Etgar Keret

»Ich nannte sie Imale«

Etgar Keret Foto: IMAGO/Sabine Gudath

Herr Keret, wie war Ihre Mutter?
Meine Mutter war ein Kind in der Schoa. Und als Kind sind einige Wörter undefiniert oder bedeutungslos: Man könnte die Königin der Niederlande sein oder Wimbledon gewinnen oder ein Superheld werden. Und irgendwie ist sie da in dem Sinne geblieben, als dass sie immer sagte, dass alles möglich ist. Es gibt keinen Grund, warum du nicht das machen solltest, was du willst. Meine Mutter hatte etwas, das ein wenig schwierig für meine Frau war, denn wann immer wir in ein Restaurant gingen – es hätte selbst ein Sterne-Restaurant sein können –, fragte sie mich: Schmeckt Dir das? Dann mache ich das für dich morgen. Auch wenn es komplizierte Gerichte gewesen wären. Das hatte eine gewisse Leichtigkeit. Aber so bin ich aufgewachsen. Ich konnte auch zur Schule gehen, wann ich wollte. Wenn es regnete, durfte ich gar nicht zur Schule. Denn meine Mutter meinte, die können dir nichts so Wertvolles beibringen, dass es sich dafür lohnt, nass zu werden.

Wie bitte? Was stand denn dann in Ihrem Entschuldigungszettel?
Na, meine Eltern haben die Schule systematisch belogen. Jedes Jahr sollte ich von der Schule geschmissen werden, weil ich so selten da war. Ich war trotzdem ein guter Schüler. Meine Eltern waren beide sehr hübsch. Und sie machten es immer so, dass wenn ein Gespräch mit einer Lehrerin anstatt, mein Vater hinging, und wenn es ein Lehrer war, dann ging meine Mutter. Mein Vater hatte diesen Monolog, der ungefähr so ging: Die Natur hat meinen Sohn schon einmal bestraft, und jetzt wollen Sie ihn erneut bestraften? Er trug das sehr überzeugend vor. Einmal jedoch sollte es ein Gespräch mit einer Lehrerin sein, also ging mein Vater. Doch vor Ort war es dann doch ein Lehrer. Und er stellte meinem Vater eine Frage. Er wolle doch gern wissen, wie es sein kann, wo sein Sohn doch so krank sein muss, dass er nie zur Schule kommen könne, dass er trotzdem das Kind mit dem besten Teint sei.

Was hat Ihr Vater geantwortet?
Er sagte, ohne mit der Wimper zu zucken: Bevor ich zur Arbeit gehe, setze ich ihn auf den Balkon, das ist gut für seine Entwicklung. Ich ging halt immer zum Strand. Meine Eltern wollten immer gute Menschen sein. Meine Mutter wuchs in einem Waisenhaus auf. Und für sie war das System der Erwachsenen irgendwie der Feind. Man kann sich nur selbst vertrauen. Ich sage auch immer, dass es sich manchmal anfühlt, als ob ich nicht in einer Familie aufgewachsen bin, sondern in einer Gruppe mit Partys und Verstecken im Wald von Ramat Gan.

Wie haben Sie denn Ihre Mutter genannt?
Das ist eine lustige Geschichte. Bis zum Alter von drei Jahren habe ich beide meiner Eltern bei ihren Vornamen genannt, also Orna und Efraim, denn so sprachen sie sich nun einmal an. Damit hatten sie ein Problem, denn sie wollten, dass ich Mama und Papa sage. Daher fingen sie an, einander mit Mama und Papa anzusprechen. Und bis zum Tod meines Vaters haben sie sich so angesprochen. Aber ich sagte immer Imale zu ihr.

War Ihre Mutter eher eine »Mutter« oder eine »Mama«?
Meine Mutter hat immer gesagt, die Art und Weise, was für ein Elternteil später man mal wird, hängt viel mit der Kindheit zusammen. Man blickt zurück auf seine eigene Kindheit, und wie die Eltern einen erzogen haben. Wenn das gut war, imitiert man es, wenn es schlecht war, rebelliert man dagegen. Sie hatte keine Referenz, ihre Familie wurde ermordet. Also bat sie uns Kinder um Hilfe. Sie sagte, wenn ich etwas mache, das falsch ist, dann sagt mir: »Mama, mache es so und nicht so.« Sie versprach nicht, dass es klappen würde, aber dass sie zuhören würde. Und zusammen würden wir schon einen Weg finden, dass sie die beste Mutter sein würde.

