Soziologie

Markt für Emotionen

Das Buch lädt zur Diskussion ein. Foto: PR

Soziologie

Markt für Emotionen

Natan Sznaider zeigt, wie Demokratie und Kapitalismus eine »Politik des Mitgefühls« hervorbringen

von Katrin Diehl  13.06.2021 10:21 Uhr

Die Thesen und Argumentationsketten sind so attraktiv wie bestechend. Haben etwas Positives. Machen mit Blick auf die Zukunft Hoffnung und setzen im Gegensatz zur allgegenwärtigen Kapitalismuskritik auf Kontinuität. Wir können uns kurz zurücklehnen, durchatmen und dann weitermachen.

Ein kapitalistisches System, angekoppelt an demokratische Prozesse, weiß also auch Emotionalität zu vermarkten, produziert Mitgefühl als stehende wie wachsende Größe, was der Formel »Nie wieder« zu Glaubwürdigkeit verhilft.

Arenen Und natürlich hat Natan Sznaider recht. Wir sind über die Jahrhunderte hinweg auf eine Art mitfühlender geworden. Wir treffen uns nicht mehr mit Kind und Kegel zu blutigen Kämpfen in den Arenen, ebenso wenig wie zur nächsten Hinrichtung auf dem Marktplatz, haben sogar etwas gegen Stier- oder Hahnenkämpfe. Und wir empören und erregen uns, wenn uns Bilder erreichen, auf denen es um die Dokumentation brutaler Gewalt auch am anderen Ende der Welt geht.

Ein Foto von der Leiche eines kleinen Jungen, den Wellen an den Strand geworfen haben, trifft uns mitten ins Herz, öffnet die Augen für die Dringlichkeit, sich mit Menschen, die aus ihrem Land flüchten, zu beschäftigen und sich ihrer anzunehmen. Und diese Berührung hat (manchmal) Folgen, kann etwas bewirken. Die Worte George Perry Floyds »I can’t breathe«, das Knie in dessen Nacken, sind zu einem Auftrag geworden.

Der 1954 in Deutschland geborene Natan Sznaider, der in den 70er-Jahren nach Israel gegangen ist, ist Soziologe, Autor, Kommentator (auch dieser Zeitung), ist mit seinen so klaren wie interessanten Ansichten ein wunderbarer Interviewpartner. Heute lehrt er am Academic College of Tel Aviv. Mit dem Thema Mitgefühl innerhalb des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Gefüges beschäftigt er sich schon lange.

Promotion An der New Yorker Columbia-Universität hatte er in den 90er-Jahren über die »Sozialgeschichte von Mitleid« promoviert, 2000 lautete ein Buchtitel von ihm Über das Mitleid im Kapitalismus. Und nun also der Essay Politik des Mitgefühls. Die Vermarktung der Gefühle in der Demokratie. In ihm unterscheidet Sznaider zwischen (subjektivem) Mitleid und (öffentlichem) Mitgefühl; hier gehe es ihm »um Mitgefühl und nicht um Mitleid«, welches sich sehr eng zum kapitalistischen System führen lasse.

Denn: Zur Moderne wie zum kapitalistischen Wirtschaftssystem gehöre immanent die »Entfremdung«, die wiederum, nach Sznaider, Mitgefühl generiere. »Die Revolution der Gefühle entstand im anglosächsischen Raum … Diese Revolution in der Gefühlswelt moderner Menschen ist der kapitalistischen Ordnung geschuldet …«

Auf die Fähigkeit, mit dem anderen mitfühlen zu können, hat das kapitalistische System also sowohl durch seine herbeigeführten Verhältnisse Einfluss – Stichwort Globalisierung, Öffnung zu fremden Welten … – als auch durch seine adaptierbaren, kybernetischen Prozesse, sodass sich am Ende von einer mehrheitlich getragenen Gefühlslage sprechen lässt, die Chancen hat, sich durchzusetzen. (Da setzt Sznai­der, ähnlich wie Martha C. Nussbaum, sehr auf die Mittelschicht.)

Sznai­der sieht sich nicht als Entdecker dieser Kapitalismusanalyse, er schreibt sie fort und erweist der Tradition der »Denker des anglosächsischen Liberalismus« seine Reverenz, die er im Vergleich zu kritischen Köpfen wie Hannah Arendt, Michel Foucault oder Theodor W. Adorno (sie wirken in seinem Buch ein wenig wie ständig missgelaunte Spielverderber) im Diskurs als bisher etwas vernachlässigt ansieht.

