»Vielleicht Esther«

Kaddisch in Kiew

Nächster Abzweig Babi Jar; Verkehrsschild in Kiew Foto: dpa

»Vielleicht Esther«

Kaddisch in Kiew

Katja Petrowskaja setzt ihren Vorfahren ein literarisches Memento

von Harald Loch  10.03.2014 17:14 Uhr

Das weltliche Kaddisch ist ein literarisches Genre, das aus der Schoa geboren wurde. Gläubige Juden beten das Kaddisch vornehmlich während des Trauerjahres für das Seelenheil ihrer verstorbenen Angehörigen. In diese enge Zeitspanne passen Gedenken und Trauer, Erschrecken, Zorn und Versuche zu verstehen nicht, wenn es um den Völkermord an den Juden Europas geht.

Die 1970 in Kiew geborene Katja Petrowskaja legt jetzt mit den Geschichten aus 200 Jahren ihrer Familie unter dem Titel Vielleicht Esther ein solches weltliches Andenken vor, das der Versuchung widersteht, die ganze Geschichte der Judenverfolgung in Polen und Russland durch die Nazis und die Stalinisten wie ein Panorama zu entfalten.

Sie widersteht auch einem sehr verständlichen Drang zur Anklage. Für sie – das hat sie im Gespräch wiederholt gesagt – ist der Krieg mit allen seinen furchtbaren Entartungen ein Teil der gemeinsamen Geschichte unserer Völker, »unsere Antike«, wie sie schreibt. Das ist eine nicht selbstverständliche Haltung. Sie ist aber eine literarische Voraussetzung für die besonders eindrückliche Kraft der etwa 70 Geschichten.

babi jar Petrowskajas Hauptpersonen sind ihre Vorfahren, auf deren Spuren sie durch halb Europa gefahren ist. Es gab einen Beruf, der die Generationen wie ein roter Faden verband: Viele aus der Familie waren Lehrer und unterrichteten Taubstumme. Alle – bis auf einen, dessen Schicksal auch auf besondere Weise in das furchtbare 20. Jahrhundert passt – waren Juden. Sie stammten aus dem südlichen Polen, das damals, bis die Familie großenteils nach Kiew ging, zum zaristischen Russland gehörte.

In Kiew ist die Autorin geboren, in Kiew lebte ihr knapp vor der Besetzung durch die Wehrmacht mit der Familie geflohener Vater, in Kiew spielt auch die Titelgeschichte Vielleicht Esther, für die Katja Petrowskaja im vergangenen Jahr in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat. Es ist die Geschichte ihrer Urgroßmutter, die altersschwach und kaum bewegungsfähig der Aufforderung der Deutschen im Jahre 1941 nachkam, sich wie alle Juden für einen längeren Marsch an einem bestimmten Platz einzufinden. Sie wandte sich an einen patrouillierenden deutschen Soldaten, sprach ihn auf Jiddisch an und wurde kurzerhand erschossen.

Der lange Marsch, zu dem sich Esther einfinden sollte, war der nach Babi Jar, zu einer Schlucht bei Kiew, wo innerhalb von zwei Tagen etwa 30.000 Juden erschossen und verscharrt wurden. Das Kapitel über Babi Jar ist nicht nur wegen der Grausamkeit des Geschehens kaum zu ertragen. Das jahrzehntelange Verschweigen dieses Massenmords durch die stalinistische Sowjetunion, das erst durch ein Gedicht von Jewgenij Jewtuschenko gebrochen wurde, hat ein früheres Gedenken, ein »rechtzeitiges« Kaddisch verhindert.

poesie
Von vielen ihrer Vorfahren und entfernteren Verwandten hat die Autorin über das Internet erfahren. Der Zufall spielte dabei fast immer eine Rolle. Die Ermittlung der Lebens- und Leidensdaten erhebt keinen Anspruch auf biografische Richtigkeit.

