Ausstellung

»Kóser« in der DDR

Da ist eine Ausgabe des Tanachs von 1935, die Renate Aris 1948 zu ihrer Batmizwa von der Dresdner jüdischen Gemeinde erhalten hat. Ein Foto zeigt die Koscher-Fleischerei in Ost-Berlin, die einzige für die acht Gemeinden in der DDR und ihre am Ende gerade einmal 400 Mitglieder.
Das Siegel »Kóser« verweist auf den Besitzer der Fleischerei: Károly Timár. Er reiste in den 80er-Jahren regelmäßig aus Ungarn an, um die ostdeutschen Gemeinden mit koscherem Fleisch zu versorgen.

Eine Kette mit einem Magen David erzählt eine andere Geschichte: Cathy Gelbin wuchs in einer deutsch-amerikanisch-jüdischen Familie auf, die in den 50er-Jahren aus dem Exil zurückkehrte. 1963 geboren, ist sie ein Kind der DDR. Zu ihrer Jugendweihe wünschte sie sich eine Kette mit einem Magen David – so etwas gab es in der DDR nicht zu kaufen.

33 Jahre nach dem Ende der DDR gibt es im Jüdischen Museum Berlin nun erstmals eine Ausstellung zum Judentum in Ostdeutschland. In der Schau Ein anderes Land. Jüdisch in der DDR erklärt Gelbin in einem Text: »Meine Mutter ist zu einem Juwelier gegangen und hat gefragt, ob er ihr Silber einschmelzen würde, um einen Davidstern daraus zu machen. Der Juwelier hat Angst bekommen und abgelehnt. Freunde aus Westberlin haben dann eine Kette mit Davidstern mitgebracht. An meiner neuen Schule trug ich die Kette immer. Ich wurde angehalten und gefragt, was sie bedeutet, und warum ich sie trage.«

EINORDNUNG Für die Ausstellung haben die Kuratorinnen Tamar Lewinsky, Martina Lüdicke und Theresia Ziehe etwa 220 Exponate zusammengetragen. Für den Grundstock der Schau sind sie mit Zeitzeugen in Verbindung getreten, die Objekte zur Verfügung stellten. Sie eröffnen einen punktuellen Einblick in das Leben der Juden in der DDR. Doch eine historische Einordnung, die die Bedeutung der Objekte kennzeichnet, bleibt aus. Letztere sollen für sich sprechen, begründen es die Ausstellungsmacher.

Über Kopfhörer sind Interviews mit Zeitzeugen zu hören. Mehr als 200 Exponate werden gezeigt.

Über Kopfhörer sind Interviews mit Zeitzeugen zu hören, die ihre Geschichte erzählen. Cathy Gelbin erinnert sich, wie sie im Geschichtsunterricht aneckte und als Staatsfeindin gebrandmarkt wurde, obwohl sie sich gar nicht als DDR-kritisch verstand. Sie erkannte früh, dass sie in jenem Land nicht glücklich werden würde. Mit 21 Jahren durfte sie ausreisen.

Klug heißt es im Titel »Jüdisch in der DDR«, denn nicht jeder Jude identifizierte sich als solcher oder praktizierte sein Judentum, sofern dies in der DDR überhaupt möglich war. 1965 starb Rabbiner Martin Riesenburger, den die DDR-Behörden nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 offiziell zum Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinden in der DDR ernannt hatten. Danach wurden zu den Hohen Feiertagen Rabbiner von außerhalb des Landes geholt.

orientierung Die Ausstellung besteht aus acht Bereichen. Eine Klammer, die grobe Hintergründe und damit Orientierung bietet, bilden der zweite und der vorletzte Raum: »Zwischenzeiten« beginnt mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Die rund 3500 Juden in der sowjetischen Besatzungszone kamen nach der Schoa aus Konzentrationslagern zurück, andere hatten im Untergrund überlebt oder waren Remigranten.

Viele jener Rückkehrer waren Kommunisten, die einen neuen Staat aufbauen wollten, der sich dezidiert antifaschistisch gab und eine bessere Zukunft versprach. Für die meisten von ihnen stand das politische Ideal im Vordergrund, die jüdische Herkunft war bedeutungslos.

Neben staatsnahen und religiösen Juden – beides gleichzeitig zu sein, war nicht immer möglich, denn von Anwärtern für die Mitgliedschaft in der Staatspartei SED wurde in den frühen 50er-Jahren bis zur Zeit von Stalins Tod im März 1953 erwartet, aus jüdischen Gemeinden auszutreten – gab es natürlich auch säkulare Juden und staatskritische, wie Wolf Biermann und Thomas Brasch.

FLUCHTBEWEGUNG Der Raum »Staatsfragen« behandelt, wie sich die DDR zu den Juden im Land verhielt. Markante Jahre sind 1953, 1961, 1967, 1976 und 1988. 1953 löst die Antisemitismuswelle eine Fluchtbewegung in den Westen aus. 1967, während des Sechstagekrieges im Nahen Osten, forderte der DDR-Staat Juden auf, sich öffentlich gegen Israel zu positionieren. Die meisten verweigerten dies allerdings.

1988 folgte eine Kehrtwende. Die Staatskasse war leer. Also suchte die Regierung in Ost-Berlin – wie sich herausstellen sollte, erfolglos – eine Annäherung an die USA. Dies geschah über die jüdische Gemeinde. Sie wurde publikumswirksam unterstützt, indem die verwahrloste Ruine der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße wieder instandgesetzt werden sollte, um als Mahnmal zu dienen.

Im Raum »Film und Fernsehen« laufen Ausschnitte aus 23 Filmen über eine Leinwand, die jüdische Themen sichtbar machen.

Im Raum »Film und Fernsehen« laufen Ausschnitte aus 23 Filmen über eine Leinwand, die jüdische Themen sichtbar machen. Der Blick auf die jüdische Seite der Filmwelt der DDR ist ein gewisses Pendant zur aktuellen Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt Ausgeblendet/Eingeblendet, die der jüdischen Filmgeschichte in der Bundesrepublik nachgeht.

anspruch Die Berliner Ausstellung wird ihrem Anspruch, vielfältig zu sein, durchaus gerecht. Doch ein detailliertes Bild, wie das Leben in der DDR für Jüdinnen und Juden aussah, erhält der Besucher nicht. So erfährt er zum Beispiel auch nicht, dass manche von ihnen bei der Wohnungsvergabe bevorzugt wurden oder nicht ganz so lange auf ein neues Auto warten mussten – sofern sie offiziell anerkannt waren als Verfolgte des Naziregimes.

Das Thema Antisemitismus spart die Schau aus, abgesehen von den Ereignissen um 1953. Die Ausstellungsmacher zeigen sich vorsichtig, denn es ist ein kontroverses Thema. Die DDR war von vielen Ambivalenzen gekennzeichnet. Um sie zu verstehen, sind Einblicke in Zusammenhänge wichtig – die Ausstellung bietet diese dem Besucher jedoch leider nicht.

»Jüdisch in der DDR« wirkt bruchstückhaft und bleibt gefühlt an der Oberfläche. Bei der heutigen Kenntnislage wäre mehr möglich gewesen. Doch immerhin führt die Ausstellung den Besucher in die Thematik ein, schafft ein Bewusstsein dafür und dient hoffentlich als Anregung, sich weiter mit der Geschichte der Juden in Ostdeutschland zu beschäftigen, beispielsweise über das umfangreiche Begleitprogramm und über Podcasts, die im Rahmen der Schau produziert wurden.

Die Ausstellung ist noch bis 14. Januar 2024 zu sehen.

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