Leonard Bernstein

Maestro und Lehrer

»Er fühlte stärker, er hatte ein heißeres Herz als wir anderen«: Bernstein 1986 in seinem Rückzugsort in Fairfield, Connecticut Foto: Getty Images

Jeder Erbsenzähler schreibt sich heute gerne den berühmten Aphorismus von Gustav Mahler auf die Fahnen, wonach Tradition in der Weitergabe des Feuers, nicht aber in der Anbetung der Asche bestehe. Doch keiner hat damit wohl je so lustvoll ernst gemacht wie der musikalische Universalist und Weltbeglücker Leonard Bernstein. Sein Feuer brannte so leidenschaftlich, dass die genialischen Funken in alle Ecken des wohlsortierten Musikbetriebs flogen. Kein anderer Musiker hat sein Talent in einer ähnlichen Bandbreite verschwendet.

Bernstein entflammte das Publikum am Broadway ebenso wie jenes der Carnegie Hall, er begeisterte die Menschen mit populären Fernsehauftritten und mit Vorlesungen an der Harvard University; er wirkte als Pianist, als Dirigent, als Komponist von Symphonien wie von Musicals, als Musikvermittler und Pädagoge, und nicht zuletzt als brillanter Autor. Zu seinen Bewunderern zählten so unterschiedliche Gemüter wie Michael Jackson und Helmut Schmidt.

Broadway Als Komponist der West Side Story eroberte Bernstein 1957 zunächst den Broadway, dann die Musicalbühnen der ganzen Welt. Wie selbstverständlich komponierte er daneben auch Symphonien, Kammermusik und Liederzyklen. Die Unterscheidung in U- und E-Musik hielt er für unsinnig, weil es »nur gute und schlechte Musik« gebe.

Geboren 1918 in Lawrence, Massachusetts, als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, musste Bernstein seinen Berufswunsch gegen den heftigen Widerstand des Vaters durchsetzen. Vater Samuel Bernstein war ein Vertreter für Kosmetikartikel, der ein Leben zwischen glühender Religiosität und überlebensnotwendigem Geschäftssinn führte, und der sich keinerlei Sinn für die Extravaganzen seines hypersensiblen Sohnes leisten konnte. Das musikalische Talent des Jungen wird erst entdeckt, als eine Tante ihr Klavier bei den Bernsteins unterstellt. Da ist Leonard – dem bislang nur die ergreifende Musik der Synagoge Tränen in die Augen getrieben hatte und der deshalb Rabbiner werden wollte – bereits zehn Jahre alt.

Dennoch stehen ihm bald die besten Ausbildungsinstitute offen: die Harvard University, das Curtis Institute of Music und das Berkshire Music Center. Von Fritz Reiner erhält er seine interpretatorischen Maßstäbe, während der Sommerferien studiert er bei Serge Koussevitzky in Tanglewood. Im Jahr 1943 wird er Assistant Conductor des New York Philharmonic Orchestra und erhält kurz darauf die Chance zum Durchbruch als Einspringer für Bruno Walter. 14 Jahre später übernimmt er dort selbst die Chefposition, wo er zugleich als Direktor der Konzerte der jungen Mitglieder dieses Orchesters Furore macht.

Die von Bernstein fürs Fernsehen moderierten und geleiteten »Young People’s Concerts« werden in 29 Ländern ausgestrahlt und sind bis heute legendär.

Als brillantem Musikvermittler gelang es Bernstein, Musik für Laien erfahrbar zu machen, ohne sie zu banalisieren. Bernstein hat mit diesen Pioniertaten in einem Bereich, der heute als »Education«-Zweig der Konzert- und Opernhäuser institutio-
nalisiert ist, Maßstäbe gesetzt. Beflügelt hat ihn dabei nicht nur sein Enthusiasmus für die unerschöpflichen Reichtümer der Musik, sondern auch der tiefe Glaube an die Machbarkeit des Guten, eine Überzeugung, dass allen Menschen eine »Liebe zum Lernen« angeboren ist.

medien Wie Herbert von Karajan war auch Bernstein ein Star des anbrechenden Medienzeitalters, eine pausenlos den Globus umrundende Figur des Jet-Sets. Aber die Gegensätze zwischen dem peniblen Verwalter des eigenen Musikimperiums, der zunehmend seiner immer hermetischeren Hi-Fi-Ästhetik erlag, und dem werk- und weltumarmenden Ekstatiker, dessen schöpferische Energie eigentlich gleich mehrere Leben hätte füllen können, hätten krasser kaum sein können.

