Redezeit

»Ich halte den Leuten einen Spiegel vor«

Publizist Henryk M. Broder Foto: imago

Herr Broder, haben Sie gelegentlich das Gefühl, jemanden darzustellen, der Sie eigentlich gar nicht sein wollen und aus dessen Rolle Sie nicht mehr herauskommen? ??
Früher gab es Juden, die wollten raus aus dem Ghetto, durften es aber nicht verlassen. Und es gab Juden, die lieber im Ghetto bleiben wollten. Am Ende weiß man nicht, ob das Ghetto selbstverschuldet war oder von außen auferlegt. So in etwa ist es auch bei mir. ??

Inwiefern? ?
Einerseits möchte ich nicht auf meine Jüdischkeit reduziert werden. Jude zu sein, ist schließlich nicht abendfüllend. Andererseits kann ich es mir nicht verkneifen, zu reagieren, wenn bösartiger Unsinn über Israel oder Juden geschrieben wird.
??
»Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht«, scheint dabei oft Ihr Motto. Sie sind geradezu berüchtigt für Ihre scharfsinnigen politischen Analysen wie für Ihre Polemik und Überspitzung der Realität. ??

Übertrieben und zynisch ist nicht der Spiegel, der die Wirklichkeit reflektiert, sondern die Realität selbst. Wenn sich Leute als Antizionisten gebärden und ich sie als Antisemiten bezeichne, bringe ich nur die Realität auf den Punkt. ??

Fühlen Sie sich dabei wie der Schriftsteller Maxim Biller als »gebrauchter Jude«? Also als jemand, der auf dem »Judenticket« unterwegs ist und dadurch Karriere macht, indem er Wahrheiten ausspricht, über die sich kein Deutscher zu sprechen traut? ??
Es kommt vor, dass ich mich an Themen mache, die andere meiden. Das ist einfach so, dem kann ich nicht entkommen. Ich sehe mich aber keineswegs als »Der gebrauchte Jude«. Dafür bin ich, im Gegensatz zu Biller, zu jung. Ich glaube, wenn es in diesem Lande jemanden gibt, der auf dem »Judenticket« fährt, dann ist es Biller. Wird eines seiner Bücher von irgendeinem Wald- und Wiesen-Literaturkritiker verrissen, fühlt er sich gleich als Opfer einer antisemitischen Attacke. Er ist ein ungemein narzisstischer, vollkommen autistischer Mensch ... ??

... der jedoch in regelmäßigen Abständen außerordentlich beachtliche Bücher schreibt. ??
Das bestreite ich auch gar nicht. Ich bin sogar der Meinung, dass eine bestimmte psychische Verbiegung, wie sie bei Maxim zum Ausdruck kommt, Voraussetzung für Talent ist. Aber dennoch ist er extrem anstrengend. Dass auch in meinen Arbeiten das Judentum eine Rolle spielt, will ich nicht bestreiten. Es ist in derselben Weise für mich bedeutend, wie es für Alice Schwarzers Arbeit eine Rolle spielt, dass sie eine Feministin ist oder für Rosa von Praunheim, dass er schwul ist. Jeder hat sein Thema. »Ich schreibe über Juden, weil ich Jude bin. Wäre ich ein Pferd, würde ich über Pferde schreiben«, sagt Leon de Winter. Das gilt auch für mich. Selbst, wenn ich über so ziemlich alle Themen schreibe, außer Sport. Für die einen bin ich ein Provokateur, für die anderen ein Clown. ??

Und trotzdem: Ich habe den Eindruck, dass Ihre politische Einschätzung und Kritik am selbstgerechten Gutmenschentum durch Ihre polemischen Einlagen zuweilen unterzugehen drohen. ??
Die Leute nehmen es sich und mir übel, dass ich ihnen den Spiegel vorhalte und sie dabei auch noch unterhalte. Man macht mich dafür verantwortlich, dass sie unter ihrem Niveau lachen. Ich finde, es gibt schon genug Journalisten, deren Texte gequirlte Scheiße sind und die ich fünfmal lesen muss, um herauszufinden, was nicht gemeint ist. Wer meine Sachen nicht mag, der soll, bitte schön!, den Sender wechseln und Roger Willemsen zuhören. Es ist mir vollkommen egal, was die Leute über mich denken. ??

Es heißt, Sie schreiben, um sich abzulenken, da Sie andernfalls schnell in Depression fallen. ??
Zeigen Sie mir einen guten Autor, der nicht in ein Loch fällt, wenn er aufhört zu schreiben! Wenn ich arbeite, bin ich zufrieden. Ich tobe mich aus, gleichgültig, ob ich über Israel, Island oder Indien schreibe. Glück dagegen ist für mich ein Zustand, den man nicht erreichen kann. Glück wäre so etwas wie die Ankunft des Messias. Wäre ich glücklich, hätte ich jedenfalls schon längst diesen ganzen Zirkus beendet und wäre nach Neuseeland abgehauen. ??

