17. Juni 1953

Im Schutz der Partei

Auseinandersetzungen auf dem Leipziger Platz in Ost-Berlin (Foto digital koloriert) Foto: dpa

Im Juni 1953, drei Monate nach Stalins Tod, entlud sich die ökonomische und politische Unzufriedenheit in der DDR in einem Volksaufstand. Anlass war die Erhöhung der Arbeitsnormen, die das ZK der SED im Mai des Jahres beschlossen hatte. Der soziale Protest radikalisierte sich alsbald in politischen Forderungen nach freien Wahlen und der Öffnung der Gefängnisse.

Aus Arbeitsniederlegungen entstand eine Volksbewegung, die die ganze DDR erfasste. Mehr als eine halbe Million Menschen war daran beteiligt. Der freien Welt führte der Aufstand schlagartig vor Augen, dass es in der DDR nicht nur die »Machthaber in Pankow« und ein unterdrücktes Volk gab. Vernehmlich ertönte der Ruf nach Freiheit und Einheit. Selbstbewusst zogen die Demonstranten durch das Brandenburger Tor und schwenkten Deutschlandfahnen.

Am Ende mussten die Akteure erfahren, wer die Macht im Staate hatte: Unter tätiger Mithilfe der Volkspolizei schlug die sowjetische Besatzungsmacht die waffenlose Erhebung blutig nieder. 10.000 Personen wurden als »Rädelsführer« und »Provokateure« verhaftet. Und es waren 125 Tote zu beklagen.

Verzweiflung Aber alle, die an den Sozialismus in den Farben der DDR glaubten, stürzte die Massenbewegung in Ratlosigkeit, Panik, Wut und Verzweiflung. Zu den Getreuen zählten beileibe nicht nur Apparatschiks, eisenharte Satrapen Moskaus oder bornierte Intellektuelle. Auch diejenigen, welche Terror und Verfolgung im »Dritten Reich« als Juden überlebt und nach dem Ende der braunen Diktatur die sowjetische Besatzungszone und die junge DDR zu ihrer neuen Heimat erkoren hatten, standen auf dieser Seite der Barrikade.

Etliche von ihnen hatten Schutz und solidarische Hilfe von Kommunisten erfahren – im Versteck, in den Konzentrationslagern oder in der Emigration. Manche hatten ihre Befreiung durch die Rote Armee erlebt. Andere verdankten ihr Überleben als Juden der Weltrevolution selbst: Sie waren in ihrer Jugend zu Kommunisten geworden und hatten ihre jüdische Herkunft marginalisiert oder verdrängt.

Juden in der DDR nahmen den 17. Juni in spezifischer Weise als Gefahr wahr. Er galt ihnen weniger als Ausdruck eines Freiheitswillens denn als Vorbote drohenden Unheils. Für die Beschädigten und Traumatisierten beschworen die Ereignisse altbekannte Bilder herauf: Szenen nächtlicher Demonstrationen, Schlägereien, Sachbeschädigungen und Schwelbrände, zerborstenes Glas im Sommer 1953 verknüpften sich assoziativ mit den Fackelzügen der SA und dem Terror der Straße seit 1933.

Die Ereignisse evozierten Erinnerungen an die »Machtergreifung«, die Bücherverbrennung und die »Kristallnacht«. Der Aufstand, das war auch Vandalismus und Gewalt gegen Sachen und Menschen. Er führte die Urszenen der Verfolgung vor Augen. Und er weckte spontane Ängste davor, wo dies alles enden konnte: in Pogromen und in den Gaskammern von Auschwitz. Rettungslos war die Gegenwart der Vergangenheit ausgeliefert.

Assimilation Für Juden in der SED rückte darüber hinaus das idealisierte Objekt ihrer assimilatorischen Sehnsucht – die Arbeiterklasse, das Volk, die Massen – in schmerzliche Entfernung. Ernüchtert gingen jüdische Kommunisten auf Distanz zu den Demonstranten. Ausgerechnet die Bauarbeiter der Stalinallee, die Vorzeigeproletarier der prestigeträchtigsten Großbaustelle der Republik, hatten den Streik begonnen und stellten sich mit politischen Forderungen gegen die SED. Die Desillusionierung über die vermeintlich besonders klassenbewussten Helden der Arbeit saß tief. Alexander Abusch, Remigrant und späterer Kulturminister der DDR, befand, dass sich im Akt des Streiks die durch und durch feindliche Haltung der Streikenden offenbare. Die Avantgarde der Arbeiterklasse riss sich für ihn die Maske vom Gesicht, und zum Vorschein kam der Faschist von gestern.

Abuschs fantastische Mutmaßungen bereiteten das Terrain für staatsoffizielle Verschwörungstheorien: Offensichtlich argumentierte die Vorhut des Aufstands so überzeugend, dass sie sogar imstande war, die »wirklichen«, arglosen Arbeiter zu verhetzen. Mit gespenstischer Effizienz arbeiteten »Rädelsführer« und äußere Feinde Hand in Hand.

An der ideologischen Gegenoffensive der SED, der Sprachregelung vom »faschistischen Putsch« und ihrer Popularisierung in Agitation und Propaganda war auch der Auschwitz-Überlebende Hermann Axen – im ZK der SED verantwortlich für »Agitation und Presse« – maßgeblich beteiligt. Wer die eigene Position politisch und persönlich als extrem gefährdet ansah, setzte auf die sowjetische Besatzungsmacht, die am Ende das Notwendige tat, und flüchtete in den Schutzraum der Partei.

Prüfstein Zugleich aber wurde der Volksaufstand für Juden in der DDR zum Prüfstein der Selbstdisziplinierung und schließlich zur Chance politischer Bewährung. Denn nur ein halbes Jahr zuvor waren jüdische Kommunisten allein wegen ihrer Herkunft durch die antizionistischen Säuberungen gegangen. In zermürbenden Parteiverfahren mussten sie den Verdacht entkräften, »Zionisten« und »imperialistische Agenten« zu sein. In Panik verließen bei Nacht und Nebel viele Juden das Land. Wer blieb, wurde einstweilen politisch degradiert und beruflich kaltgestellt. Der 17. Juni stiftete eine neue affektive Verbundenheit der eben noch Stigmatisierten mit der SED. Und die Partei honorierte den rückhaltlosen Einsatz für den »Neuen Kurs« und gegen die bürgerliche Demokratie im Westen mit neuen Aufgaben.

Das schlichte Weltbild einer komplementären Zweistaatlichkeit, das nach dem 17. Juni 1953 endgültig zementiert wurde – hier die Antifaschisten, dort die Altnazis – wirkte psychologisch ungemein entlastend. Nur in der DDR konnten sich die Dagebliebenen fortan heimisch fühlen. Bis zum Ende der DDR sollte sich diese Falle der politischen Loyalität als haltbar erweisen.

Die Autorin ist Historikerin und Verfasserin des Buches »Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR« (Köln 2000).

Der Aufstand vom 17. Juni begann mit Streiks, Demonstrationen und Protesten gegen die SED-Führung. Gründe waren eine akute Versorgungskrise und staatliche Repressionen, unmittelbarer Auslöser war eine Erhöhung der Arbeitsnormen, also eine faktische Lohnsenkung. Nach der Niederschlagung des Aufstands war der 17. Juni bis zum Jahr 1990 »Tag der deutschen Einheit« in der Bundesrepublik.

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