Louis Begley

Lügen in Zeiten des Kriegs und Friedens

Louis Begley wurde 1933 als Ludwik Begleiter in Stryi (damals Polen) geboren. Foto: imago/STAR-MEDIA

Nicht die Geburtsurkunde beglaubigt das Lebensalter von Autoren, sondern ihr Werk. Unser Autor bleibt ein Mann von 50 Jahren, ein Mann mit freundlichem Gesicht und traurigen Augen, umgeben von vielen Büchern, in einem angesehenen Verlag angestellt oder als Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an irgendeiner Provinzuniversität. Er meidet Bücher über den Holocaust und weicht Gesprächen über Polen im Zweiten Weltkrieg aus.

So hat Louis Begley uns seinen Erzähler gleich zu Beginn seines ersten Buches vorgestellt, das ihn auf einen Schlag berühmt machte. Wir dürfen den Erzähler Maciek nicht mit seinem Schöpfer verwechseln. Aber wir verstehen dessen Leben und Werk erst, wenn wir uns in Lügen in Zeiten des Krieges vertiefen und den Spuren einer jüdischen Kindheit in Polen folgen, die Begley uns erzählt. In nur drei freien Monaten hatte er sich 1989 diese Geschichte selbst erzählt und zu Papier gebracht.

Als Wartime Lies in den USA erschien, war ihr Autor ein Mann von 58 Jahren, ein angesehener Anwalt in New York, belesen, gebildet, wohlhabend und mit einer Story, die vor ihm so noch niemand beschrieben hatte. Wie nämlich ein jüdisches Kind lernt, im besetzten Polen zu überleben, untergetaucht, auf der Flucht vor deutschen Soldaten, vor polnischen Verrätern.

Im Juni 1941 erobern deutsche Truppen die Stadt Stryj und errichten ein Ghetto, wie das Kind vom Fenster aus beobachtet.

Am 6. Oktober 1933 wurde Ludwik im damals polnischen Stryj (heute liegt die Stadt in der Ukraine) als Sohn des Arztes Dawid Begleiter und dessen Frau Franziska als einziges behütetes Kind in einem bürgerlichen Haushalt geboren. 1939 wird Stryj nach dem Hitler-Stalin-Pakt von sowjetischen Truppen besetzt. Im Juni 1941 erobern deutsche Truppen die Stadt und errichten ein Ghetto, wie das Kind vom Fenster aus beobachtet.

Zuvor war der Vater als Lazarettarzt in die Sowjetunion deportiert worden. Die Mutter flieht mit dem Jungen nach Lwów (heute Lwiw), wo beide mit gefälschten Papieren untertauchen. Maciek begreift an Leib und Seele, dass die Wahrheit lebensbedrohlich ist und erst die Lüge das Überleben ermöglicht.

WARSCHAU Als beide sich auf der Flucht – aus Furcht, enttarnt zu werden – 1943 nach Warschau durchschlagen, geraten sie dort im Sommer 1944 in den polnischen Aufstand. Nach dessen Niederschlagung droht Maciek und Tanja, die das Kind hütet und im Chaos begleitet, die Deportation nach Auschwitz. Tanja flüstert ihm zu: »Ein Glück, dass wir keinen Moment vergessen haben, dass wir katholische Polen sind, und dass niemand Verdacht geschöpft hat ( … ). Das sei unsere einzige Hoffnung: genau wie alle anderen zu sein. Die Deutschen konnten nicht alle Polen in Warschau töten, es gab einfach zu viele, aber bestimmt jeden Juden, den sie erwischen konnten.«

In einer der endlosen Kolonnen der Bewohner von Warschau, die durch ihre brennende, zerstörte Stadt und das Spalier der feindlichen Soldaten ziehen, wird der Zehnjährige der bestialischen Grausamkeit der deutschen Besatzer und ihrer ukrainischen Helfer am Straßenrand gewahr. Niemand, der diese Szenen gelesen hat, wird sie vergessen.

Lügen in Zeiten des Krieges ist ein historischer Roman, der der Welt besonders eindringlich vor Augen führte, was es heißt, Zeugnis abzulegen über das selbst Erlebte, Erlittene, was es einem Einzelnen abverlangt, der eigenen Vergangenheit Form zu geben. Louis Begley hat später darauf bestanden, ihn nicht mit Maciek gleichzusetzen. Jene Höflichkeit und Distanz, über die der Autor in so hohem Maß verfügt und die er bei jeder seiner Lesungen, Interviews, bei jeder Begegnung walten lässt, sollte man zur Richtschnur nehmen, seine Bücher zu lesen. Sie sind nicht einfühlend getroffen, sondern ahnungsvoll suchend, um historische Genauigkeit bemüht.

Begleys erster Roman hat für die Erforschung des Holocaust Maßstäbe gesetzt und zugleich ein literarisches Novum geschaffen: ein Werk, aus der Erinnerung geformt, wie eigenen Gesetzen des Schreibens gehorchend. Jahre später wird Begley während der Heidelberger Poetikdozentur lehren, Fakten und Fiktionen zu trennen, Literatur und Geschichte in ihrer Wechselwirkung zu verstehen.

