Literatur

In der Dunkelkammer

Erzählt anhand von Assoziationsketten von seiner Kindheit, dem Widerstand der Eltern und dem Ungarn-Aufstand 1956: Péter Nádas Foto: Getty Images

Kein Schriftsteller unserer Zeit hat so schonungslos den Blick auf die Welt in ihrer geheimnisvollen Fremdheit gerichtet wie der Ungar Péter Nádas in seinen großen Romanen Buch der Erinnerung (1985) und Parallelgeschichten (2005). Beide waren Werke aus dem Geist des vorigen Jahrhunderts, die jetzt durch die Memoiren des nunmehr 75-jährigen Autors in die Trias des persönlichen Rückblicks hineinwachsen.

Aufleuchtende Details, der Titel dieser »Lebensbeichte«, wie Nádas sie selbst nennt, ist einer früheren Erzählung des passionierten Fotografen entlehnt, der in jungen Jahren als Fotoreporter für das ungarische Frauenmagazin »Nök Lapja« und später als Autor für die Tageszeitung »Pest Megyei« gearbeitet hat, bevor er sich wegen des Dauerstreits mit den Vorgaben der kommunistischen Partei als freier Schriftsteller aufs Land zurückzog. Diesen Beruf wollte er schon als Elfjähriger anstreben. »Es war für mich eine beschlossene Sache, dass ich Schriftsteller werden würde«, schreibt Nádas in seinen Memoiren. »Aber darüber sprach ich mit niemandem. Ich blieb in allen Lebenslagen der Beobachter.«

Kunstgriff Es kam bei Nádas einiges zusammen: die frühe Leidenschaft, mit dem Fotoapparat unwiederbringliche Augenblicke rasch per Knopfdruck festzuhalten, zugleich aber auch die Realität einer Epoche, die sich in zwei Weltkriegen und der Schoa herausgebildet hat, literarisch darzustellen. In seiner Autobiografie, mit ihren 1280 Seiten ein ähnliches Mammutwerk wie die 2011 erschienenen Parallelgeschichten, gelingt ihm wiederum dieser simultane Kunstgriff, das Präzise des fotografischen Blicks mit aufeinanderfolgenden Erzählsträngen zu verbinden, die immer wieder gebrochen werden – ohne dass die feste Erzählerstimme sich vom Leser entfernt. Das ist genial und entspricht seiner Lebensweisheit, derzufolge außer der Kunst nichts auf der Welt einen Sinn hat

Péter Nádas, Jahrgang 1942, erzählt aus seiner Jugendzeit, die er nach dem Tod der Eltern, jüdischer Kommunisten, weitgehend einsam verbracht hat. Der Vater war nach dem Krieg als Amtsbeirat für das Fernmeldewesen zuständig, Mutter Klari und Tante Magda waren beide im Widerstand; Nádas verbrachte seine Kindheit in der Pressburger Straße zwischen Pest und Buda, nicht allzu weit von der Margareteninsel. Die Regeln von Zeit und Raum, die Logik von Chronologie und Dramaturgie verschwinden im Erzählduktus – eine Leseerfahrung, die man von den Parallelgeschichten kennt.

Aber Erinnerungen folgen doch noch anderen Gesetzen. Hier orientiert sich die Beschreibung gerade der frühen Jahre mehr an der Überlieferung der Alten als an eigener Erfahrung. Und trotzdem lebt im Kind eine vage Erinnerung an die Kriegswirren, aus den Erzählungen von Eltern und Großeltern entsteht ein Gewirr des Schreckens über das Jahr 1944, als die ungarischen Juden zu Tausenden von Eichmann und den heimischen Pfeilkreuzlern in die deutschen Lager deportiert wurden. Dann das Kriegsende – wie sich das moderne Pest und Buda in eine Trümmerstadt verwandeln. Das Kind beobachtet. Es hört die Geschichten der Eltern, erfährt vom Verrat der Tante an seiner Mutter.