Sie erzählten vor der Eröffnung der Ausstellung »Inside Out«, dass Ihre Mutter, als Sie Vegetarier wurden, ein Gericht gekocht habe, was Ihnen die Zuneigung und Gunst vieler Menschen eingebracht habe – nicht zuletzt Zutritt zu Clubs ermöglichte. War sie eine Jiddische Mamme?
Ich fühlte mich unglaublich beschützt. Physisch, nicht metaphorisch. Wenn mich jemand verletzten wollte, wäre meine Mutter hingegangen und hätte ihn umgebracht. Sie hätte nicht die Polizei gerufen, der Typ hätte tot im Pool gelegen. Das machte mich als Kind sehr vorsichtig, ihr von Konflikten zu berichten. Sie würde nicht zu ihm gehen und mit ihm reden, sie hätte ihn im Fluss ertränkt. Eine Geschichte, die es nicht in die Ausstellung geschafft hat, ist die, dass sie jemand über ihre Vergangenheit interviewen wollte. Also kam er, klingelte, trat sich aber die Schuhe nicht auf dem Abtreter ab, sondern brachte Matsch mit in die Wohnung. Meine Mutter bat ihn wieder zu gehen. Er verstand nicht, und sie sagte: Wie soll ich jemandem meine sensibelsten Erlebnisse anvertrauen, der sich nicht einmal die Schuhe abtreten kann? Er sagte, dass Steven Spielberg doch sehr enttäuscht sei. Woraufhin sie erwiderte, sie wisse gar nicht, weshalb er den Namen dieses doch sehr mittelmäßigen jüdisch-amerikanischen Mainstream-Regisseurs ständig wiederhole. Er solle doch zu ihm zurückkehren und sagen, dass er es besser machen könne. Also dieses Nicht-nach-den-Regeln-Handeln, bei seiner Überzeugung bleiben – das habe ich auch etwas übernommen.

Haben Sie sich beim Gang durch die Ausstellung manchmal gefragt: Was hätte meine Mutter dazu gesagt?
Ach, das ist einfach: Meine Mutter mochte alles, was ich mache. Als ich anfing zu schreiben, gab ich meine Geschichten immer meinen Freunden zu lesen. Und sie sagten dann: Das ist eine gute Geschichte oder nicht. Und wenn ich sie meiner Mutter gab, dann sagte sie: Das ist eine ganz tolle Geschichte. Ich konfrontierte sie mal damit und sagte, es könne doch nicht sein, dass ich ihr 30 Geschichten gebe und ALLE davon ganz toll seien. Sie sagte, doch, denn sie wurden alle von meinem Sohn geschrieben.

Was haben Sie von Ihrer Mutter gelernt?
Fantasie. Ich habe das auch in meinem Buch erzählt, das Daniel Kehlmann ins Deutsche übersetzt hat: Eine der lebendigsten Erinnerungen, die meine Eltern hatten, war die Gute-Nacht-Geschichten. Denn im Ghetto gab es nichts, kein Essen, nichts. Das, was man geben konnte, war Vorstellungskraft. Meine Mutter war immer stolz darauf, dass sie nie vor dem Ende der Geschichten eingeschlafen ist. Sie kämpfte darum, wachzubleiben. Meine Eltern sprachen sechs Sprachen fließend, unser Haus war voller Bücher. Wir hatten »Mein Kampf« auf Deutsch, denn mein Vater sagte, wenn jemand meine Familie umbringt, will er wissen, woher das kommt. Bei uns standen Bücher auf Russisch, Polnisch, Deutsch, Französisch – aber: Wir hatten keine Kinderbücher, denn meine Mutter sagte: Kinderbücher werden von faulen Eltern gekauft. Das Lustige ist ja, dass ich Kinderbuchautor bin. Jedenfalls war sie der Auffassung, dass wenn man Eltern sieht, die ihren Kindern etwas vorlesen, könnte es sein, dass sie sie nicht sehr lieben. Sie sind zu faul. Eine Geschichte sei wie ein frischer Salat, geschnitten aus dem, was am Tag passiert sei. Von ihr lernte ich, dass das Teilen einer Geschichte ein Akt der Liebe und Zuneigung ist. Früher, als ich noch etwas verrückter war, konnte es vorkommen, dass ich auf Lesungen zwei Kapitel aus dem Buch vortrug, es dann zuklappte und dann einfach sprach, denn Geschichten miteinander zu teilen, ist wie Küssen, wie sich lieben. Das macht man nicht mit Menschen, die einen darum bitten. Menschen, die ich liebe, denen erzähle ich Geschichten. Der Vater meiner Frau ist der vielleicht bekannteste Kinderbuchautor Israels, Yonatan Gefen. Meine Frau ist ja auch Kinderbuchautorin, und sie kam mit diesem Stapel Bücher an und sagte, dass wir die unserem Sohn vorlesen würden – die ganzen Klassiker. Und ich sagte: Nein, wir lieben ihn doch. Mein Sohn konnte immer auswählen, ob er eine Geschichte aus dem Kopf oder eine aus dem Buch haben wolle.

Wie entschied er sich?
Er wollte fast immer eine aus dem Kopf. So wurde ich Kinderbuchautor, denn jeden Abend wollte er eine Geschichte hören. Er sagte dann, Dad, wenn ich einschlafe, schreib sie auf und mach daraus ein Buch. Ich fragte ihn, warum und er antwortete, weil wir so unser Geld verdienen. Daraus wurde ein Bestseller, und ich hatte einen fünfjährigen Literaturagenten.

Mit dem israelischen Autor sprach Katrin Richter.

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