Österreich

Kaffeehaus als Menschenrecht

Authentisches Stück Wien: etwas angestaubt, verschroben und leicht morbid – das Café Jelinek im sechsten Wiener Bezirk Foto: dpa

Was ein wahrer Mensch sein will, braucht zumindest drei Kaffeehäuser: sein persönliches Lieblingslokal, das er regelmäßig frequentiert; ein weiteres Etablissement, in welches er inkognito ausweichen kann; letztlich aber das Wichtigste, ein Café, das er nie und nimmer betreten würde. Diese kulinarische Grundlage jeder humanen Gesellschaft müsste in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aufgenommen und zum Gesetz erhoben werden.

Ich lebe und schreibe in Wien, mithin in jener Stadt, von der Bertolt Brecht 1933 bemerkte, sie sei »um einige Kaffeehäuser herum gebaut, in denen die Bevölkerung beisammen sitzt und Zeitung liest«. Zuweilen glaube auch ich, in Wien würden die Leute nur im Café sein, um einander zu all den Dingen zu beglückwünschen, die zu tun sie keine Zeit haben, weil sie sich und einander lieber einen kleinen Braunen gönnen.

Das Wiener Kaffeehaus wird jedem Besucher der Stadt angepriesen. In Anthologien auf der ganzen Welt ist von jener unvergleichlichen Atmosphäre, von Melange und Kapuziner, von Apfelstrudel und Nußbeugerl zu lesen. In aller Welt wird von den Traditionen der heimischen Gastronomie geschwärmt. Ich erinnere mich etwa an ein Restaurant am Rande des Grand Canyon und an die dortige Menükarte: »Viennese Schnitzel – the original one: topped with a fried egg!«. Ja, das klang lecker.

starbucks Die Bedeutsamkeit des Kaffeehauses als urbanes Wahrzeichen steht außer Streit. Es braucht dazu gar keine Fahrt nach Wien, denn wir begegnen ihm durchaus auch in Paris oder in New York. Bloß wird immer wieder gejammert, es werde nicht mehr lange existieren. Tatsächlich mussten in den letzten Jahrzehnten etliche legendäre Wiener Cafés zusperren, doch zugleich erleben wir die Wiederkehr dieser Institution. Das altehrwürdige »Haag« in der Schottengasse etwa wich einst einem »Pizza Hut«, das jedoch bald wieder einging, weshalb heute wieder ein Café in denselben Räumlichkeiten beheimatet ist. Die massive Gewölbedecke erinnert übrigens noch daran, dass bereits im 16. Jahrhundert die Postillions in diesem Ort gern einkehrten.

Zur Renaissance der Kaffeehäuser gehört die Klage über ihr Sterben. Dieses nostalgische Geraunze, das Kaffeehaus sei im Grunde längst tot, sichert erst seinen Bestand und verleiht ihm zusätzliche Patina. Nicht der Zahltag, sondern die Sperrstund ist jener feierliche Augenblick, der zumeist besungen wird. Das Kaffeehaus ist schon öfter gestorben, und womöglich ist es gerade deshalb nicht umzubringen.

Auch Starbucks oder ähnliche Ketten können es nicht ersetzen. Im Gegenteil. Es blüht neben ihnen erst recht auf. In Wien war das Café jedoch schon während des Habsburgerimperiums ein Zentrum der Melancholie und der zelebrierten Morbidität. Von der Koketterie mit dem eigenen Untergang zehrte bereits unter Kaiser Franz Joseph das ganze Reich, das Robert Musil als Kakanien bezeichnete. Die größte Gefahr für das Kaffeehaus kommt nicht von der modernen Konkurrenz, sondern liegt vielmehr in dem Versuch, es so perfekt zu restaurieren, bis es älter ausschaut, als es je war und niemand es wiedererkennt. Dann erstarrt alle Kultur zu Kult.

Das Kaffeehaus, zumal das Wienerische, war trotz all der Süßlichkeit aus Kaiserschmarrn und Schlagobers ein Ort der Aufklärung. Hier herrschten Vielstimmigkeit und Mehrdeutigkeit. Die eigentliche Verfassung der Doppelmonarchie, jenem Pallawatsch aus widersprüchlichen Institutionen und Nationen, war die Ambivalenz, und ihr Fundament war die Ironie, denn was hier offiziell verkündet wurde, war zumeist das genaue Gegenteil dessen, was gemeint sein sollte. Es ist wohl kein Zufall, dass Sigmund Freud ausgerechnet in Wien solche Phänomene erforschte – und etwa im Café Landtmann darüber referierte.

Rückzugsort In ihrer Blütezeit waren die Wiener Cafés kulturelles Refugium, soziales Asyl und politisches Rückzugsgebiet. Ins Café ging, wer anderswo nicht bleiben konnte. Hier wurde gearbeitet, weil die eigene Bleibe unbeheizt war. Ohne Kaffeehaus wäre die Literatur dieser Stadt obdachlos gewesen. Wer zur Jahrhundertwende über keinen anderen Ort verfügte, durfte einen Tag bei einer Schale Kaffee ausharren. Menschen trafen sich im Kaffeehaus, um zu besprechen, was anderswo nicht erörtert werden konnte. Hierher ließen sie sich Briefe und Telegramme schicken.

Stefan Zweig wusste: »Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann.« Und der Schriftsteller und Feuilletonist Alfred Polgar erklärte: »Ins Kaffeehaus gehen Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.«

Die Cafés in Wien, Prag, Budapest, Triest und Czernowitz unterschieden sich von jenen in anderen, westlicheren Städten Europas. In Wien, der kakanischen Residenzstadt, verwandelte sich das Café ins Kaffeehaus, weil es einer eigenen Kultur ein Zuhause bot.

