USA

Leg dich nicht mit Nofar an

Und dann muss man doch lachen. Da steht ein junger Mann mit Bart, engem T-Shirt und schwarzer Langhaarperücke im Schutzraum in Tel Aviv, während draußen iranische Raketen einschlagen, und zetert – weil die Alarm-App auf dem Telefon zu laut ist, weil jemand flirtet, weil jemand nicht flirtet, weil jemand aus dem Nachbarhaus da ist, weil das Wifi-Signal zu schwach ist, weil der Miklat aufgeräumter sein könnte; dazu der passiv-aggressive Ton, die Hand mit den bunt lackierten Nägeln, die permanent durchs Haar streicht, in der anderen das wie angewachsen wirkende Handy. All das ist Nofar. Eine erstaunlich liebenswerte Klafte – und die Erfindung des israelischen Comedian Shahar Cohen.

Die kurzen Clips auf Social Media, immer unterlegt mit schrecklich gut gelaunter Musik, sind nicht nur in Israel Kult. Rund sechs Millionen Likes hat die Mischung aus cleverem Stand-up und kulturellen Frontalzusammenstößen allein auf TikTok. Nach ganz realen, ausverkauften Auftritten in London, Paris und Wien steht ab Ende August die US-Tour an. »Chaim Sheli«, mein Leben, nennt Cohen sein Programm. Gerade hat der Online-Merchandise-Shop eröffnet. »Relax, my Life« steht in hebräisch-englischem Mix auf der Schlafmaske für knapp 14 Dollar.

Und Nofar hilft tatsächlich ein bisschen beim Entspannen. Denn Nofar spiegelt alles, was einen im israelischen Alltag nervt, aber bitterlich fehlt, sobald man nicht mehr dort ist: der Lärm, der Zynismus, der beißende Witz, die Zudringlichkeit. Das Unbedeutende, Anstrengende, das permanent Existenzielle. Nofar trifft ruppige Busfahrer und zu freundliche Kellner, veranstaltet Zickenkrieg im Büro und zu Hause, macht im Urlaub die Einheimischen kirre oder quält daheim Amerikanerinnen, die Israel nicht verstehen, oder sie nervt eben alle, die sie gerade im Bunker trifft. Es ist schnell, es ist witzig und vorbei, bevor man darüber nachdenken kann, warum man gekichert hat. Aber die Laune hat sich gerade gebessert.

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Nur eines gibt es bei Nofar nicht: Politik. Was auch ein Geheimnis ihres Erfolges ist. Die Clips sind ein Durchatmen in Zeiten, wo jeder zu allem sofort knallhart Stellung beziehen soll. »Sie wird niemals über Politik sprechen«, sagt Cohen bestimmt, der während des Zooms in der Mitte seiner Tel Aviver Wohnung steht. »Es geht nicht um Rechts und Links. Ich will Menschen vereinen. Das ist mir wichtig, und das geht nicht, wenn ich sie in eine Schublade stecke.«

»I am a proud Zionist, my Life«

Das heißt nicht, dass Cohen keine Meinung hat. In frühen Clips, in Podcasts und bewusst persönlichen Videos nimmt er die Täter-Opfer-Umkehr und Bigotterie in der weltweiten Diskussion nach dem 7. Oktober 2023 ins Visier und kritisiert Landsleute, die beim Fanatisch-Sein ihre Menschlichkeit vergessen haben. »I am a proud Zionist, my Life« steht in Pink auf dem Merchandise-T-Shirt. Aber Cohen hat sich für das leichte Lachen entschieden.

»Wir machen gerade sehr schwere Zeiten durch. Aber wir sind uns dessen nicht bewusst, weil wir so sehr daran gewöhnt sind. Wir haben schon so etwas wie einen Leidensstandard.« Wenn man also jemanden sehe, der über ganz normale Dinge lacht, dann lache man besonders laut, weil es die eigene Situation ist. »Es macht uns als Volk stärker, dass wir über uns selbst lachen können«, sagt Cohen und rührt in einem Hafuch Shibolet. Der israelische Latte mit Hafermilch ist auch ein Lieblingsrequisit von Nofar.

»Es macht uns als Volk stärker, dass wir über uns selbst lachen können.«

Shahar Cohen

»Wenn man lacht, ist das wie Medizin. Und was würden wir denn ohne Lachen tun? Ohne Humor?« Der 34-jährige ehemalige Brandmanager für Procter & Gamble richtet das Handy nochmal aus, legt den Kopf schief und lächelt.

Aufgewachsen ist er in Jerusalem, in der Zeit der Intifada. »Als Busse und Restaurants explodiert sind. Ich erinnere mich daran, dass ich als Kind morgens in die Schule kam und der Lehrer sagte, dass jemand ›in diesem Bus‹ saß. Jerusalem war sehr intensiv, was die Sicherheit anging. Aber auch, weil ich als schwuler Mann dort aufgewachsen bin, ohne mich zu outen. Ich habe Jerusalem geliebt, aber ich könnte mir nicht mehr vorstellen, dort zu leben. Meine Stadt ist Tel Aviv.« Mit Mitte 20 ist er hingezogen.