Doch der Zirkus geht weiter. Kürzlich haben Sie das Medium gewechselt und waren für die ARD mit Hamed Abdel-Samad auf großer »Deutschland-Safari«.
?Ja, dabei hatte ich eigentlich abgeschlossen mit dem Fernsehen. Hamed und ich gaben uns alle Mühe, keine Geschmacklosigkeit auszulassen. Doch auch für uns gelten Grenzen: Ich mache keine Witze über Behinderte und ich lästere auch nicht über Gott, von dessen Existenz ich übrigens keineswegs überzeugt bin. ??

Gleichwohl bezeichnen Sie Gott stets als Zyniker, der zwischen 1933 und 1945 Ferien gemacht hat. ?
Wenn Gott existiert, dann ist er ganz sicher nicht allgütig und allmächtig, sondern grausam, sadistisch, böse, gleichgültig und zynisch. Ich halte es aber für erkenntnistheoretisch unmöglich, zu entscheiden, ob es Gott gibt oder ob es ihn nicht gibt. Deswegen bin ich kein Atheist, sondern Agnostiker. Aber solange er sich nicht bei mir meldet und sagt, wo er in Zeiten von Auschwitz war, gehe ich von seiner Nicht-Existenz aus.


Henryk M. Broder, 1946 in Kattowitz geboren, kam 1958 mit den Eltern über Wien in die Bundesrepublik. In Köln studierte er Volkswirtschaft und Jura. Der später nicht nur von der Tageszeitung »Die Welt« als »berühmtester Polemiker unter Deutschlands Journalisten« apostrophierte Broder begann Ende der 60er-Jahre in Hamburg publizistisch zu arbeiten, wo er unter anderem für die »St. Pauli-Nachrichten«, in den 70er-Jahren auch für das Satiremagazin »Pardon« schrieb. 1981 verlegte er seinen Wohnsitz zeitweilig nach Jerusalem, weil er sich nicht länger mit dem Antisemitismus der deutschen Linken auseinandersetzen wollte. In seinen Texten setzt sich Broder bis heute kritisch mit dem deutsch-jüdischen Verhältnis auseinander. Er lebt in Berlin und schreibt für die »Welt«-Gruppe.

Debatte

Streit um die Deutungshoheit

Die harten Auseinandersetzungen um die Studie des Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe über die Rolle polnischer Bürgermeister in der Schoa sind ein Lehrstück über den Umgang mit der Freiheit der Wissenschaft

von Julien Reitzenstein  25.02.2026

Antisemitismus-Skandale

Wolfram Weimer will Berlinale-Chefin Tricia Tuttle entlassen

Der Kulturstaatsminister zieht Konsequenzen

 25.02.2026 Aktualisiert

Meinung

Was Layout verraten kann

Holger Friedrich hat die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung auf den Markt gebracht. Bei der Gestaltung drängen sich merkwürdige Bilder auf. Welche Zielgruppe will er wohl erreichen?

von Marco Limberg  25.02.2026

Berlin

Igor Levit: Fünf Prokofjew-Konzerte an drei Abenden

Von Romantik pur bis hin zu rasanten Läufen und ungewohnten Rhythmen: Im März bietet sich in der Philharmonie eine einmalige Gelegenheit

von Imanuel Marcus  24.02.2026

Kanadischer Rock

Geddy Lee Weinrib kündigt Rush-Konzerte in Deutschland an

Die letzten Auftritte des jüdischen Sängers und Bassisten sowie seiner Formation in der Bundesrepublik sind 13 Jahre her

 24.02.2026

Kino

Ein Leben als Pingpong-Partie

Timothée Chalamet glänzt in »Marty Supreme« als ambitionierter Pingpong-Spieler und Überlebenskünstler Marty Mauser, der in den 1950er Jahren den Weltmeistertitel im Tischtennis anstrebt. Auch Deutschlands bester Tischtennis-Spieler aller Zeiten, Timo Boll, ist in dem Film zu sehen

 24.02.2026

Eurovision Song Contest

Israel geht mit »Michelle« an den Start

Jetzt ist klar, welchen Song Noam Bettan im Mai beim ESC vortragen wird. Das Stück soll aber schon im März Premiere feiern

 24.02.2026

Meinung

Xavier Naidoo hat allen etwas vorgemacht

Der Popstar hat gerade erst sein Comeback gegeben, da verbreitet er wieder antisemitisch konnotierte Verschwörungsmythen. Spätestens jetzt ist seine angebliche Läuterung ganz und gar unglaubwürdig geworden

von Ralf Fischer  23.02.2026

Interview

»Putin hat einen riesigen Repressionsapparat aufgebaut«

»Memorial«-Mitgründerin Irina Scherbakowa über vier Jahre Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Folgen für die russische Gesellschaft

von Ralf Balke  22.02.2026