Roosje Glaser

»Mich kriegen sie nicht klein«

Roosje Glaser, niederländische Jüdin, überlebte Auschwitz. Jahrzehnte später stieß ihr Neffe auf ihre Spur – und schrieb über sie. Foto: PR

Roosje Glaser

»Mich kriegen sie nicht klein«

»Die Tänzerin von Auschwitz« war 2015 ein Bestseller. Nun ist der Niederländerin erstmals eine Ausstellung gewidmet

von Martina Schwager  22.05.2019 10:54 Uhr

Die Jüdin Roosje Glaser überlebte den Holocaust. Sie war in Auschwitz den medizinischen Experimenten von Josef Mengele ausgesetzt. In Birkenau musste sie Leichen aus den Gaskammern schleppen. Sie war mutig – und tanzte für ihr Leben gern. »Mich kriegen sie nicht klein«, hatte sie sich bei der Ankunft in Auschwitz im September 1943 geschworen.

Das Leben von Roosje Glaser (1914–2000) steht im Mittelpunkt der Wanderausstellung Die Tänzerin von Auschwitz, die vom 23. Mai an erstmals in Deutschland zu sehen ist. Sie wird bis zum 25. August in der evangelischen Katharinenkirche in Osnabrück gezeigt. Danach soll sie durch weitere Städte touren.

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koffer Kurator der Schau und Autor des gleichnamigen Buches ist Paul Glaser, der Neffe von Roosje Glaser. Während eines Besuchs im Vernichtungslager Auschwitz entdeckte der heute 72-Jährige einen Koffer, der mit seinem Familiennamen beschriftet war. Er entschloss sich, das lange gehütete Familiengeheimnis seiner jüdischen Herkunft öffentlich zu machen und die Lebensgeschichte seiner Tante für die Nachwelt aufzuschreiben – die Geschichte »einer emanzipierten, immer optimistischen und unbeugsamen Frau«, sagt Glaser heute.

Seine Tante Roosje war als Niederländerin in Kleve am Niederrhein aufgewachsen. Ihr Vater arbeitete dort. Später wohnte die Familie in s‘-Hertogenbosch in den Niederlanden. Dort gründete sie mit ihrem Mann Leo Crielaars eine Tanzschule, die sie, zuletzt alleine, bis in die frühen 40er-Jahre erfolgreich führte. Ihr Mann verriet sie schließlich, und Roosje wurde über die Lager Westerbork und Vught (Herzogenbusch) nach Auschwitz deportiert.

Ihr Mann verriet sie schließlich, und Roosje wurde über die Lager Westerbork und Vught (Herzogenbusch) nach Auschwitz deportiert.

Roosjes Bruder, der Vater von Paul Glaser, hatte seine jüdische Herkunft immer verdrängt und verschwiegen. Glaser kam erst 1987 dahinter. Als er ein Kind war, hatte er seine Tante einige Mal getroffen. »Sie war immer die fröhlichste Tante, die ich hatte, eine Frau voller Entschlossenheit, Tatendrang und Energie«, sagt Glaser. Von Kummer und Schmerz keine Spur. Seit damals hatte er sie allerdings aus den Augen verloren.

recherchen Nach langen Recherchen spürte der Neffe seine Tante Roosje dann Ende der 90er-Jahre in ihrer neuen Heimat in Stockholm auf. »Sie wirkte jung und kräftig, erzählte offen und ohne Groll von ihren Erlebnissen in den Lagern.« Im Wohnzimmer hing an der Wand zwischen zwei Gemälden ein Stück Stacheldraht, erzählt Glaser. Auf die Frage, was das sei, habe sie wie nebenbei geantwortet: »Ach – ein Souvenir aus Auschwitz.«

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Roosje nutzte ihre Begabung und tanzte auch in den Lagern – für die Mithäftlinge und für SS-Wachleute. Sie suchte sich Beschützer, schrieb Tagebuch, Briefe, Liebeslieder und Gedichte: »Ich träumte von der Liebe. Die Liebe würde mir keiner nehmen können, und meine Sehnsucht danach wärmte mich an diesem lieblosen Ort.«

Roosje nutzte ihre Begabung und tanzte auch in den Lagern – für die Mithäftlinge und für SS-Wachleute.

Direkt nach dem Krieg ging sie nach Schweden, heiratete. Doch sie kam schon bald zurück, besuchte ihre Freunde in Deutschland und den Niederlanden. Sie hat Alben und Filme, die sie vergraben hatte, wieder ausgegraben. Und sie suchte alle Gefängnisse und Lager auf, in denen sie gewesen war. »Überall machte ich Fotos und als ich wieder in Schweden war, nutzte ich die langen Winterabende, um die Abzüge in Alben zu kleben. So erhielt alles seinen Platz, und meinem seelischen Gleichgewicht kam diese Aufarbeitung zugute.«

nachlass Nach Roosjes Tod fand Glaser in ihrem Nachlass die Tagebücher, Briefe, Fotos und sogar Filme. Aber erst nach der Entdeckung des Koffers in Auschwitz begann er, ihre Geschichte niederzuschreiben. Später entwarf er eine Ausstellung in niederländischer Sprache. Weil beides erfolgreich war, ließ er zunächst das Buch ins Deutsche übersetzen.

Seit dem vergangenen Jahr konzipierte er die Ausstellung für das deutsche Publikum. Sie zeigt Texte, Fotografien und Filmaufnahmen: »Sie spiegelt die ganz persönliche, individuelle Geschichte meiner Tante. Darin kommt Roosje uns ganz nah.«

»Die Tänzerin von Auschwitz«, 23. Mai bis 25. August, Sankt Katharinen, An der Katharinenkirche 8, 49074 Osnabrück.

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