»Russian Doll«

Matrjoschka auf Zeitreise

Das Haar brennt feuerrot, die Wortspiele haben Squash-Geschwindigkeit, die Fallhöhe ist schwindelerregend: Natasha Lyonne als Nadia in »Russian Doll« Foto: 2022 Netflix, Inc.

Man könnte sie für einen grantigen alten Mann halten, eine Mischung aus Larry David und Mel Brooks, hätte sie nicht dieses Puppengesicht, diese wilden roten Locken und hin und wieder sogar eine gewisse Verletzlichkeit.

Die Rede ist von Nadia oder auch von Natasha Lyonne, die Grenzen scheinen zuweilen fließend zwischen Serienheldin und deren Erfinderin und Darstellerin. Aber dazu gleich mehr. Willkommen zur zweiten Staffel von Russian Doll, neu bei Netflix und eine emotionale wie surreale, sehr jüdische Geisterbahnfahrt durch Selbstverständnis, Familiengeschichte und Philosophie. Und ja, es geht wieder ziemlich ruppig zu.

überraschung War die erste Staffel 2019 noch eine freudige Überraschung, als diese düster-lakonische, a bissele jüdische Version von Und täglich grüßt das Murmeltier über eine permanent ablebende und im ewig gleichen Moment wiedererwachende Frau den Zeitgeist traf, ist Staffel zwei eine Punktlandung im Genialen.

Noch nie wurde das Thema »vererbtes Trauma« so Mainstream-tauglich präsentiert.

Diesmal reist Nadia in die Vergangenheit. In einem psychedelischen Mix aus Back to the Future und Quantum Leap geht es um die Gesetze der Zeitreise als Mittel der Selbstbefragung, und dieses Mal ist jede Figur so sehr die Essenz ihrer selbst, dass die Geschichte genau so und nicht anders sein muss, bis sie elegant in einer Ellipse endet. Das Haar brennt feuerrot, die Wortspiele haben Squash-Geschwindigkeit, die Fallhöhe ist schwindelerregend.

EPIGENETIK Russian Doll 2 ist ein Fest der alten Seelen, quillt über mit Referenzen auf Popkultur und Philosophie und raunt und schreit gleichzeitig Bedeutung, ohne jemals die coole Fassung zu verlieren. Weil »alte Seelen« aber nicht so richtig nach 2022 klingt, nennt Lyonne das innere Kind beim Namen: Epigenetik.

Was tragen wir in uns aus dem Leben unserer Vorfahren? Und da es sich sowohl bei Nadias als auch Lyonnes Familie um Aschkenasim aus Ungarn handelt, deren Überlebende es nach der Schoa in die USA geschafft haben, ist die Antwort auf die Frage: das vererbte Trauma. Wohl noch nie wurde dieses Thema so gegenwärtig, forsch und Mainstream-tauglich präsentiert.

In einer Tour de Force durch ihre Familiengeschichte lässt Lyonne Nadia nach dem Anfang des Leids suchen, das sie im eigenen Leben ausmacht. Aber bekanntlich lacht Gott ja, wenn wir Pläne machen. Das gilt wohl auch für Familienaufstellungen.

Natasha Lyonne, eigentlich Braunstein, ist wie ihr Alter Ego durch und durch New Yorkerin, verbrachte eine heftige Kindheit zwischen Eltern, die sich von der Orthodoxie ihrer eigenen Elternhäuser mittels Chaos und Drogen distanzierten, und lebte eineinhalb Jahre in Israel, bevor sie als Teenager mit Hollywood-Komödien wie Hauptsache Beverly Hills und American Pie berühmt wurde.

DROGEN Mit Anfang 20 war sie selbst drogenabhängig und drehte frei in der Abwärtsspirale. Doch Jahre später kämpfte sie sich zurück. Seit 2013 ist sie wieder voll da, als ihr mit der Rolle der Nicky Nichols in Orange Is the New Black das professionelle Comeback gelang.

Schließlich war es ihre Freundin, Entertainment-Tausendsassa Amy Poehler, die Lyonne antrieb, endlich eine eigene Serie zu schreiben, was diese auch tat. Mit einem Team ausschließlich weiblicher Autoren und mit der Freiheit von jemandem, der schon alles gesehen hat. Wäre ihr Leben ein ruhiges gewesen, wäre das wohl nicht möglich gewesen, sagte Lyonne einmal voller Lakonie dem »Hollywood Reporter«.

Gott lacht, wenn wir Pläne machen. Das gilt wohl auch für Familienaufstellungen.

So leben also beide, Natasha wie Nadia – Autorin, Regisseurin und Darstellerin wie Serienheldin – in einem Gebäude, das einst eine Synagoge war, haben beide, real und fiktiv, eine traumatisierte ungarische Großmutter und eine psychotische Mutter, und, glaubt man dem aktuellen Porträt im »New Yorker«, sind sich auch sonst ziemlich ähnlich.

Unsentimental und unverblümt sagt Lyonne, dass es in Teil eins von Russian Doll darum gegangen sei, nicht zu sterben, zu verstehen, was es mit diesem Hang zur Selbstzerstörung eigentlich auf sich habe. Staffel zwei frage nun, wie man leben soll. Näher dran geht nicht. Und man hofft sehr, dass auch Lyonne eine gute Antwort für sich gefunden hat.

LESELISTE Ihren Mitschreiberinnen hat Lyonne zur Vorbereitung übrigens eine beachtliche Leseliste vorgelegt, unter anderem mit Viktor Frankls … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager und John von Neumanns Mathematische Grundlagen der Quantenmechanik. Nein, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema »vererbtes Trauma« scheint erst einmal kein Binge-Watching-Material, aber der Erfolg hat Lyonne recht gegeben: »Man bekommt nicht oft die Chance zu sagen, was man sagen will, also sollte man es tun, solange die Leute einen lassen«, so Lyonne im »New Yorker«.

Und so hat sie ihre Wahrheit perfekt verpackt in einer russischen Puppe, einer besonders wild kolorierten Matrjoschka, und Sie sollten es sich wirklich nicht entgehen lassen, diese bis zur kleinsten Figur auseinanderzunehmen.

Russian Doll 1 und 2 sind jetzt auf Netflix zu sehen.

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