Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

»Wir Israelis sind schon eine außerordentlich widerstandsfähige Spezies«: Anat Fanti von der Bar-Ilan-Universität Foto: Daniela Contini

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026 00:02 Uhr

Viel dreht sich um den Sinn des Lebens. Davon ist Anat Fanti überzeugt. Die Glücksforscherin des Programms für Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft der Bar-Ilan-Universität in Israel hat die Ergebnisse des aktuellen Weltglücksberichtes analysiert. Zum zweiten Mal in Folge kam Israel darin auf Platz 8 – trotz mehr als zwei Jahren der Kriege, der Bedrohung und des Terrors nach dem 7. Oktober 2023.

2021 hatte Israel Platz 12 belegt und stieg im Folgejahr in die Top Ten auf. 2023 erreichte das Land Platz vier, 2024 fiel es einen Platz zurück. Diese Erhebung basierte auf Daten, die kurz nach dem beispiellosen Hamas-Massaker vom 7. Oktober erhoben worden waren, das die andauernden Kriege auslöste. Zum neunten Mal in Folge liegt Finnland an erster Stelle. Deutschland kam auf Platz 17, die USA auf Platz 23. Frankreich und Japan beispielsweise landeten weit darunter.

Fanti wundert Israels Platzierung keineswegs.

Die Rangliste basiert auf Antworten von Befragten, die ihre Lebenszufriedenheit einschätzen, und wurde in Zusammenarbeit mit dem Analyseunternehmen Gallup und dem UN Sustainable Development Solutions Network erstellt. Das Modell der Befragung, das die Bewertung der verschiedenen Länder erklärt, beruht auf sechs Parametern, anhand derer Experten die Platzierung ausarbeiten: wirtschaftliche Stabilität, Lebenserwartung und Gesundheitsversorgung, soziale Bindungen, Spendenbereitschaft, Freiheit und die Wahrnehmung von Korruption.

Fanti wundert Israels Platzierung keineswegs: »Israelis empfinden einen ausgeprägten Sinn im Leben, das Gefühl von Zugehörigkeit und dass sie etwas zu einer ›gemeinsamen Sache‹ beitragen. Das bestimmt ihre allgemeine Lebenszufriedenheit ganz wesentlich.« Seit 2021 habe sich die Platzierung Israels verbessert, »die Kontinuität ist also klar ersichtlich«, hebt sie hervor. Die Ergebnisse wurden veröffentlicht, während Israel wieder einmal im Ausnahmezustand ist. Es herrscht Krieg gegen den Iran, die Menschen müssen Tag und Nacht in Schutzbunker flüchten, Geschäfte sind größtenteils geschlossen, Schulen ganz. Auch Flüge gibt es nur eingeschränkt.

Daten des aktuellen Berichts laufen in einem Dreijahresdurchschnitt aus 2023, 2024 und 2025 zusammen. »Die Auswirkungen der Kriege sind also nur teilweise in der Zufriedenheit abgebildet«, sagt Fanti. Gleichsam ist sie sich sicher: »Israels hohe Platzierung negiert nicht die aktuelle emotionale Krise.« Fanti hat herausgefunden, dass Glücksindikatoren mehr die tiefer liegenden gesellschaftlichen Strukturen und kulturelle Charakteristika widerspiegeln als temporäre Turbulenzen.

In den USA etwa sei das Glücksempfinden junger Menschen auf Platz 60 abgerutscht.

Das wohl bemerkenswerteste Ergebnis aus diesem Jahr betrifft die jüngere Generation: Israelis unter 25 Jahren gelten als die glücklichste Bevölkerungsgruppe und belegen weltweit den dritten Platz. »Und ich habe keinen Zweifel, hätte es den 7. Oktober nicht gegeben, sie wären ganz oben gelandet.« Die Wissenschaftlerin glaubt, dass junge Israelis im Vergleich zu Gleichaltrigen in anderen Ländern oft »weiter« seien. »Sie müssen ab 18 Entscheidungen treffen, die über ihr Alter hinausgehen, besonders im Hinblick auf den Militärdienst.« Auch hätten soziale Beziehungen und vor allem echte Freundschaften in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert. »Und die machen bekannterweise glücklich.«

Diese Ergebnisse stehen in starkem Kontrast zu denen in anderen westlichen Nationen. In den USA etwa sei das Glücksempfinden junger Menschen auf Platz 60 abgerutscht. Der Bericht geht davon aus, dass ein Hauptgrund die sozialen Medien seien. »Zwar werden die auch in Israel stark genutzt, doch die anderen Parameter gleichen die negativen Effekte aus.«

Gleichsam gäben sich die Israelis aufgrund ihrer Glückswahrnehmung und der gleichzeitig oft prekären Lage in Nahost nicht Illusionen hin, wie ihnen manchmal vorgeworfen werde. »In den drei Parametern ›negative Auswirkungen‹, ›Freiheit‹ und ›Korruption‹ sind sie völlig realistisch.« Die Platzierung im Hinblick auf Sorgen, Traurigkeit und Wut fiel deutlich – von Platz 19 vor dem 7. Oktober auf Platz 39 weltweit. Auch daran sehe man, meint Fanti, »dass Israelis die psychologischen und sozialen Kosten des Krieges nicht ausblenden«. Tatsächlich sei das Gegenteil der Fall: »Es zeigt den Unterschied zwischen der Resilienz und der schwierigen emotionalen Realität des Alltags in Nahost umso deutlicher.«

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Allerdings gibt sie zu bedenken, dass diese bedeutende Resilienz in Gefahr sei, wenn das Vertrauen in die Regierung und staatliche Institutionen weiter sinke – im Korruptionsindex fiel Israel auf Platz 107 zurück. Und dass die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, als eingeschränkter wahrgenommen wird. »Es zeigt, dass die Wahrnehmung der intakten Demokratie Schaden genommen hat«, resümiert sie. »Der Anstieg von Sorgen, Traurigkeit und Wut sowie der Vertrauensverlust in der Bevölkerung zeigen, dass die Resilienz durch eine aktive Politik zur Wiederherstellung des öffentlichen Vertrauens gestärkt werden muss.«

»Wir Israelis sind schon eine außerordentlich widerstandsfähige Spezies.«

Die Zahlen im Glücksbericht bestätigt Fanti anhand der Daten des zentralen israelischen Amtes für Statistik. Das stellte fest, dass die allgemeine Lebenszufriedenheit der Israelis ab 20 Jahren bis 2024 mit mehr als 91 Prozent außerordentlich hoch blieb. Die Behörde verzeichnete jedoch auch einen deutlichen Anstieg der emotionalen Belastung: Der Anteil derer, die über Depressionsgefühle berichteten, stieg von 25,5 Prozent im Jahr 2023 auf 33,9 Prozent im Jahr 2024. Der Stresspegel von 58,2 auf fast 68 Prozent.

»Wir Israelis sind schon eine außerordentlich widerstandsfähige Spezies«, resümiert die Glücksforscherin. »Das zeigt der neue Bericht ganz deutlich.« Allerdings meint sie auch: »Als selbstverständlich angenommen werden sollte es nicht.«

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