Mitgefühl Und welche Worte findet Sznaider in seiner kleinen Erfolgsgeschichte des Mitgefühls in der Moderne für die Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts, für die Schoa, für die Jahre, in denen jedwedes Mitgefühl abhandengekommen zu sein scheint, in denen von einem vormals halbwegs zivilisierten, kapitalistisch organisierten Deutschland Juden systematisch ermordet wurden? Sznaider sieht in der Schoa einen Bruch im Sinne einer Unterbrechung, eine »Ausnahme von der Moderne«, einen Rückfall in die Vormoderne. »Es ging um die Ausmerzung der Moderne in Verkörperung der Juden«, schreibt er. Kontinuitäten, die in die Jahre nach 1933 geführt haben, stehen außerhalb seiner Betrachtungen, ebenso wie Kontinuitäten nach 1945.

»Wir müssen imstande sein, mitzufühlen, wenn wir verlangen, dass etwas nie wieder geschehen soll. … Das Nie wieder braucht eine Konzeptualisierung und Definition des Wieder«, schreibt er als Warnung an die Moderne (und dazu könnte man dann doch wieder Herbert Marcuse lesen und zum Verdacht, dass es sich bei aller Gewaltdistanz auch um Sublimierung oder bloßes Unter-Verschluss-Halten handeln könnte, dann auch noch Michel Foucault). Der Ausdruck der »Ausnahme« suggeriert eine fast natürliche Rückkehr zur »Regel«.

Auch wenn er, wie hier bei Sznaider, der Beschreibung unter einem ganz speziellen Aspekt dient. In einem ersten Verständnis könnte sich dabei eine Art »Gelegenheit« auftun, beim Blick auf die nahe Vergangenheit der Sehnsucht nach erwünschter, durchgängiger Kontinuität nachzukommen, die dem wichtigen Bewusstsein für den »dünnen Firnis der Zivilisation« sehr entgegensteht.

Natan Sznaiders Buch lädt, auch wegen seines unaufgeregten, fast mündlichen Stils, zur Diskussion ein. In manche These möchte man unbedingt tiefer einsteigen. Und manche Sätze möchte man öffentlich bejubeln. Katrin Diehl

Natan Sznaider: »Politik des Mitgefühls. Die Vermarktung der Gefühle in der Demokratie«. Beltz, Weinheim 2021, 196 S., 16,95 €

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Mel Brooks

Entertainer mit Panikattacken

Eine HBO-Doku beleuchtet auch weniger bekannte Seiten des legendären Regisseurs und Komikers

von Ralf Balke  23.04.2026

Gastbeitrag

Anne Frank mit Kufiya: Ein Fall für die Justiz

Der grassierende israelbezogene Antisemitismus stellt die deutsche Justiz vor große Herausforderungen. Das zeigt sich besonders am Umgang mit dem Bild »Anne«, das die Schoa instrumentalisiert

von Susanne Krause-Hinrichs  23.04.2026

Runder Geburtstag

Star-Dirigent mit Herz und Verstand: Zubin Mehta wird 90

Ihm wird eine besonders gute Menschenkenntnis nachgesagt, Kolleginnen und Kollegen betonen seine Herzlichkeit und Zugewandtheit. Auch im hohen Alter tritt er noch auf

von Katharina Rögner  23.04.2026

Meinung

Die Eurovision gehört der Musik

Abermals wird der Ausschluss Israels von dem Musikwettbewerb gefordert. Doch das liefe auf eine Untergrabung des Formats hinaus, das so zum politischen Instrument verkommen würde

von Nicole Dreyfus  22.04.2026

Programm

Chassidischer Workshop, uralter Blockbuster und eine vergessene Heldin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. April bis zum 30. April

 22.04.2026

Zahl der Woche

2010

Funfacts & Wissenswertes

 21.04.2026

Theater

Eine Party der perfidesten Art

Simone Blattner inszeniert in Weimar den subversiv-doppelbödigen Text »Rechnitz (Der Würgeengel)« von Elfriede Jelinek

von Joachim Lange  21.04.2026