Interview

»Ich fühle mich verpflichtet«

Herr Adorf, heute läuft in den Kinos »Der letzte Mentsch« an, in dem Sie die Hauptrolle spielen. Der Film thematisiert die Schoa und die Erinnerung daran. Sie haben die NS-Zeit selbst erlebt, sind Jahrgang 1930. Waren Sie als Jugendlicher ein Nazi?
Nun, als Gymnasiasten waren wir die natürlichen Führer des NS-Jungvolks. Das heißt, wir waren zehn bis 14 Jahre alt und hatten vom Nationalsozialismus keine Ahnung. Die Zugehörigkeit zum Jungvolk war Pflicht, dazu gab es keine Alternative. Aber, ja, ich habe das Leben in dieser Gemeinschaft gerne mitgemacht. Ich liebte die Musik und war Mitglied und später Führer eines Fanfarenzuges.

Was haben Sie damals von der Judenverfolgung mitbekommen?
Ein Beispiel: Ich war acht und lebte in einem Waisenhaus. Ich erinnere mich gut an die sogenannte Reichskristallnacht. Wir erfuhren vom Brand der Synagoge, durften in der Nacht aber natürlich nicht das Haus verlassen, dabei hätten wir auch so gerne das Feuer gesehen.

Wie wichtig war es Ihnen angesichts dieser Biografie, in dem Film mitzuspielen?
Ich empfinde es seit Langem als Verpflichtung und habe über die Jahrzehnte an mehreren Filmen über diese Thematik mitwirken können. Ich glaube, dass man als Schauspieler doch eine Verantwortung trägt, in einem Film mitzuspielen, der sich mit diesem dunklen Kapitel unserer Geschichte beschäftigt.

In dem Film verkörpern Sie einen Schoa-Überlebenden, der sich auf die Suche nach seiner jüdischen Identität begibt. Wie anspruchsvoll war es, diese Rolle zu spielen?
Bei diesem Film habe ich die Verantwortung ganz besonders gespürt, meine Rolle glaubwürdig und ernsthaft darzustellen. Das heißt, dass man sich informiert und perfekt vorbereitet, um diese Glaubhaftigkeit erzeugen zu können. Das Besondere ist ja, dass die Hauptperson Menahem Teitelbaum zur Verarbeitung der schrecklichen KZ-Erfahrung das Vergessen gewählt hat. Nach seiner Befreiung nahm er einen nichtjüdischen Namen an, um mit seiner Jüdischkeit auch die Erinnerung an die Schrecken des KZ zu löschen.

Können Sie nachvollziehen, dass Menahem vor seiner eigenen Geschichte zu fliehen versuchte?
Wir müssen bedenken, dass er nach Kriegsende, als er diese Entscheidung fasste, etwa 15 Jahre alt war. Es war dieser jugendliche Entschluss, zu glauben, dass totales Vergessen zu der Lösung führen könnte, dass das Furchtbare »einfach nicht passiert war«.

Ein Trugschluss?
Ja, natürlich. Als alter Mann wird Menahem sich der Nähe zum eigenen Tod und bei einem zufälligen Gang über einen jüdischen Friedhof der größeren Dauerhaftigkeit eines jüdischen Grabes bewusst. In diesem Moment entscheidet er sich, sein gelebtes Nichtjudentum zu guter Letzt aufzugeben und sein Judentum anzunehmen. Er, der einmal gesagt hat »Jude sein ist eine unheilbare Krankheit«, macht endgültigen Frieden mit seiner Herkunft.

Mit dem Schauspieler sprach Philipp Peyman Engel.

Lesen Sie die Rezension zum Film:
www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19096

Medien

Protokollant des täglichen Irrsinns

Der Publizist Henryk M. Broder wird 80. Eine persönliche Würdigung von Reinhard Mohr

von Reinhard Mohr  19.08.2026

Heidelberg

Hüter des Gedächtnisses

Im Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden liegt alles, was jüdische Gemeinden seit 1945 in Deutschland an Dokumenten produziert haben. Jens Hoppe, der Leiter der Einrichtung, sichert die Zukunft der Bestände

von Eugen El  19.08.2026

Programm

Ein Moped-Gottesdienst, Kaffee, Kuchen und ein Zirkus-Koffer in Frankfurt: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 20. August bis zum 27. August

 19.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 19.08.2026

Film

25 Jahre »A.I.«: Odyssee eines Roboter-Jungen

Ein Vierteljahrhundert ist Spielbergs Film »A.I. – Künstliche Intelligenz« jetzt alt. Das Werk ist extrem rührselig, aber dennoch sehenswert. Und es wirft Fragen auf, die auch 2026 sehr relevant sind

von Gregor Tholl  19.08.2026

Film

Überraschend witzige Geschichte über Begehren und Scham

In der Slasher-Satire »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« von Jane Schoenbrun spritzt Blut, Gillian Anderson flirtet und eine junge Regisseurin versucht, ihre eigene Lust zu verstehen

von Shireen Broszies  19.08.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis: Mirjam Zadoff hält Laudatio auf Philipp Sands

Der Menschenrechtsanwalt Philippe Sands erhält eine der angesehensten Auszeichnungen Deutschlands. Nun wurde die Laudatorin bekanntgegeben

 19.08.2026

Rezension

Antidot gegen Lüge und Vernebelung

Richard Herzinger war ein lebenslanger Streiter gegen Antisemitismus jeglicher Couleur. Ein Auswahlband seiner Texte zeigt ihn nun einmal mehr als einen wortmächtig-analytischen Solitär

von Marko Martin  19.08.2026

Kino

»Hiddensee« - Ein Inselparadies, nicht frei von Widersprüchen

Punk am Strand, Kunst und Politik im Laufe der Zeit - eine Doku über die Ostseeinsel Hiddensee und ihre wechselvolle Geschichte

von Kira Taszman  18.08.2026