EILMELDUNG! Medienbericht: Iran soll Ermordung von Josef Schuster und Volker Beck geplant haben

Kino

Mein Onkel Rudi und die »Sühne-WG«

Die »Sühne-WG«: Carsten (Max Mauff), Maja (Lore Richter) und Hanna (Karoline Schuch) Foto: 2Pilots Filmproduction GmbH

Das Leben unter WG-Bedingungen ist nicht immer einfach – schon gar nicht, wenn es sich um eine »Sühne-WG« handelt. So nannten wir in meiner Jerusalemer Studentenzeit das alte Haus im Stadtteil Ein Karem, wo die Freiwilligen von »Aktion Sühnezeichen« untergebracht waren. Zweimal war ich dort zu Besuch. Zwar scheint mir, dass die Küche nicht ganz so versifft war und die Waschmaschine nicht ständig überlief wie in Hannas Reise, der großartigen Komödie um eine junge BWL-Karrieristin, die sich vom »Sühne«-Einsatz Karrierevorteile verspricht, bis sie von der NS-Vergangenheit ihrer Familie eingeholt wird.

Doch die Charaktere fand ich keineswegs überzeichnet: weder den schuldgebeugten Brillenträger Carsten noch die Polit-Aktivistin Maja, die als persönliche Lektion aus der deutschen Geschichte Steine auf israelische Soldaten in Hebron wirft, um sich »moralisch nicht erpressen zu lassen«. Regisseurin Julia von Heinz hat deutsch-jüdische Neurosen, an denen sich schon viele Freiwillige von »Aktion Sühnezeichen« abgearbeitet haben, perfekt inszeniert.

party Ich erinnere mich noch bestens an eine Geburtstagsparty Mitte der 90er-Jahre in meiner WG in Rechavia, zu der ich einen sympathischen Bewohner der »Sühne-WG« eingeladen hatte. Leider war den ganzen Abend nicht viel von ihm zu sehen – der komplexbeladene junge Mann zog es vor, sich mit einem Buch auf den Balkon zurückzuziehen, weil er davon überzeugt war, als Nichtjude sowieso nicht angesagt zu sein.

Und ich erinnere mich auch gut an die österreichischen Freiwilligen, die ich in Yad Vashem kennengelernt hatte – sie büßten dort für die Sünden ihrer nichtjüdischen Großeltern, während ich aufgrund meiner Deutschkenntnisse einen gut bezahlten Studentenjob im Archiv ergattert hatte. (Dass mich die Flucht meiner jüdischen Großeltern aus Berlin nach Palästina, aber auch meine nichtjüdischen Großeltern indirekt an diesen Arbeitsplatz geführt hatten, wurde mir erst später klar.)

Wenn die Österreicher Material brauchten, baten sie jedenfalls mich, die Akten auf meinen Namen zu bestellen, weil der zuständige Historiker – ein frustrierter Neueinwanderer aus Russland – für Österreicher keinen Handschlag tun wollte. Sie werden Gründe gehabt haben, sich das gefallen zu lassen.

Zurück zu Hannas Reise: Der Film ist witzig, frisch und respektlos, ein Muss für jeden, der Israel als Student, als Freiwilliger oder auch »nur« als Tourist erlebt hat. Natürlich kann die Liebesgeschichte zwischen Hanna und dem gut aussehenden Israeli Itay nicht gut enden: Während die BWL-Studentin nach ihrem Einsatz im Behindertenheim merkt, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte erst begonnen hat, ist Itay längst nach Berlin geflogen, um dem Nahen Osten und seiner anstrengenden Mischpoche zu entgehen – einer Familie mit Berliner Wurzeln, die den Sohn auf keinen Fall an Deutschland verlieren will. »Ich sehe, es bleibt kompliziert«, sagt er, als Hanna ihn aus Tel Aviv auf dem Handy anruft – nicht ahnend, dass er längst durch die Szeneviertel Berlins schlendert.

jeckes Hannas Reise ist aber auch ein Besuch in der Welt der »Jeckes«: deutschsprachige Juden in Israel, die geduldig Generationen von »Sühne«-Freiwilligen zu Kaffee, Kuchen und Seelenmassage empfangen haben. Nicht zu vergessen mein 99 Jahre alter Onkel Rudi Barta: In unschlagbarem Berlinerisch spielt und singt er am Klavier des Altersheims in Hannas Reise die Rolle des Erwin – und vererbt der »Sühne-WG« schließlich seine Waschmaschine. Möge er leben bis 120!

Würdigung

»Wo andere laut schweigen, lässt sie sich nicht unterkriegen«

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland würdigt in seiner Laudatio auf die Jüdische Allgemeine die Verdienste der Redaktion - und ihren Mut

von Abraham Lehrer  21.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Cannes

Hüller als Erika Mann, Eidinger als Gestapo-Chef

Das Programm der Filmfestspiele ist vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Ein Beitrag außerhalb des Wettbewerbs sorgte für Überraschungen

von Patrick Heidmann  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Aufgegabelt

Schawuot: Käse-Bourekas

Rezepte und Leckeres

 21.05.2026

Berlin

Daniel-Ryan Spaulding: Pro-israelischer Comedian aus Kanada in Deutschland

»Wenn wir Freiheit, Demokratie und säkulare Werte verteidigen wollen, dann sollten wir alle an der Seite Israels stehen«, sagt der Künstler, der auch zum Aktivisten wurde

von Imanuel Marcus  21.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  21.05.2026

Leipzig

Ausstellung zu jüdischem Leben und Bach

Johann Sebastian Bach hat sehr wahrscheinlich keine persönlichen Kontakte zu Jüdinnen und Juden gepflegt. Doch seine Werke wurden schon im 18. Jahrhundert von der jüdischen Community aufgeführt und verbreitet

von Katharina Rögner  20.05.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 21. Mai bis zum 3. Juni

 20.05.2026