Debatte

»Judenhass unter dem Deckmantel der Satire«

Kabarettistin Lisa Eckhart Foto: imago

Ihr Auftritt in der WDR-Sendung Mitternachtsspitzen liegt schon einige Zeit zurück. Doch nachdem der Westdeutsche Rundfunk den Beitrag der Österreicherin Lisa Eckhart kürzlich auf Facebook postete, nimmt die Kritik an der Kabarettistin kein Ende.

In ihrem Stand-up fragte Eckhart verschwörerisch, ob die #MeToo-Bewegung nicht antisemitisch sei. Immerhin seien Harvey Weinstein, Woody Allen und Roman Polanski Juden. »Am meisten enttäuscht es von den Juden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld«, so die Kabarettistin.

reparationen Und weiter: »Es ist ja wohl nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen auszugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen. Den Juden Reparationen zu zahlen, das ist, wie dem Mateschitz ein Red Bull auszugeben. (...) Was tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten? (...) Die heilige Kuh hat BSE.«

DIG-Präsident Uwe Becker fordert, dass der WDR das Video aus der Mediathek nimmt.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, verurteilt den Auftritt der Kabarettistin im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen als »geschmacklos und kritikwürdig«.

Über Geschmack und die Frage, was Satire ist und was sie darf, lasse sich zwar streiten, betont Felix Klein. Doch Eckhart suche leider Beachtung, indem sie bewusst Grenzen überschreite und ihre Pointen auf der Basis von Antisemitismus, Rassismus sowie allgemeiner Menschenfeindlichkeit setze, so der Antisemitismusbeauftragte.

STEREOTYPE Noch einen Schritt weiter geht Felix Kleins Amtskollege aus Hessen. Uwe Becker (CDU) fordert den WDR auf, das Video aus der Mediathek zu entfernen, damit die judenfeindlichen Aussagen der Künstlerin keinen weiteren Schaden anrichten können.

»Die Freiheit der Kunst und Meinungsfreiheit rechtfertigen keine Gewissenslosigkeit. Ob getanzt, gesungen oder parodiert, die Verbreitung judenfeindlicher Stereotype ist und bleibt Antisemitismus. Deswegen fordere ich, dass das Video aus der Mediathek genommen wird«, sagte Becker, der zugleich Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) ist, der Jüdischen Allgemeinen.

»Nicht nur, aber gerade öffentlich-rechtliche Sender sollten beim Thema Judenhass besondere Aufmerksamkeit und keine Blindheit zeigen. Gesellschaftliche Verantwortung geht jede und jeden an«, so Becker.

https://www.youtube.com/watch?time_continue=147&v=6h8g8-2rdV8&feature=emb_title

Remko Leemhuis, Direktor des American Jewish Committee (AJC) Berlin, betont: »Die Stellungnahme des WDR zu den Aussagen von Lisa Eckhart sind recht eigenwillig. Wo der WDR offenbar eine kluge und feinsinnige kabarettistische Auseinandersetzung mit möglichen und tatsächlichen Verfehlungen von Juden sieht, kann ich nichts anderes als die Reproduktion primitivster antisemitischer Stereotype erkennen.«

Das, was der TV-Sender als Witz und Ironie verstehe, sei nicht anderes als die Aneinanderreihung sattsam bekannter Ideologeme aus dem Arsenal des modernen Antisemitismus. »Der WDR muss sich schon die Frage gefallen lassen, warum so etwas gebührenfinanziert in der Mediathek abrufbar ist.«

RIAS Der Bundesverband RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus) verurteilt den Auftritt der Kabarettistin ebenfalls scharf. »Lisa Eckhart macht in ihrem Beitrag keine Witze über Antisemitismus oder Antisemiten, sie gibt vielmehr antisemitische, rassistische, sexistische und behindertenfeindliche Stereotype wieder. Die Stereotype werden dabei in keiner Form ironisch gebrochen, die Komik soll sich durch den vermeintlichen Tabubruch ergeben«, teilte RIAS auf Anfrage mit.

