Kino II

In den Tunneln von Lvov

Schoa und Spielfilm gehen selten eine gute Beziehung ein. Meist muss sich das vornehmlich visuelle Medium der Undarstellbarkeit beugen. Dann gleitet das abgebildete Leiden zum traurigen Kitsch oder in undifferenzierte Heroisierung ab.

Manchmal aber gelingt die Kombination. Ein aktuelles Beispiel gibt Agnieszka Holland. Die polnische Regisseurin hat nach dem Tatsachenbericht In The Sewers of Lvov von Robert Marshall ein Stück Schoa-Geschichte verfilmt, das den jüdischen Überlebenskampf ohne Überdramatisierung oder Druck auf die Tränendrüse und dennoch intensiv erzählt.

kanalisation Der Titel In Darkness klingt nach einem Horror-Film mit Zombies, die in der Finsternis auf ihre Opfer lauern. Doch er bringt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte des Films auf den Punkt. Über 14 Monate lang versteckt sich eine Gruppe jüdischer Ghettobewohner in der Kanalisation unter Lvov. Sie sind durch einen Tunnel ins Abwassersystem der Stadt geflohen, um sich vor der Deportation in die Vernichtungslager zu retten.

Die Gruppe wird von dem polnischen Kanalarbeiter und Gelegenheitsgauner Leopold Socha entdeckt. Gegen Bezahlung versorgt er die Versteckten mit Nahrungsmitteln und führt Nazi-Suchtrupps in die Irre. Anfangs ist Sochas von reinem Eigennutz angetrieben. Doch allmählich ändert sich seine Haltung. Er kommt nach und nach zu der Überzeugung, dass er die Menschen im Untergrund retten muss, weil sie Menschen sind – seiner Angst vor den Deutschen zum Trotz. Auch die eigene Familie setzt Socha der Gefahr aus, um den Flüchtlingen zu helfen, die er fast liebevoll »meine Juden« nennt.

Diese werden – und das ist die größte Stärke des Films – nie bloß als Opfer dargestellt. Sie sind weder traurige Statisten, an denen der Filmheld seinen guten Charakter abarbeiten kann, noch werden sie als homogene Gruppe gezeichnet, »die« Juden. Die auf engstem Raum zusammengepferchte Zwangsgemeinschaft ist vielschichtig. Einer ist dumm, der andere intelligent; es sind arme und reiche, schöne und hässliche, gläubige und säkulare Menschen, die in der Dunkelheit ausharren.

Es kommt zu Angst und Hass während der Monate im Untergrund, aber auch zu Liebe. Mal erlebt der Zuschauer Niedertracht, dann ist befreiendes Lachen zu hören. Und während die einen ihr Schicksal Hiob gleich ertragen, werden andere aktiv und gehen auch gewaltsam gegen Nazis vor. Seinen Kulminationspunkt findet der filmische Konflikt in der Zweipersonenspannung zwischen Leopold Socha (Robert Wieckiewicz) und dem jüdischen Heißsporn Mundek Margulies (Benno Fürmann).

subtil Was In Darkness auch auszeichnet, ist, dass die Gewalt in diesem Film eine Darstellung findet, der nichts Voyeuristisches anhaftet. Die Gräuel der Nazis stehen nie im Zentrum, sind dennoch stets gegenwärtig. Der Terror entfaltet sich für das Zuschauerauge meist indirekt und im Hintergrund, ohne dass dies verharmlosend wirkt. Im Gegenteil: Gerade so wird das Schicksal der Ghettobewohner, schutzlos Willkür und Grausamkeit ausgeliefert zu sein, besonders spürbar. Auch den monatelangen Kampf der in der Finsternis Versteckten gegen Hunger, Angst und Naturgewalten schildert der Film ohne falsches Pathos.

In Darkness ist im Januar für einen Oscar in der Kategorie »Bester ausländischer Film« nominiert worden. Zu Recht: Agnieszka Holland lässt sich an keiner Stelle zu Überhöhung oder Horrorbildern hinreißen. Sie zeigt keine Helden, sondern gewöhnliche Menschen, die versuchen, in einer unmenschlichen Situation zu überleben. Nicht mehr. Denn das ist schon Drama genug.

Thüringen

Doppelkonzert eröffnet Jüdisch-Israelische Kulturtage

Nach stornierten Flügen gelingt dem israelischen Sharon-Mansur-Trio aus Haifa doch noch die Anreise nach Deutschland. Jetzt starten die Jüdisch-Israelischen Kulturtage Thüringen gemeinsam mit israelischen und iranischen Künstlern

 04.03.2026

Berlin

Tricia Tuttle bleibt Berlinale-Chefin

Die Amerikanerin muss sich allerdings an Auflagen halten

 04.03.2026

Shkoyach!

Eine Begegnung vor dem Krieg Oder Frieden. Schalom. Saleh.

Die Mullahs mit ihrem rasenden Hass auf Israel als Staatsdoktrin haben bei vielen Iranern genau das Gegenteil bewirkt. Eine Begegnung vor dem Krieg

von Sophie Albers Ben Chamo  04.03.2026

Lebende Legende

Wolf Biermann feiert 90. Geburtstag mit drei Festkonzerten

Vor 50 Jahren wurde der Liedermacher aus der DDR ausgebürgert. Zudem feiert er seinen 90. Geburtstag. Mit Konzerten blickt er auf ein bewegtes Leben voller Musik und politischer Haltung zurück

 04.03.2026

Berlin

Nächste Krisensitzung: Wie geht es weiter bei der Berlinale?

Lebhaft wurde in den vergangenen Tagen über die Zukunft des Filmfestivals und Intendantin Tricia Tuttle diskutiert. Nun trifft sich der Aufsichtsrat erneut

 04.03.2026

Programm

Kleine Großstadtdektive, ein musikalischer Golem und Gespräche: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 5. bis zum 12. März

 03.03.2026

Kult-Comics

80 Jahre Lucky Luke: Der Cowboy mit dem smarten Pferd

Zwar trägt Lucky Luke keinen Davidstern. Der jüdische Autor René Goscinny trug aber entscheidend zum Witz und dem großen Erfolg der Serie bei

 03.03.2026

Berlin

Tuttle will bei Berlinale bleiben - ist der Streit vorbei?

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle leitet das renommierte Filmfestival seit 2024. Nach Vorwürfen und Kontroversen legt sie sich fest: Sie will weitermachen. Aber längst nicht alle Fragen sind geklärt

von Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat  03.03.2026

Berlin

Weimer: »Auf gutem Weg« zu zukunftsfester Berlinale

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle will Leiterin des Filmfestivals bleiben. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien reagiert knapp

 03.03.2026