Interview

»Isidor hätte es gefallen«

Shelly Kupferberg Foto: Heike Steinweg

Interview

»Isidor hätte es gefallen«

Shelly Kupferberg über ihren Bestseller »Isidor«, seine Inszenierung am Wiener Burgtheater und konstruktive Erinnerungsarbeit

von Mascha Malburg  08.02.2026 09:20 Uhr

Frau Kupferberg, was würde Ihr Urgroßonkel wohl sagen, wenn er wüsste, dass seine Geschichte bald am Burgtheater aufgeführt wird?
Das habe ich mich auch schon gefragt! Ich bin kein spiritueller Mensch, aber manchmal hoffe ich, dass Isidor von wo auch immer hinunterschaut, vielleicht lächelt und es gar nicht fassen kann. Er mochte ja jede Form von Kunst und Kultur. Besonders gefallen hätte ihm sicher, dass seine Geschichte nach Wien zurückkehrt. Er hat so eine wahnsinnige Liebe zu Wien gehegt, die so brachial zerstört wurde.

Der Regisseur Philipp Stölzl bringt Ihr Buch als Theaterstück auf die Bühne. Waren Sie an der Umsetzung beteiligt?
Wir haben uns oft getroffen und über diese Geschichte gesprochen, aber was letztlich daraus entsteht, werde ich erst bei den Proben vor der Premiere erfahren. Ich habe da vollstes Vertrauen. Er ist ein wunderbarer und sensibler Regisseur. Es ist ein bisschen so, als würden die Figuren noch einmal aus dem Buch herausgenommen werden und in anderen Konstellationen auf die Bühne gestellt – wie in einer Familienaufstellung. Ich bin sehr gespannt, was zwischen ihnen passiert, wenn sie neu aufeinandertreffen.

»Isidor« erschien 2022 und fand große Resonanz. Haben Sie damit gerechnet?
Überhaupt nicht, es hatte mit einer privaten Recherche über die Geschichte meines Urgroßonkels begonnen. Doch das Buch wurde ein Bestseller und ist mittlerweile ins Italienische und Französische übersetzt worden. Auf meinen Lesungen komme ich mit vielen Menschen ins Gespräch. Dieses Schicksal berührt sie, und das bewegt auch etwas in ihnen.

Ist das eine Form der Erinnerungsarbeit?
Auf jeden Fall ist es ein sehr konstruktiver Ansatz. Als Juden werden wir meist früh mit unserer Familiengeschichte konfrontiert, aber Trauma, Flucht und Vertreibung gibt es in fast jeder Familie. Ich ermutige meine Leser, selbst zu recherchieren. Manchmal ist es schmerzhaft, was man da findet. Aber ich glaube, wir müssen uns dem stellen, um uns und unsere Familien zu verstehen, egal ob auf Täter- oder Opferseite. Wer einen »Schlussstrich« fordert, beschneidet sich letztlich auch selbst.

Sehen Sie in Isidors Geschichte Parallelen zu heute?
So weit würde ich nicht gehen, aber in dem Buch finden sich Fragen, die wieder aktuell erscheinen: Welche Konsequenzen ziehe ich aus dem antisemitischen Klima, das sich im eigenen Leben niederschlägt? Verstecke ich meine jüdische Identität? Gehen oder bleiben? Unsere Welt ist gerade sehr volatil. Der Hass von heute ist viel schamloser, als wir es uns vor einigen Jahren hätten vorstellen können. Gleichzeitig bietet Isidors Geschichte ganz unterschiedliche Anknüpfungspunkte auch über das Jüdische hinaus. In ein paar Jahren wird man vielleicht andere aktuelle Bezüge feststellen. Sie behält immer eine Art von Gültigkeit.

Mit der Autorin und Journalistin sprach Mascha Malburg.

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