Was der Autorin in überwältigender Weise gelungen ist, kann man »literarische Richtigkeit« nennen, eine sich an den fragmentarisch bekannten Fakten orientierende, voller Fantasie und voller meist trauriger, zuweilen auch humorvoller Poesie geschriebene Erzählung von dem Unbegreiflichen. Sie mischt schelmenhafte Anekdoten mit Passagen tiefer Nachdenklichkeit, Traumbilder mit Fotos aus dem Familienalbum. Sie erzählt von ihrem Großvater väterlicherseits, Schimon Stern aus Odessa, einem Bolschewiken der ersten Stunde, der sich den Tarnnamen »Petrowski« gab und beibehielt, so dass sie selbst als Tochter eines Petrowski jetzt Petrowskaja heißt.

»meschugge« Katja Petrowskaja ist mit einem Deutschen verheiratet und lebt in Berlin. Sie versteht sich vielleicht eher als russische Autorin, aber ihre Literatursprache ist Deutsch. Wie sie diese Sprache einsetzt, wie sie Worte für das Unaussprechliche findet, wie sie ihrer Lust am Erzählen, zuweilen könnte man fast sagen am Plaudern, nachgibt, ihr eigenes Ich nicht nur als Ich-Erzählerin, sondern als Mensch in der Kette dieser Familie einbringt, dem Klang der deutschen Worte nachlauscht und ein langes, narratives Prosagedicht schreibt, das aufklärt, aufrüttelt und den Leser bei allem Schaudern vor der Wirklichkeit nicht trostlos zurücklässt – das ist große Literatur.

Das einzige jiddische Wort, das die Autorin kennt, ist »meschugge«. Man sagt bei ihr zu Hause, in jeder Familie gebe es einen Meschuggenen. Ihre Eltern haben zwei Kinder, ihren Bruder und sie. Katja Petrowskaja will nicht ausschließen, dass sie vielleicht die Meschuggene ist. Und so verrückt muss man vielleicht sein, um diese Geschichten in solch überragende Form zu gießen. Man nennt diese Verrücktheit auch »genial«!

Katja Petrowskaja: »Vielleicht Esther« Geschichten. Suhrkamp, Berlin 2014, 287 S. 19,95 €

Debatte

»Sie war mehr als froh, als alles zu Ende war«: Berlinale-Kreise: Tuttle überfordert und resigniert

Wie geht es nach Debatten um die Berlinale weiter? Eine Krisensitzung bringt nach Angaben des Kulturstaatsministers keine Entscheidung - zumindest vorerst

 26.02.2026

Thüringen

Jüdisch-israelische Kulturtage fordern Verantwortung ein

16 Musiker und andere Vertreter der Kultur aus Israel sind dieses Mal dabei

 26.02.2026

Interview

»Lachen statt verzweifeln«

Ein Gespräch mit der Meme-Künstlerin ruth__lol über jüdischen Humor, die komische Seite des Antisemitismus und eine Leerstelle in den sozialen Medien

von Joshua Schultheis  26.02.2026

Reaktionen

»Plattform für antisemitische Hetze«: Das sagen Künstler und Politiker zur geplanten Tuttle-Absetzung

Wolfram Weimer will die Berlinale-Chefin nach dem jüngsten Antisemitismus-Skandal absetzen. Das sorgt – so wie die Rede von Abdallah Alkhatib – für kontroverse Diskussionen. Ein Überblick

 26.02.2026

Berlinale

Tom Shoval unterstützt Tricia Tuttle

Der israelische Regisseur schreibt in einem Instagram Post Tuttle sei »eine Person von beispielloser Integrität.«

von Katrin Richter  26.02.2026

Programm

Berliner Rebellin, Kafkas Schwester und ein junger Detektiv: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 26. Februar bis zum 4. März

 26.02.2026

Aufgegabelt

Tomato tonnato mit Kapern

Rezepte und Leckeres

von Alice Zaslavsky  25.02.2026

Rezension

Erfolg und Versagen

Konstantin Richter beschreibt deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1871 – und das Schicksal des jüdischen Bankiers Hermann Wallich

von Maria Ossowski  25.02.2026

Debatte

Streit um die Deutungshoheit

Die harten Auseinandersetzungen um die Studie des Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe über die Rolle polnischer Bürgermeister in der Schoa sind ein Lehrstück über den Umgang mit der Freiheit der Wissenschaft

von Julien Reitzenstein  26.02.2026 Aktualisiert