Debüt

Irgendwo in Istanbul

Wo beginnen wir, und wie werden wir die, die wir sind, während wir andere zu sein versuchen? Foto: Thinkstock

Debüt

Irgendwo in Istanbul

Schnell, intensiv, politisch: Sasha Marianna Salzmanns Roman »Außer sich«

von Lena Gorelik  09.10.2017 11:52 Uhr

Ich bin verliebt. Erst bin ich in Ali verliebt, dann in Onkel Cemal, später in Anton, in Istanbul sowieso; ich bin in die Sprache von Sasha Marianna Salzmann verliebt, und in einzelne Sätze, ich bin in jeden für sich und all das verliebt, was zusammen mehr ergibt als eine Geschichte. Ich bin niemand, der sich schnell verliebt, und von Berufs wegen ein kritischer Leser, aber nur so lässt sich dieser Roman lesen: mit rasendem Herzen.

Dass man nicht weiß, wo der Debütoman Außer sich von Salzmann beginnt, bei welcher Geschichte, in welchem Land, bei welchem Familienzweig, ist womöglich genau die Frage, die die Autorin mit ihrem Geschichtensog stellen möchte: Wo beginnen wir, und wie werden wir die, die wir sind, während wir verzweifelt versuchen, nicht das zu werden, was unsere Eltern und Großeltern einmal waren?

Wir sind, aber wir sind »weil«, und das »Weil« ist groß, es ist größer, als wir das manchmal wahrhaben wollen. Das »Weil« sind unsere Vorfahren, unsere Familien, die gelebt, gelitten, geliebt, gezankt, gefürchtet, gelacht, gefühlt haben. Das »Weil« ist, woran wir uns tagtäglich abarbeiten, indem wir uns entweder damit permanent auseinandersetzen oder uns davon distanzieren und die Mitte dazwischen nicht treffen, eben: »weil«.

postkarte Ali und Anton, die Zwillinge, die im Zentrum dieses Romans mehr fallen als stehen, kommen als Kinder mit ihrer jüdischen Familie aus der Sowjetunion nach Deutschland, so wie es auch die Autorin tut, was nur deshalb erwähnenswert ist, weil sie das Wissen über dieses Land – das tatsächliche, und jenes, das aus Ahnungen und Andeutungen besteht – so virtuos und selbstbewusst in ihren Roman einflechtet. Sie kommen als Kinder, und sie werden in Deutschland groß, in einer zerrütteten Familie, in zerrütteten Verhältnissen, zerrüttet selbst, da sind sie noch Kinder auf dem Schulhof, die von anderen Kindern gemobbt werden. Eines Tages ist die Zerrüttung so groß, dass Anton verschwindet – nur ein einziges Mal meldet er sich, indem er eine leere Postkarte aus Istanbul schickt.

Also macht sich Ali auf den Weg, ihren Bruder zu suchen, in dieser pulsierenden, glitzernden Millionenstadt, in der sie nur einen kennt: Onkel Cemal, den Onkel ihres Mitbewohners. Hier beginnt der Roman, aber das ist das Besondere an dieser Geschichte: Er könnte genauso gut hier enden. Es könnte aber auch die Mitte sein, wie Ali bei Onkel Cemal auf dem wanzenverseuchten Sofa liegt und Çay trinkt, wie sie ziellos durch die Straßen streift, wie sie Katho begegnet, in den/die sie sich vielleicht verliebt und vielleicht auch nicht. All das kann von großer Bedeutung sein, oder ein kurzer Augenblick, der vom Vergehen des Lebens zeugt.

Während Ali durch die dreckigen, lärmenden, vor Leben strotzenden Straßen Istanbuls streift, streifen ihre Gedanken und Erinnerungen, die keine sein können, weil sie das alles nicht miterlebt haben, durch die Geschichten ihrer Familie, ihrer Eltern, ihrer Großeltern, Urgroßeltern. Wer hat wie wen getroffen, warum geliebt und meistens nicht geliebt, wie den Krieg, das Leben überlebt? Eine dieser Geschichten, könnte man nörgeln, in der dem Protagonisten etwas zustoßen muss, damit er sich an seine Wurzeln erinnert, noch jemand, der seine Vergangenheit bereist, um sich selbst im Heute zu finden. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

ukraine Salzmann hat die Gabe, Welten zu erschaffen, die für sich stehen: Alis Leben in Berlin, ihr Nicht-Leben in Istanbul, die Zwillinge in der Sowjetunion, ihre Eltern am Rande von Moskau und Katho in der Ukraine; man vergisst, dass die Geschichten Teil sind von etwas. So sehr taucht man in Orte, Jahrzehnte, Gefühle ein, dass es ist, als würde Salzmann einem mehrere Bücher in einem schenken. Jedes Mal, wenn der Roman zwischen den Familienzweigen springt, ist da diese kleine, aber wundervolle Enttäuschung eines großen Leseerlebnisses im Bauch: Was, schon vorbei?

