Es gibt Erinnerungen, die sind so tief im kollektiven Gedächtnis jüdischer Menschen verankert, dass allein ihre Erwähnung ein leichtes Schaudern auslöst. Ich spreche vom klassischen Kiddusch-Wein vergangener Zeiten. Sie wissen schon, jener dickflüssige, zuckersüße, rote Saft, der eher an Hustensaft erinnerte als an ein edles Erzeugnis aus der Weinrebe.
Pflichtbewusst trank man ihn am Freitagabend zum Schabbat-Kiddusch, weil es halt so Tradition war. Aber niemals - wirklich niemals! - hätte man sich freiwillig davon ein Glas zum Genuss am, sagen wir, Dienstagabend eingeschenkt.
Religiöse Notwendigkeit statt önologische Finesse
Koscherer Wein war lange Zeit ein Synonym für religiöse Notwendigkeit, aber sicher nicht für önologische Finesse. Doch die Zeiten haben sich geändert, grundlegend. Wer heute noch behauptet, koscherer Wein könne nicht mit den großen Gewächsen der Welt mithalten, war die letzten beiden Jahrzehnte wohl im Dornröschenschlaf.
Inzwischen gibt es nämlich fantastische Weine mit Koscher-Zertifikat. Bei Blindverkostungen belegen sie regelmäßig die vordersten Plätze. Nehmen wir nur den legendären Yarden Katzrin von der israelischen Golan Heights Winery. Wie der Name schon sagt, kommt der von einem Weinberg auf den Golanhöhen. Es ist ein Monument von einem Wein, der allerdings preislich auch weit jenseits der 100-Euro-Marke liegt. Der Katzrin mit dem schwarzen Label ist ein Erlebnis, zweifellos. Aber für den täglichen Schabbat-Tisch oder das große Familienfest am Sederabend sprengt er für die meisten von uns doch das Budget.
Muss es immer der teure Import sein?
Gerade jetzt, wo Pessach vor der Tür steht und wir Juden uns auf die vier Becher Wein vorbereiten, stellt sich zudem die Frage: Muss es immer die teure Importware aus Übersee oder Israel sein? Ein Blick in unser europäisches Umland zeigt, dass das Gute liegt oft viel näher liegt. Besonders in Spanien hat sich ein Weingut einen Namen gemacht, das heute als Goldstandard im koscheren Segment gilt.
Celler de Capçanes, das Wunder von Montsant
Wir schreiben das Jahr 1933: Fünf Familien aus der kleinen Gemeinde Capçanes in Katalonien, etwa 40 Kilometer westlich von Tarragona, schlossen sich zusammen, um gemeinsam Wein zu produzieren und zu vermarkten. So entstand die Appellation Montsant. Sie grenzt an die wesentlich bekanntere Appellation Priorat an. Über Jahrzehnte hinweg produzierte die Genossenschaft in Capçanes solide Weine. Doch in Spanien und international bekannt wurde sie erst durch ihre koscheren Gewächse, die auch heute noch ihr ganzer Stolz sind.

Mitte der 90er Jahre fragte die Jüdische Gemeinde von Barcelona bei der Kellerei an, ob es ihr möglich sei, einen Wein nach der Kaschrut herzustellen. Was als Experiment mit einem einzigen Wein begann – dem Flor de Primavera –, hat sich zu einer weltweit beachteten Erfolgsgeschichte entwickelt.
Denn heute ist Celler de Capçanes keine »Nischen-Kellerei« mehr, sondern fast ein Global Player. Die Weine aus dem kleinen Ort werden weltweit verkauft und genießen höchste Anerkennung. Rund ein Fünftel ihres Umsatzes macht die Kooperative mit koscheren Gewächsen. Gleich acht verschiedene Koscher-Weine sind im Angebot.
Und die Zertifikate sind über jeden Zweifel erhaben. Sowohl Chabad Lubawitsch in Barcelona als auch die Kashrut Federation of London (KLBD) und die Orthodox Union in den USA bürgen für die Einhaltung der Vorschriften. Die Weine sind koscher lePessach – also bereit für den Seder-Tisch.
Qualitätsversprechen
Was Capçanes besonders macht, ist die Vielfalt. Dort hat man verstanden, dass »koscher« keine Geschmacksrichtung ist, sondern primär ein Qualitätsversprechen. Das Sortiment gliedert sich in gleich mehrere Segmente, die unterschiedliche Ansprüche bedienen.
Den Einstieg bildet der Peraj Petita, den es in Weiß, Rot und Rosé gibt. Es handelt sich hierbei um einen jungen, fruchtbetonten, unkomplizierten Wein, der perfekt ist für den Alltag oder ein leichtes Mittagessen.

Für den Hauptgang sollte man dann jedoch den Peraj Ha’abib, der den Beinamen »Flor de Primavera« (Frühlingsblume) trägt, in die engere Auswahl nehmen. Ihn gibt es nur in Rot. Der Peraj ist eine Cuvée aus den Rebsorten Cabernet Sauvignon, Cariñena und Garnacha Tinta. Er wird zwölf Monate im Barriquefass ausgebaut.
Der 2023-Jahrgang - der 29. des Peraj Ha’abib- ist ein Gedicht und ein wahres Wunderwerk an Ausgewogenheit. Besonders beeindruckend ist der Einsatz von alten Reben, von denen viele bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gepflanzt wurden. Man schmeckt beim Peraj Ha’abib förmlich die Geschichte und das Terroir des Montsant. Er kostet ungefähr 30 Euro die Flasche.
Bester Jahrgang
Auf der Weinmesse ProWein in Düsseldorf blieb mit dieser Wein in bleibender Erinnerung. Es ist vielleicht der beste Jahrgang, den das Weingut bisher hervorgebracht hat und definitiv ein Wein, der sich vor den großen Namen aus Frankreich, Italien oder der nicht-koscheren Konkurrenz aus Spanien verstecken muss.
Auch einen koscheren Peraj Ha’abib Pinot Noir gibt es seit Neuestem. Doch hier ist die Produktion, anders als beim 30 Jahre alten »großen Bruder«, noch deutlich limitierter. Der Wein wird in der klassischen Burgunderflasche angeboten.
Und schließlich offeriert Capçanes noch eine »Super-Premium«-Linie. Mit rund 50 Euro pro Flasche sind diese Tropfen noch einmal deutlich teurer, liegen aber immer noch weit unter gleichwertigen koscheren Gewächsen aus Israel oder Frankreich. Die »La Flor del Flor«-Weine mit dem blauen Etikett sind reinsortige Essenzen aus Cariñena (oder, wie die Rebsorte in Katalonien auch heißt, Samsó) beziehungsweise aus roter Garnacha (Garnatxa).
Der Weißwein »Flor de Primavera« wird aus der weißen Garnacha-Rebe gekeltert und ist eine wunderbare Alternative für alle, die zum Fischgang am Sederabend nicht ständig zum Standard-Chardonnay greifen wollen.
Schatz im Keller
Diese Frühlingsblumen könnte man getrost zehn oder noch mehr Jahre einlagern. Allerdings – und hier kommt der humorvolle Teil der Geschichte – sehe ich für die meisten Capçanes-Flaschen schwarz, was das Erreichen dieses stolzen Alters angeht. Die Chance ist nämlich groß, dass der Wein wegen seines hervorragenden Geschmacks das erste Jahr nach dem Kauf gar nicht überlebt. Wer kann schon widerstehen, wenn man weiß, dass im Keller noch ein solcher Schatz schlummert?
LeChaim und Pessach Sameach wünscht Ihr Jacques Abramowicz.