Kardashians und »Friends«

Und von wem in der Familie mit irakischen und ägyptischen Wurzeln hat er den Humor? »Ich würde sagen, von meiner Mutter. Sie steht auf jeder Party im Mittelpunkt. Was den Charme angeht, der kommt eher von meinem Vater.« Und dann ist da noch Cohens Cousine, die nicht aussieht wie Nofar, auch wenn Cohen das behauptet, aber mit der er Stunden um Stunden Szenen aus Nofars Leben gespielt habe, als es Nofar noch gar nicht gab. »Meine Cousine und ich sind seit der Geburt befreundet. Und wir reden entweder wie die Kardashians oder wie Nofar. Gossip, Gossip, Gossip und schön passiv-aggressiv. Ich bin seit 20 Jahren so.«

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Seine Vorbilder? »In Israel Adir Miller, in den USA natürlich Jerry Seinfeld«, so Cohen weiter. »Meine Vorbilder sind Menschen, die sich auf der Bühne wohlfühlen. Und ich mag die Fernsehserie ›Friends‹ wirklich sehr.« Einen Großteil seiner Schauspielerei für Nofar und die anderen jungen Frauen in seinen Videos habe er sich bei Monica und Rachel abgeguckt.

»Warte kurz, mein Leben, ich muss noch meinen Kaffee trinken.«

Nofar

Doch zuerst einmal hat Shahar Cohen Wirtschaftswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an der Hebräischen Universität in Jerusalem studiert. Nach dem Job bei Procter & Gamble kümmerte er sich bei TikTok um Kapitalgeber. Er habe also schon einen richtigen Job vorweisen können, bevor er seinen Eltern eröffnete, dass er Comedian sein wolle, sagt Cohen und lacht. Trotzdem seien sie »total baff« gewesen, als er mit seinen Clips plötzlich so erfolgreich wurde.

2022 hatte er damit begonnen, wöchentlich kleine lustige Videos über »Israel damals und heute« zu posten. Junge Frauen, die höflich und bestimmt ein Eis bestellen, das es nur in drei Sorten gibt, im Gegensatz zu einer Nofar-Vorgängerin, die zig absurde Geschmacksrichtungen probieren will, während sie den Eisverkäufer ignoriert, weil auf dem Handy mehr los ist.

Oder ein Gespräch zwischen Schülerin und Lehrerin: brav, sachlich und hierarchisch in Schwarz-Weiß das eine, emotional, persönlich und passiv-aggressiv das andere. Einmal habe er ein Video über Mutter und Tochter machen wollen, »aber ich habe keine Darstellerin gefunden, die es mit mir drehen wollte. Da habe ich gedacht, dann mache ich es eben allein. Im Schrank habe ich eine Perücke gefunden, die da seit Kindertagen gelegen haben muss. Lange Rede, kurzer Sinn: Dieser Moment hat mein Leben verändert.«

Das bärtige Mädchen entpuppte sich als Internet-Gold

Auch die »America versus Israel«-Videos wurden ein Hit: überbordende Freundlichkeit auf der anderen Seite vom Teich und beeindruckende Service-Verweigerung im Heiligen Land. Naive ambitionierte Taglit-Girls, die beim Sicherheitscheck am Flughafen oder bei der Bestellung im Café auseinandergenommen werden. Oder die großartigen »JAPs« (jüdisch-amerikanische Prinzessinnen), die so verwöhnt sind, dass ihre Mutter ihnen ausgerechnet in Israel den Wert des wahren Lebens nahebringen will – also ohne Kreditkarte abseits des Luxushotels. Nofar wuchs bei all dem mit, entwickelte sich weiter. Cohen spitzte zu und polierte, und das bärtige Mädchen mit den langen schwarzen Haaren entpuppte sich als Internet-Gold.

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Und was kommt als Nächstes? Nach dem Touren um die Welt, der Nofar-Tasse mit der Aufschrift »Warte kurz, mein Leben, ich muss noch meinen Kaffee trinken« und den Werbeauftritten, die Cohens Schöpfung mittlerweile in jedes israelische Wohnzimmer bringen – sei es für Sonnencreme oder Eistee? »Größere Bühnen« wünsche er sich natürlich, »Moderator einer Show im israelischen Fernsehen zur besten Sendezeit«.

»Aber ich habe mehrere Träume. Manchmal ist es schwer zu verstehen, wo man mit all dem, was man tut, hin will. Ich möchte nicht allein sein. Ich möchte eine Familie gründen. Das ist also mein großer Traum«, sagt Cohen. Er habe übrigens gerade jemanden kennengelernt … Da piepst das Telefon. »Oh, mein Date hat sich gerade gemeldet, ich muss ihm antworten«, sagt er und entschuldigt sich. Oder wie Nofar sagen würde: »Mein Leben, in Israel zählt jeder Tag für sich!«

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