Wichtige gesellschaftliche Fragen wirft die Autorin mit einer Selbstverständlichkeit auf, dass man die umständlich geführten »Diskurse« darüber nur noch lächerlich finden kann. Ali ist ein Mädchen, Anton ist ein Junge, so beginnt es, als die beiden in die Welt hineingeworfen werden, aber als der Roman endet, der Roman, nicht seine Geschichte, ist Ali ein Mann, vielleicht. Auch das ist eine Stärke des Romans, dass alle Vielleichts als solche stehen gelassen werden dürfen.

Salzmanns Sprache ist wie ein Sog, sie reiht atemlos Sätze und Nebensätze und angehängte Satzfetzen aneinander, ohne je wirklich außer Atem zu kommen. Das liegt vielleicht daran, dass sie jedem Detail, jedem Gefühl ihren Raum, ihr Bild, ihre eigene Beschreibung gibt: Nichts an diesem Roman ist dahingerotzt, und nichts angestrengt – eine Kunst, die nur wenige beherrschen. (Aber wie gesagt, ich bin ja auch verliebt.)

Zigaretten Manches wiederum fasst sie so deutlich und schleifenlos in Worte, dass es schmerzt. Zum Beispiel, wenn Alis Mutter die angewiderte Tochter, die sie nach Monaten endlich zu Gesicht bekommt, fragt, worüber sie reden sollen, und Ali nicht antwortet, aber denkt: »Über das Bedürfnis nach menschlicher Nähe und wohin man damit soll.

Über das Verfärben von Zähnen durch Zigaretten und schwarzen Tee, darüber, warum du noch nicht ausgezogen bist aus diesem Museum hier, brauchst du das, diesen Mief, statt neue Möbel zu kaufen und über alte Brandlöcher zu stellen, alles verbrennen, die Klamotten verschenken, von mir aus ans Rote Kreuz, in eine andere Stadt ziehen, zu mir ziehen, nein, bitte nicht zu mir ziehen, aber auch nicht weit weg, mit mir deinen Sohn suchen, aber nicht darüber sprechen.«

Sasha Marianna Salzmann hat einen Roman geschrieben, der so ist wie sein Titel: Außer sich. Die Sprache treibt den Leser gnadenlos vor sich her, die Autorin hängt Sätze, Themen, Geschichten, Menschen, Jahrhunderte aneinander, als wäre sie außer sich, sie springt hinein und tritt wieder heraus, in Gefühle, Gedankenschleifen und die ganz großen Fragen, aber sie bewahrt die notwendige Distanz zu all dem, die sie braucht, um Klischees oder Mitleid zu vermeiden, genau so: außer sich.

Sasha Marianna Salzmann: »Außer sich«. Roman. Suhrkamp, Berlin 2017, 366 S., 22 €

Aufgegabelt

Weißkohl-Salat

Rezepte und Leckeres

 11.01.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Wettergespräche oder Warum ich Kälte einfach so aushalte

von Nicole Dreyfus  11.01.2026

Literatur

Im Tunnel

Eli Sharabis Erinnerungen an seine Geiselhaft in Gaza sind ein Manifest der Menschlichkeit. Ein Buch voller Grausamkeit, aber ohne Hass

von Maria Ossowski  10.01.2026

Reimund Leicht

»Präsenz und Sichtbarkeit verstärken«

Der Leiter des Judaistik-Instituts an der FU Berlin über Herausforderungen auf dem Campus, die vakante zweite Professur und Lehre zu jüdischer Kultur im modernen Israel

von Ayala Goldmann  09.01.2026

Berlin

Dschungelcamp-Kandidatin stichelt gegen Gil Ofarim: »Ganz übel«

Die Teilnahme des jüdischen Musikers sorgt für heftige Reaktionen. Nun wirft ihm auch Kandidatin Belstler-Boettcher Fehlverhalten in der sogenannten Davidstern-Affäre vor

 09.01.2026

Osnabrück

Christian Berkel hat zu viele Bücher

Das Problem: »Wir haben mal versucht, eine alphabetische Ordnung in den Bücherschrank zu bringen, aber mittlerweile liegen die Neuen einfach obenauf«, so der jüdische Autor und Darsteller

 09.01.2026

Berlin

Swing-Konzert nach Hüftoperation

Nur Tage nach dem Eingriff will Andrej Hermlin wieder auf der Bühne sein. Unter anderem steht ein großes Konzert in der Philharmonie an

von Imanuel Marcus  08.01.2026

Trauer

Schöpfer der Todesmarsch-Mahnmale: Hubertus von Pilgrim ist tot

Der Bildhauer Hubertus von Pilgrim ist im Alter von 94 Jahren in Pullach bei München gestorben. Internationale Bekanntheit erlangte er durch sein Mahnmal für die Opfer des Dachauer Todesmarschs vom April 1945

 08.01.2026

Debatte

Gil Ofarim reagiert auf Kritik an Dschungelcamp-Teilnahme

Gil Ofarim sorgt mit dem Einzug ins Dschungelcamp wieder für Wirbel. Nach Boykott-Aufrufen von Fans äußert er sich erstmals selbst

 08.01.2026