Als der Autor 1995 nach Warschau zurückkehrt, um die polnische Ausgabe von Lügen in Zeiten des Krieges vorzustellen (er bleibt wenig länger als einen einzigen Tag in der Stadt) wird ihm, dem Mann mit dem genauen Gedächtnis, bewusst, wie wenig er nach einem halben Jahrhundert die Orte des grausamen Geschehens wiedererkennen kann. Sie haben in seinem Roman Gestalt angenommen, die man nicht als realistisches Abbild verstehen darf.

Begleys erster Roman hat für die Erforschung des Holocaust Maßstäbe gesetzt und zugleich ein literarisches Novum geschaffen.

Dennoch ist sein erster Roman ein historisches Zeugnis. Louis Begley ist nur vier Jahre jünger als Anne Frank, beide gehören einer Generation an. Der Unterschied ist, dass man das Tagebuch der Anne Frank zumeist als Zeugnis gelesen hat, nicht als literarisches Werk.

Das Schlüsselthema von Begleys erstem Roman ist die Lüge, also die Frage nach der Wahrheit. In allen seinen Büchern kehrt sie wieder. Als der heranwachsende Maciek, untergetaucht auf dem Lande, überlegt, Tanja eine kleine Sünde zu beichten, wie er das Rauchen probiert habe, entscheidet er sich dagegen: »Das Lügen war mir so sehr zur Gewohnheit geworden, dass ich zwanghaft log, ob ich wollte oder nicht, und ich glaubte auch nicht mehr, dass Tanja oder ich selbst mir Schwäche, Dummheit oder Fehler verzeihen könnten.«

NEW YORK 1945 kehrt Dawid Begleiter aus der Sowjetunion zurück. Die Familie lebt in Krakau, Ludwig besucht für ein Jahr ein Gymnasium der Stadt. 1946 emigriert die Familie aus Polen und erreicht über Paris schließlich am 3. März 1947 New York. Aus den Begleiters werden Begleys, aus Ludwig Louis. Der Junge besucht die High School und wächst in die amerikanische Gesellschaft der Nachkriegsjahre hinein. In Harvard studiert Louis Begley von 1950 an zwei Fächer, die für sein Leben entscheidend werden: Recht und Literatur.

Später wird er jenen Jahren in Matters of Honor, Ehrensachen, einen eigenen Roman widmen, über Aufstieg, Zugehörigkeit und Ausgeschlossensein in der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft, die Begley ganz fein registriert und hinreißend klar, elegant zu beschreiben weiß. Nach seinem Militärdienst verbringt der junge US-Soldat 1955 anderthalb Jahre im schwäbischen Göppingen. 1965 geht er als Anwalt für einige Jahre nach Paris. Dort begegnet er der Historikerin und Autorin Anka Muhlstein, die er 1974 heiratet.

In einem Alter, da andere sich zur Ruhe setzen, beginnt Louis Begley sein zweites Leben als Autor von ungewöhnlicher Produktivität. Der Zufall hat es gefügt, dass auf Deutsch als sein zweiter Roman Wie Max es sah erschien, auf den ersten Blick ein mondäner Gesellschaftsroman zwischen Europa und Amerika. Max begegnet am Comer See Charlie Swan wieder, mit dem er 20 Jahre zuvor in Harvard studiert hatte. Der alte Freund wird von Toby begleitet, einem jungen Mann »von atemberaubender Schönheit«.

Welcher Autor von Weltrang hat sich dem Thema Aids so gestellt wie Louis Begley?

Es bleibt am Anfang ungewiss, ob er der Geliebte von Charlie ist. Jahre später wird es zur Gewissheit: Beide sind ein Paar. Und wieder geht es ums Lügen: die verborgene Homosexualität und eine damals grassierende Krankheit, die der Roman an keiner Stelle nennt, doch einfühlsam beschreibt: Aids. Welcher Autor von Weltrang hat sich diesem Thema so gestellt wie Louis Begley? Welcher Schriftsteller hat so klar die Lügen in der amerikanischen Politik angeprangert und für Barack Obama Partei ergriffen?

DEUTSCHLAND Die Freundschaft zu seinem Verleger Siegfried Unseld ebnete den Durchbruch von Louis Begleys Büchern in Deutschland, der Schweiz und Österreich: Hunderttausende freundeten sich mit »Schmidtie« an, Begleys legendärem Romanhelden, lasen Mistlers Abschied, die Kriminalromane von Louis Begley oder sein Buch über Alfred Dreyfus, das die Lüge im juristischen Sinn beleuchtet, oder das über Franz Kafka und dessen Versuch, in der Wahrheit zu leben, alle meisterhaft von Christa Krüger ins Deutsche übertragen.

Es ist das wohl schwierigste Unterfangen in jedem Leben, das Louis Begley uns aufgibt. In Ehrensachen bemerkt sein Erzähler Sam: »Wir verändern uns. Wir üben uns im Täuschen. Durchschaust du eine erfinderische Maskerade, entdeckst du im selben Moment dahinter eine andere. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob hinter all meinen Masken je ein wahres Selbst versteckt war – es sei denn, dieses Selbst wäre die Summe meiner privaten Lügen und Klitterungen.« Die Suche nach der Wahrheit setzt schonungslose Skepsis an sich selbst voraus.

Am 6. Oktober feiert Louis Begley seinen 90. Geburtstag in New York. Ein Mann von 50 Jahren.

Der Autor ist Literaturwissenschaftler und Editor-at-Large des Suhrkamp Verlags.

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