Kino

Mein Onkel Rudi und die »Sühne-WG«

Die »Sühne-WG«: Carsten (Max Mauff), Maja (Lore Richter) und Hanna (Karoline Schuch) Foto: 2Pilots Filmproduction GmbH

Das Leben unter WG-Bedingungen ist nicht immer einfach – schon gar nicht, wenn es sich um eine »Sühne-WG« handelt. So nannten wir in meiner Jerusalemer Studentenzeit das alte Haus im Stadtteil Ein Karem, wo die Freiwilligen von »Aktion Sühnezeichen« untergebracht waren. Zweimal war ich dort zu Besuch. Zwar scheint mir, dass die Küche nicht ganz so versifft war und die Waschmaschine nicht ständig überlief wie in Hannas Reise, der großartigen Komödie um eine junge BWL-Karrieristin, die sich vom »Sühne«-Einsatz Karrierevorteile verspricht, bis sie von der NS-Vergangenheit ihrer Familie eingeholt wird.

Doch die Charaktere fand ich keineswegs überzeichnet: weder den schuldgebeugten Brillenträger Carsten noch die Polit-Aktivistin Maja, die als persönliche Lektion aus der deutschen Geschichte Steine auf israelische Soldaten in Hebron wirft, um sich »moralisch nicht erpressen zu lassen«. Regisseurin Julia von Heinz hat deutsch-jüdische Neurosen, an denen sich schon viele Freiwillige von »Aktion Sühnezeichen« abgearbeitet haben, perfekt inszeniert.

party Ich erinnere mich noch bestens an eine Geburtstagsparty Mitte der 90er-Jahre in meiner WG in Rechavia, zu der ich einen sympathischen Bewohner der »Sühne-WG« eingeladen hatte. Leider war den ganzen Abend nicht viel von ihm zu sehen – der komplexbeladene junge Mann zog es vor, sich mit einem Buch auf den Balkon zurückzuziehen, weil er davon überzeugt war, als Nichtjude sowieso nicht angesagt zu sein.

Und ich erinnere mich auch gut an die österreichischen Freiwilligen, die ich in Yad Vashem kennengelernt hatte – sie büßten dort für die Sünden ihrer nichtjüdischen Großeltern, während ich aufgrund meiner Deutschkenntnisse einen gut bezahlten Studentenjob im Archiv ergattert hatte. (Dass mich die Flucht meiner jüdischen Großeltern aus Berlin nach Palästina, aber auch meine nichtjüdischen Großeltern indirekt an diesen Arbeitsplatz geführt hatten, wurde mir erst später klar.)

Wenn die Österreicher Material brauchten, baten sie jedenfalls mich, die Akten auf meinen Namen zu bestellen, weil der zuständige Historiker – ein frustrierter Neueinwanderer aus Russland – für Österreicher keinen Handschlag tun wollte. Sie werden Gründe gehabt haben, sich das gefallen zu lassen.

Zurück zu Hannas Reise: Der Film ist witzig, frisch und respektlos, ein Muss für jeden, der Israel als Student, als Freiwilliger oder auch »nur« als Tourist erlebt hat. Natürlich kann die Liebesgeschichte zwischen Hanna und dem gut aussehenden Israeli Itay nicht gut enden: Während die BWL-Studentin nach ihrem Einsatz im Behindertenheim merkt, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte erst begonnen hat, ist Itay längst nach Berlin geflogen, um dem Nahen Osten und seiner anstrengenden Mischpoche zu entgehen – einer Familie mit Berliner Wurzeln, die den Sohn auf keinen Fall an Deutschland verlieren will. »Ich sehe, es bleibt kompliziert«, sagt er, als Hanna ihn aus Tel Aviv auf dem Handy anruft – nicht ahnend, dass er längst durch die Szeneviertel Berlins schlendert.

jeckes Hannas Reise ist aber auch ein Besuch in der Welt der »Jeckes«: deutschsprachige Juden in Israel, die geduldig Generationen von »Sühne«-Freiwilligen zu Kaffee, Kuchen und Seelenmassage empfangen haben. Nicht zu vergessen mein 99 Jahre alter Onkel Rudi Barta: In unschlagbarem Berlinerisch spielt und singt er am Klavier des Altersheims in Hannas Reise die Rolle des Erwin – und vererbt der »Sühne-WG« schließlich seine Waschmaschine. Möge er leben bis 120!

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