»Und eines Tages werden wir vor den Pforten sämtlicher Kaffeehäuser stehen, die unser Leben ausmachen, und sie werden alle versperrt sein. Das ist das Ende aller Zeiten.« Während Friedrich Torberg diese Worte am 29. Januar 1944 an seinen Bekannten Peter Heller schrieb, wurden viele, die einst die Kaffeehäuser in Wien bevölkert hatten, gejagt und ermordet. Das Café war für diese Menschen notwendig gewesen, weil es ihnen zwischen Ghetto und Emanzipation einen zeitweiligen Raum, eine Art Transit zwischen Talmud und Aufklärung, verheißen hatte.

innehalten Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wollte niemand so recht an die Zukunft des Wiener Kaffeehauses glauben. Jenes Mitteleuropa der Vielfalt, in dem es entstanden war, existierte nicht mehr. Es war liquidiert und sein Rest zwischen Ost und West zerrissen worden. Aber in einer Welt, die sich nach einem Unterschlupf der Ruhe sehnt, wird das Kaffeehaus wieder zu einer letzten Bastion. In modernen Lokalen ist der Gast mit Musik eingedeckt. Zu Hause mögen Telefon und Fernseher locken, können ihn der Alltag und die Familie einholen, doch im Café darf der Besucher unerreicht bleiben. An diesem Platz wird innegehalten. Es lässt sich leichter in sich hineinhorchen.

Die Großzügigkeit des Wiener Kaffeehauses ist einmalig. In Pariser oder New Yorker Cafés fehlt zumeist ein Windfang, und beim Eintritt jedes neuen Gastes wirbelt das Schreibpapier auf; zudem rutschen dort jedem, der einen Stift an ein Blatt setzt, die winzigen Tischchen fort. In Wien sorgen Marmorplatten und Metallfuß für sicheren Schriftzug. Die Tische sind schwer, doch die Sessel leicht, damit sie zusammengeschoben werden können, wenn disputiert und fraktioniert werden muss. Pensionisten verabreden sich im Hinterraum, um Bridge oder Schach zu spielen. Jugendliche schwänzen Schule, lungern zweisam in verborgenen Nischen. Wer schreiben will, kann im Café sein Feldforschungslabor, sein Studierzimmer und Büro einrichten.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich selbst bin keineswegs ein Kaffeehausliterat. Ich bin so mobil wie mein Laptop. Ich schreibe gerne zu Hause, in der Nationalbibliothek oder auch unterwegs im Zug. Ich gehe meiner Arbeit nach – im buchstäblichen Sinne der Bedeutung. Mein Fluchtpunkt liegt im Text. Aber das Kaffeehaus ist das ständige Ausweichquartier, ein Büro, ein Treffpunkt, ein Salon, das erweiterte Wohnzimmer. Ich spreche vom Kaffeehaus, als gäbe es in der Stadt nur eines davon, doch in jedem Bezirk kenne ich mehrere, die ich bei Bedarf aufsuchen kann. Stimmt schon, ich habe mein Lieblingslokal, doch das Beste ist, wenn es viele unterschiedliche gibt.

Wenn ich feststecke und nicht mehr weiter weiß, lausche ich den Gesprächen an Nebentischen und beobachte die Gäste. Betreten Freunde das Lokal, grüße ich mit einem Nicken, beuge mich über den Bildschirm und erkläre, ich hätte zu tun. Lassen sie sich gar nicht abwehren, so gehe ich zum Angriff über: Ich lese ihnen vor, woran ich sitze.

originell Druckreif sind hier viele Dialoge. Ich erinnere mich etwa an die greise Dame, die sehr langsam und mit Stock dem Bridgezimmer entgegentrippelte, an der Bäckereivitrine vorbeikam und von den Kellnern begrüßt wurde, worauf sie sagte: »Welch Galerie schöner Männer!« – »Die Männer nur?«, fragte der Ober. »Und die Mehlspeisen heißen nichts?« – »Die sind ja alt«, entgegnete sie. Darauf er: »Alt bin ich auch.« – »Ja«, versetzte sie: »Aber Sie sind ja nicht mehr zu haben!«

Ich will gar nicht sagen, solche Wortwechsel wären anderswo nicht ebenfalls zu hören. Nichts gegen die italienische Espresso-Bar, wo im Stehen ein Tramezzino eingeworfen werden kann; nichts gegen französische Bistros, amerikanische Diners und sizilianische Pizzerien. Um nicht missverstanden zu werden: Die internationale Imbisskette mag ein Symbol westlicher Ungezwungenheit und der Würstelstand Ausdruck Wiener plebejischer Tradition sein, doch wurden dort, bei Hamburger, Frankfurter und Käsekrainer, noch recht wenige Romane oder Gedichtbände verfasst.

Gerade im Zeitalter elektronischer Beschleunigung und populistischer Stimmungsmache gewinnt das Wiener Kaffeehaus an neuer Bedeutung. Hier treffen einander einzelne Individuen jenseits der sozialen Medien. Da ist noch Platz, um als Mensch zu sich zu kommen. Das Wiener Café müsste in allen Großstädten eröffnet und gleichsam globalisiert werden. Es ist ein Rückzugsgebiet für den weltläufigen Citoyen des 21. Jahrhunderts. Es ist eine Keimzelle von Kultur, Emanzipation und Urbanität. Die Hast der Moderne braucht solche Rückzugsorte der Beschaulichkeit.

Der Autor ist Schriftsteller und lebt in Wien. Zuletzt erschien von ihm zusammen mit Natan Sznaider »Herzl Reloaded. Kein Märchen« (Suhrkamp 2016).

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