Und weiter: »Das von RIAS Berlin in den letzten Jahren beobachtete allgemeine Sinken der Hemmschwelle in Bezug auf antisemitisches Handeln und das hohe Bedrohungsgefühl bei Jüdinnen und Juden macht sich wohl auch an TV-Beiträgen wie Eckharts Auftritt in den Mitternachtsspitzen fest.«

Eine Anfrage dieser Zeitung an Lisa Eckhart, ob sie sich zu den Antisemitismusvorwürfen aus großen Teilen der jüdischen Gemeinschaft äußern will, ließ die Künstlerin bislang unbeantwortet.

Der Grünen-Politiker und Leo-Baeck-Preisträger Volker Beck legte eine Programmbeschwerde ein. »Der WDR präsentiert wieder einmal mit Lisa Eckhart ein Potpourri aus antisemitischen Klischees und schenkelklopfendem Humor, bei dem einem das Lachen nur im Halse stecken bleiben kann«, so Beck.

klischees »Der Beitrag verletzt die Menschenwürde von Juden. Er arbeitet in bestätigender Weise mit klassischen antisemitischen Klischees. Der ›Humor‹ dieses Beitrages funktioniert nur, wenn er diese antisemitischen Klischees beim Publikum erfolgreich anspricht und – trotz einer vermeintlichen Tabuisierung – nun bestätigt«, schreibt Beck an WDR-Intendant Tom Buhrow. »Guter Humor lässt über das Vorurteil lachen, schlechter Humor will Vorurteile bestätigen und nutzt die Häme als Stilmittel.«

Ebenso klar äußert sich das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) aus. »Lisa Eckhart beherrscht die Klaviatur jahrhundertealter antisemitischer Stereotype vermischt mit Rassismus und Homophobie. Mit Kunstfreiheit hat das nichts zu tun«, sagt JFDA-Sprecher Levi Salomon. »Das Video von Eckharts Auftritt ist seit längerer Zeit in der Mediathek des WDR abrufbar. Es ist skandalös, dass diese antisemitischen Stereotype in der Redaktion noch niemandem aufgefallen sind, sondern als pseudo-intellektuelles Kabarett dargestellt werden.«

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Der Lyriker und Publizist Max Czollek kritisiert: »Im WDR beweist Kabarettistin Lisa Eckhart gerade, dass sie die Grenze zwischen Humor und Diskriminierung nicht einmal mehr in der Ferne erahnen kann! Sicherlich, Satire darf alles. Aber das bedeutet nicht, dass auch alles gut ist. Und Eckhart scheint den Unterschied zwischen jüdischem Witz und Judenwitz nicht zu kennen. Und der ist entscheidend.«

Ruben Gerczikow von der Jüdischen  Studierendenunion Deutschland (JSUD) stellt klar: »Der gleiche WDR, der vor einigen Jahren eine Dokumentation zum Thema Antisemitismus nicht ausstrahlen wollte, bedient nun Judenhass unter dem Deckmantel der Satire. Es scheint so, als ob man sich beim WDR über Juden und andere Minderheiten getrost antisemitisch beziehungsweise rassistisch lustig machen darf. Bei Omas hört der Spaß auf. Doppelte Standards sind ein Erkennungsmerkmal des Antisemitismus.«

ressentiments In den sozialen Netzwerken wird derweil auch die Frage diskutiert, ob Lisa Eckhart in ihrem Auftritt möglicherweise nicht antisemitische Ressentiments reproduzieren, sondern spiegeln und somit vorführen wollte. Dazu schreibt der ehemalige Journalist Krsto Lazarević auf Twitter: »In dem Video werden rassistische und antisemitische Stereotype bedient, ohne danach gebrochen zu werden. Stumpfes Nach-unten-Treten ist keine Satire. Spannend auch, dass sich der Intendant des WDR sofort entschuldigt, wenn ein paar Nazis vor dem Sender stehen, nicht aber, wenn Jüdinnen und Juden auf Antisemitismus bei Nuhr aufmerksam machen.«

Eine Anfrage dieser Zeitung an Lisa Eckhart, ob sie sich zu den Antisemitismusvorwürfen aus großen Teilen der jüdischen Gemeinschaft äußern wolle, ließ die Künstlerin bislang unbeantwortet. Die WDR-Intendanz ließ eine Anfrage zu den Vorwürfen bislang ebenfalls unbeantwortet.

Köln/Murwillumbah

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