht gelöst. Mir fehlt das Reden, was Sadat so wunderbar gemacht hat. Er sprach von Moses: Auch Moses war 40 Jahre in der Wüste, auch, so verstehe ich das, um das Reden zu lernen. Wir sind 70 und wir haben noch nicht gelernt zu reden.

Mit dem israelischen Künstler sprach Katrin Richter.

Die Installation »Sandkorn« ist noch bis zum 22. April in der Akademie der Künste, Pariser Platz 4, von 10 bis 22 Uhr zu sehen.

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