Ein einziges Mal nur dirigierte Bernstein die Berliner Philharmoniker, die ihm vorkamen wie eine »schöne, aber kalte Frau«. Zu verschieden waren die Temperamente der von Karajan gedrillten Musiker und des in ihren Augen befremdlich exzentrisch sich gebärdenden »Lenny«, der Armbänder und Goldringe trug.

Seinen letzten großen Auftritt in Deutschland hatte er nach dem Fall der Berliner Mauer. Da dirigierte er Beethovens Neunte – und ließ den Chor in Abwandlung von Schillers Ode aus aktuellem Anlass »Freiheit, schöner Götterfunken« singen. Seine Gedenktournee zum Jahrestag des Atombombenabwurfs 1985 in Hiroshima und Nagasaki eröffnete er in Hiroshima mit einer Aufführung seiner Kaddish-Symphonie. Dass er in Wahrheit ein »Filou«, ein »moderner Rattenfänger«, ein Blender gewesen sei, hinter dessen Glamour in Wahrheit nur eine »Dreistigkeit namens Chuzpe« gesteckt habe, argwöhnte damals eine antisemitisch gefärbte deutsche Kritik. Der Musikkritiker Joachim Kaiser rückte die Dinge in seinem Nachruf auf Bernstein, der am 14. Oktober 1990 in Manhattan starb, in die richtige Perspektive. »Er fühlte stärker, er hatte ein heißeres Herz als wir anderen, ärmeren Erdenbürger«, schrieb Kaiser bewundernd.

beethoven Tatsächlich hat sich Bernstein mit diesem glühenden Herzen in alle Richtungen verschwendet und verschlissen, in seinen Auftritten, seinen Kompositionen, seinen Schriften und seinen politischen Äußerungen ebenso wie in seinem in jeder Hinsicht ausschweifendem Leben. Er identifizierte sich mit den Werken bis zur Selbstaufgabe. Als er auf der Höhe seiner Karriere 1970 in Wien den Fidelio dirigierte, versenkte er sich vorher so akribisch in die Biografie von Beethoven, dass er schließlich glaubte, selbst taub zu sein.

Dass diese Haltung mehr als eine Allüre war, davon zeugten nicht nur die mitreißende Kraft unzähliger Aufnahmen, sondern auch Bernsteins politische und soziale Initiativen, seine aufrichtige Bekümmertheit um den Zustand der Welt. Regelmäßig ließ er einen großen Anteil seiner Gagen gemeinnützigen Organisati­onen zukommen, spendete seine Preisgelder oder verzichtete auf Gagen. Ein bisschen Bernstein täte uns heute sehr gut.

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  07.11.2026

Meinung

Die Juden waren’s!

Claudia Roth und die jüdische Lobby: Eine kleine Chronik der Unschuld

von Andreas Büttner  06.11.2026

Nachruf

Eine Welt voller Wärme

Die jüdische Kinderbuchautorin Myriam Halberstam nimmt Abschied von Janosch, dem Vater von Tiger, Bär und Tigerente

von Myriam Halberstam  06.11.2026

Fernsehen

Biedere Bürgerlichkeit und organisierter Massenmord

Das ZDF zeigt den Oscar-prämierten Spielfilm »The Zone of Interest« über den KZ-Kommandanten Rudolf Höß, der mit seiner Familie unmittelbar neben dem Vernichtungslager Auschwitz lebte

von Josef Lederle  06.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  06.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  06.11.2026

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Interview

»Ich bin von Natur aus kein glücklicher Mensch«

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek verrät im Gespräch zu ihrem neuen Buch, wie sie gelernt hat, das Leben bewusster und positiver wahrzunehmen – ohne die Augen vor dem Leid der Welt zu verschließen

von Katrin Richter  05.11.2026

Kulturkolumnne

Bis 120 oder Wie wir doch noch zu Muskeljuden werden

In der heutigen Zeit ziehen körperliche Optimierungstrends nicht spurlos an uns vorbei. Sollen wir uns davon beherrschen lassen?

von Laura Cazés  05.11.2026