Widerstand Als Nádas älter ist, wird er seinen Vater und seine Mutter besser verstehen, entdeckt bei ihnen »das Ethos des Widerstandes«, vor allem imponiert ihm die Kompromisslosigkeit der Mutter, die sich später als überzeugte Kommunistin vergeblich gegen die Parteiführung zur Wehr setzt und kaltgestellt wird.

Nádas spart in seiner »Lebensbeichte« nicht mit Kritik auch an den heutigen Zuständen in Ungarn. »Ein Leben lang«, schreibt er, »habe ich ein patriotisches Erbe gepflegt, das nur in meinem Kopf existiert, während es im Kopf der Heimat nur sehr beschränkt vorkommt, sofern die Patria überhaupt einen Kopf hat.« Der Antisemitismus ist in Ungarn virulent geblieben.

Auch der Jugendliche muss sich in dieser Hinsicht von seiner Mutter belehren lassen. »Wenn ich die Juden hasse, dann solle ich in den Spiegel schauen, da hast du einen Juden, kannst ihn ruhig hassen«, erinnert er sich. Der Junge hatte den christlichen Antisemitismus aus dem Unterricht mit nach Hause gebracht.

Spannung Budapest, 1956: Der Aufstand gegen die sowjetischen Besatzer, der blutig niedergeschlagen wird, während der Westen wortreich, aber tatenlos zuschaut. Nádas steht bei der ersten großen Massendemonstration unter den Tausenden vor dem Parlament, die den Worten des später von den Sowjets hingerichteten Ministerpräsidenten Imre Nagy hoffnungsvoll lauschen. Der Schriftsteller erzählt von diesem Kapitel der Geschichte in einer Sprache von klassisch-kühler Eleganz, die eine gewisse Spannung erzeugt, ohne jedes Pathos, ohne Übertreibung.

Seine Memoiren werden aus der Perspektive heutiger Betrachtung bestimmt, berichten aber auch von persönlichem Leid und der Nähe zum Tod. Ende der 60er-Jahre bestimmen Suizidgedanken sein Leben. Um 1968 beschäftigt er sich zunehmend mit der Psychoanalyse, studiert Freud und Jung. Auch im Zuge dieser Lektüre setzt er sich mit homosexuellen Neigungen auseinander, mit dem Versteckspiel gegenüber der Umwelt. Dazu die Konfrontation mit dem neuen und dem alten Judenhass.

Besonders ergreifend ist Nádas’ Erinnerung an seinen Vater. Dieser hätte gerne im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft, wurde zu der Zeit aber in der Budapester Hardik-Kaserne von den Pfeilkreuzlern gefoltert. Als Erwachsener fährt der Sohn nach Frankreich, besucht das einst berüchtigte Lager Le Vernet in der Nähe von Toulouse, wo unter dem Vichy-Regime die aus Deutschland vor Hitler geflohenen Emigranten eingesperrt wurden. Längst verloren geglaubte Erinnerungen kehren plötzlich zurück in sein Bewusstsein.

schauplätze Nádas’ Memoiren gehen hervor aus der Überlagerung vieler historischer Zeiten und Schauplätze. Und doch dominiert die persönliche Erfahrung, auch wenn sie mitunter kauzig daherkommt, etwa wenn er den »barbarischen« Versuch seiner Eltern schildert, dem Jungen einen Einlauf zu machen. Oder wenn er von seiner Kinderfreundschaft mit der kleinen Yvette erzählt.

Irgendwann fragt er sich: »Wie wäre es, wenn nicht geschehen wäre, was geschehen war?« So geben die Memoiren von Péter Nádas Auskunft über Sinne und Verstand, über Leben und Enttäuschungen eines der wichtigsten Schriftsteller der Gegenwart.

Péter Nádas: »Aufleuchtende Details«. Rowohlt, Reinbek 2017, 1280 S., 39,95 €

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