Rezension

Mischung aus Angst, alptraumhaften Erinnerungen und Langeweile

Ab November 1945 wurde mit den Nürnberger Prozessen das Prinzip der individuellen Schuld etabliert. Foto: picture-alliance / akg-images

Wäre diese Geschichte erfunden, hätte die Fantasie übertrieben. Aber sie ist wahr. Ein 22-jähriger Jude aus Mannheim, Ernst Michel, überlebt Auschwitz und Buchenwald, hat seine Familie in der Schoa verloren – und sitzt im November 1945, vor 80 Jahren, als Reporter im Gerichtssaal 600, um zu erleben, wie die Täter während der Nürnberger Prozesse alle Schuld von sich weisen. Internationale Zeitungen drucken die Texte des jüngsten Prozessreporters. 

Weil Michel sich um Objektivität und neutrale Beschreibungen bemüht, möchte der Architekt der Judenverfolgung, Hermann Göring, den jungen Mann kennenlernen. Nimmt Michel die Einladung in Görings Zelle an?
Eine zweite Protagonistin, Seweryna Szmaglewska, hat als polnische Widerstandskämpferin ebenfalls Auschwitz durchlitten und soll als Zeugin aussagen, in wenigen Minuten zusammenfassen, was das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte
war. Wird ihr das gelingen? 

Glaubwürdige Produktion

In diesem Dokudrama, Regie Carsten Gutschmidt, sind die Erinnerungen der Zeitzeugen und ihrer Kinder verwoben mit erstaunlich gelungenen Spielfilmszenen. Selbst die Erinnerungen an Auschwitz – KZ-Szenen sind immer besonders heikel – passen hier, weil sie die Grausamkeiten nur andeuten. Michel muss junge, gesunde Frauen in die Operationssäle von Josef Mengele führen und ihre Leichen anschließend abtransportieren. 

Die Glaubwürdigkeit der Produktion ist zum einen den Zeitzeugen geschuldet, dem inzwischen verstorbene Ernst Michel: »Ich habe überlebt. Als Jude. Ich war ein Flüchtigkeitsfehler im System« – und seiner Tochter Lauren Shachar sowie dem Sohn der ebenfalls verstorbenen Seweryna Szmaglewska, Jacek Wisniewski. Zum anderen gelingt das Dokudrama dank der hervorragenden Schauspieler. Jonathan Berlin und Katharina Stark spielen Michel und Szmaglewska, sehr intensiv und doch zurückhaltend.

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Und Göring? Lässt sich dieser feist grinsende Machtmensch überhaupt darstellen? Francis Fulton-Smith gelingt dies erstaunlich gut, schwer genug, denn Göring ist auch in den Originalsequenzen aus Nürnberg zu sehen, arrogant, gelangweilt und vollkommen unkooperativ. Wotan
Wilke Möhring spielt seinen angepassten Advokaten: »Die Rechtsstaatlichkeit gilt für alle!«

Licht und Kameraführung unterstützen die Ängste, die alptraumhaften Erinnerungen und die Langeweile, die auch aufkam in Nürnberg, wenn die Juristen beider Seiten sich verloren in Paragraphen und Anträgen

»Nürnberg 45 -im Angesicht des
Bösen« eröffnet neue Perspektiven, erzählt eine weitgehend unbekannte Geschichte und ist unbedingt sehenswert.

Sonntag, 9. November, 21.45 Uhr DasErste

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